Deutschland spricht "Und das findest du gut, einen Handelskrieg?"

Den Deutschen gehe es heute besser, sagt Tobias Lührig. David Zschornak ist sich da nicht sicher. Eine Begegnung in Dresden zwischen einem Mann der Zahlen und einem, der seinem Gefühl vertraut.

David Zschornak und Tobias Lührig
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David Zschornak und Tobias Lührig

Aus Dresden berichtet


Die Diskussionskultur in Deutschland habe sich deutlich verschlimmert, findet Tobias Lührig, das beobachte er schon seit Längerem. Auf Demonstrationen hier in Dresden habe er versucht, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die politisch anders denken als er, und dabei gemerkt, wie schwierig das mittlerweile sei.

"Ich habe zunehmend das Gefühl, dass wir weniger an Lösungen und Kompromissen interessiert sind; stattdessen machen wir Statements, nehmen unverrückbare Positionen ein", sagt Lührig. Er spricht von Fragmentierung, von einer Filterblase, in der inzwischen viele lebten.

Aus Sorge davor, dass man mit Menschen, die andere Ansichten haben, künftig womöglich gar nicht mehr diskutieren könnte, hat er sich an diesem Sonntag in einem Café in der Dresdener Neustadt eingefunden. Bis zum Elbufer ist es von hier aus ein Fußweg von 15 Minuten; er führt vorbei an graffitibedeckten Hausfassaden, Gourmet-Burger-Läden und einem Geschäft, das afrikanische Kunst und Trödel verkauft. "Vielleicht lebe ja auch ich in einer Filterblase, einer anderen Realität?", hatte Lührig sich in Erwartung auf das Gespräch gefragt.

David Zschornak tritt in das Café und an Lührigs Tisch heran. Seit Tagen stehen Lührig und Zschornak in E-Mail-Kontakt, die Aktion "Deutschland spricht" brachte sie zusammen. Schon vor dem Gespräch wissen sie, dass sie über eine Reihe jener Fragen, die die Öffentlichkeit in diesen Tage bewegen, ganz unterschiedlich denken. Die beiden begrüßen sich und bieten einander das Du an. Sie sprechen.

Die Teilnehmer
  • Tobias Lührig ist leitender Angestellter eines mittelständischen Unternehmens, 44 Jahre alt. Er lebte und arbeitete schon in den USA, Indien und Japan. Seit fünf Jahren wohnt er in Dresden, verbringt aus beruflichen Gründen aber auch viel Zeit in Nordrhein-Westfalen und Bayern.
  • David Zschornak, 28, macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Er stammt aus dem knapp 60 Kilometer entfernten Kamenz, seit 10 Jahren lebt er in Dresden. Seine Erwartungen an das Gespräch: "Ein Meinungsaustausch, mit jemandem, der mir komplett fremd ist - das fand ich interessant."

Leben in Deutschland

Lührig: Glaubst du, dass es uns heute besser geht als vor zehn Jahren?

Zschornak: Das glaube ich weniger.

Lührig: Und warum?

Zschornak: Ich würde vielleicht auch nicht sagen, dass es uns schlechter geht, aber... Er zögert. Gerade, was meine Mutter anbelangt, die es sehr schwer hat…...

Lührig: …...die noch in der Nähe von Kamenz ist?

Zschornak: Ja, genau. Der geht es - naja, wie sage ich das? - echt beschissen.

Er erzählt, dass seine Mutter ihre Arbeit aufgeben musste und sich mit Nebenjobs durchschlage. Das Ganze habe familiäre Gründe, die er hier aber nicht breittreten wolle. Er kommt zurück auf das Gesamtgesellschaftliche.

Zschornak: Also, es wird uns zwar immer wieder von unserer Politik klargemacht: Der Wirtschaft geht es gut: In der Wirtschaft sind wir super aufgestellt. Das kommt aber beim Menschen nicht an.

Lührig: Du bist zehn Jahre hier in Dresden, ja? Hast du das Gefühl, dass es in Dresden besser geworden ist in den letzten zehn Jahren oder schlechter?

Zschornak überlegt, dann: Schlechter.

"Schlechter?", fragt Lührig, ohne die Stimme zu heben. Mit der Antwort hat er gerechnet, hat sich auf sie vorbereitet, nicht nur mental. Er hatte ja über sich geschrieben: "ZDF: Zahlen, Daten, Fakten." Er hat Zahlen mitgebracht: Statistiken der Stadt Dresden, ausgewertet von der Dresdener Technischen Universität. Die Diagramme zeigen: Seit 2005 ist die Arbeitslosenquote in der Stadt um fast zwei Drittel gesunken, das Einkommen der Haushalte gestiegen.

"Hmm." Es sei mehr ein Gefühl, das er habe, sagt Zschornak. Und in seiner Heimatregion sei die Lage etwas anders als in Dresden.

Nächstes Thema. Wieder geht es um Sachsen.

Chemnitz und die Folgen

Lührig fragt Zschornak nach den Ausschreitungen in Chemnitz. Zschornak ist schnell bei der Rolle der Politik und der Medien - und bei Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. An diesem Punkt zeigt sich, dass die beiden nicht unbedingt einzelne Vorgänge unterschiedlich bewerten, sondern bei der Betrachtung eines Themas unterschiedliche Schwerpunkte setzen, ihren Blick auf verschiedene Dinge richten.

Zschornak: Maaßen hatte dann ja verlautbaren lassen, er zweifle an der Hetzjagd. Dazu gab's dieses dubiose Video. Und ich dachte mir: Das soll jetzt irgendetwas beweisen, dass es eine Hetzjagd gab?

Gleich nach Maaßens Interview sei auf Maaßen eingeprügelt worden. "Wie kann man das behaupten, wurde da gefragt? Und anhand des Videos musste ich Maaßen erstmal recht geben." Der Verfassungsschutzchef habe zwar "andere Sachen ziemlich verkackt", aber in dem Punkt sei er einer Meinung mit Maaßen gewesen.

Lührig: Aber glaubst du, dass dieses Video der zentrale Punkt war in Chemnitz? Ich sag' dir mal mein Statement dazu: Was immer der da gesagt hat, da habe ich mich nicht im Detail mit befasst, weil ich das nicht als zentral empfunden habe. Für mich war wesentlich zentraler, wie die Demokratie damit umgeht, dass da Leute durch die Straße ziehen und Angriffe auf andere Bürger machen, wo auch immer die herkommen, auf allen Seiten, und dass in den sozialen Medien auf allen politischen Spektren extrem mobilisiert wird.

Lührig fragt Zschornak, ob er in Chemnitz an der rechten Kundgebung teilgenommen hätte, oder an einer der Demonstrationen von Pegida in Dresden. "Ich? Nein", sagt Zschornak. Bei manchen seiner Verwandten sei das möglicherweise anders.

Das Gespräch kommt auf einen Mann, der zwar kein Deutscher ist, den aber dennoch niemand, der in Deutschland lebt, ignorieren kann.

America First? Deutschland zuerst?

Lührig: Du hast gesagt: Donald Trump ist gut für die USA. Warum? Ich hab' mehrere Jahre in den USA gelebt. Das würde mich interessieren.

Zschornak: Ich finde das interessant, dass er wirklich probiert, das einzuhalten: dieses "America First", "Make America Great Again". Und da scheißt er halt auf sämtliche internationalen Übereinkünfte, beginnt jetzt diesen Handelskrieg.

Lührig: Und das findest du gut, einen Handelskrieg?

Zschornak: Die Frage war ja: Tut Donald Trump den USA gut? Das denke ich, ja. Aber vielleicht nicht der Welt.

Lührig ist ganz anderer Meinung. Er erzählt, wie er vor kurzem wieder längere Zeit in den USA gearbeitet habe und wie sich amerikanische Freunde und Bekannte erstmals bei ihm entschuldigten. Sie schämten sich, dass Lührig als Deutscher Amerika unter diesem Präsidenten erleben müsse.

Wenn er "America First" befürworte, fragt Lührig Zschornak, gilt das gleich dann auch für ein "Deutschland zuerst"? Und was bedeute das für die Flüchtlingsfrage? Natürlich sei er dafür, dass Menschen, die von Krieg und Verfolgung fliehen, in Deutschland aufgenommen werden, sagt Zschornak. Die Diskussion ist nach seinem Dafürhalten aber viel zu undifferenziert. So konnte er bei manchen der Länder, die jüngst als sichere Herkunftsstaaten eingestuft wurden, nicht nachvollziehen, warum sie zuvor als unsicher behandelt wurden.

Das bedingungslose Grundeinkommen und die Filterblase

Das Gespräch streift in seinem weiteren Verlauf eine ganze Reihe anderer Themen. Zschornak sagt, dass er für ein bedingungsloses Grundeinkommen sei. Man müsse die unteren Teile der Bedürfnispyramide abdecken. Die Idee sei zwar interessant, erwidert Lührig. Er ist sich aber nicht sicher, ob sie finanzierbar ist.

Ein Wort benutzen beide während des Gesprächs mehrmals und in verschiedenen Zusammenhängen: Filterblase. Diese gebe es nicht nur in den Medien und sozialen Netzwerken, sagt Zschornak, sondern auch ganz allgemein im Alltag und im individuellen Umfeld. In einem Punkt sind sich am Ende beide einig: Es war gut, aus der Filterblase herauszukommen.

Ein Gespräch war heute möglich, eine Diskussion auch.

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Actionscript 24.09.2018
1. Beide Zschornak und Lührig haben keine....
...so extrem gegensätzlichen Meinungen, dass es nicht zu einer guten Diskussion kommen könnte. Jedenfalls ist das mein Eindruck. ZB was Trump angeht, so ist Lührig als erfahrener Amerika Reisender vermutlich in der Lage, Argumente und Wissen zu präsentieren, was Zschornak überzeugen könnte, dass abgesehen von Trump als Person seine Politik nur den Reichen und Rechten aber nicht den meisten Amerikanern dient. Auf der anderen Seite könnte Zschornak Lührig zum Denken anregen, wenn es um die berufliche Zukunft und Angst angeht. Beide Diskussionspartner sind eben nicht Welten voneinander entfernt. Gute Kombination zur Diskussion.
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