Geplatzter Dialog Warum über Homosexuelle nicht in Moscheen diskutiert werden darf

In einer Berliner Moschee sollte ein Dialog über Homophobie zwischen Muslimen und Homosexuellen stattfinden. Ein mutiger Schritt in Richtung Toleranz - der von Teilen der türkischen Presse mit einem Aufschrei quittiert wurde. Ein Lehrstück über Toleranz.

Sehitlik-Moschee in Berlin: "Wir müssen weiter reden"
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Sehitlik-Moschee in Berlin: "Wir müssen weiter reden"

Von und Marius Münstermann


Berlin/Istanbul - Manchmal zeigt sich erst dann, wie wichtig ein Dialog ist, wenn er nicht stattfindet. So zu beobachten in Berlin-Neukölln, die Geschichte geht kurz gefasst so: Der Vorsitzende einer muslimischen Gemeinde und einige Vertreter von Schwulen- und Lesbenverbänden wollten sich in einer Moschee treffen, um über das Thema Islam und Homophobie zu diskutieren. So weit, so mutig. Doch aus dem Dialog wurde nichts, vorerst zumindest. Es hagelte Protest, der Vorsitzende sagte das Treffen ab.

Ender Çetin, er steht der Sehitlik-Gemeinde in Neukölln vor, sagte am Montagmittag: "Der Grundgedanke war, eine Begegnung zu schaffen." Neben ihm stand Daniel Worat, Vorstand im Bundesverband schwuler Führungskräfte (Völklinger Kreis). Seit' an Seit' auf einem Teppich in der Moschee. Nur redeten sie heute noch nicht über Glauben und Liebe, sondern erklärten, was da gerade passiert war.

Was war passiert? Am 24. November sollte das Treffen in der Moschee stattfinden, der Wunsch wurde von den Verbänden an Çetin herangetragen. Die türkische Presse bekam Wind davon, bei ihr entstand der falsche Eindruck, Çetin habe in seine Moschee eingeladen. Die Zeitung "Yeni Akit" berichtete von einem geplanten Besuch "abnormaler Homosexueller", "Sözcu" schrieb, die Regierungspartei AKP habe selbst die Anweisung gegeben, die Gruppe nicht in die Moschee zu lassen. "Takvim" nannte die "Einladung" von Homosexuellen in ein Gotteshaus einen "Skandal".

"Islamophobie in der schwulen Community"

Ender Çetin sah sich nun genötigt zu betonen, dass von einer Einladung keine Rede sein könne. Zugleich betonte er, dass es bereits in der Vergangenheit zwei Besuche von LGBTI-Gruppen in der Moschee gegeben habe. "Unsere Moschee steht allen offen", sagte Çetin, legte dann aber seine Einstellung offen: "Homosexualität ist eine Sünde", um schließlich wieder abzumildern, indem er sagte, die Diskriminierung von Homosexuellen könne kein wahrer Muslim hinnehmen. Wie er diesen Zwiespalt überwinden will? Der geplante Dialog könne dabei helfen, Antworten zu finden.

Es hätte niemanden gewundert, wäre Daniel Worat bei dem Wort "Sünde" nach draußen gegangen. Der Vorstand im Völklinger Kreis ist derjenige, der den Anstoß zu der Begegnung mit der muslimischen Gemeinde gegeben hatte. Worat aber blieb. Und er sagte: "Natürlich tut es mir im Herzen weh, wenn ich höre, dass das Ausleben meiner Sexualität eine Sünde sei. Trotzdem kann ich relaxt bleiben. Es bringt doch nichts, jetzt zu sagen: Wussten wir doch, dass die Muslime alle homophob sind."

Worat sieht den Dialog wie Çetin als Möglichkeit zur Annäherung. "Ich muss an dieser Stelle daran erinnern, dass teilweise auch in der lesbisch-schwulen Community Islamophobie vorhanden ist. Es geht also darum, gegenseitige Vorurteile abzubauen." Ein Treffen von Schwulen und Lesben mit Muslimen in der Moschee wäre "ein Highlight" gewesen, so Worat.

Wenn sich da alle so einig sind: Wieso der Rückzieher? Ender Çetin sagt, auch in seiner Gemeinde gebe es Kritik an dem Dialog. Das Medienecho aus der Türkei aber habe ihn überrascht.

"Unsere Gemeinde ist der Zeit voraus"

Dabei ist die Verbindung seiner Gemeinde zur Türkei eng. Sie ist Mitglied in der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), die dem Präsidium für Religiöse Angelegenheiten der Türkei untersteht. Wegen dieser Bindung an die Türkei wurde Ditib in der Vergangenheit unter anderem als "langer Arm Erdogans" kritisiert.

Und die Situation von Schwulen und Lesben in der Türkei ist mit der in Deutschland kaum vergleichbar. Zwar ist gleichgeschlechtlicher Sex in der Türkei, anders als in vielen anderen Ländern mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung, nicht strafbar. Homosexualität aber ist in weiten Teilen der Gesellschaft nicht akzeptiert und gilt als Krankheit oder psychische Störung. Schwule und Lesben werden häufig von ihren Familien ausgeschlossen und müssen ihre sexuelle Identität in der Öffentlichkeit verbergen.

Das war einmal anders: Vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren entstanden viele Cafés, Bars und Clubs, die sich gezielt an ein homosexuelles Publikum richteten. Die liberalen Zeiten fanden aber ein Ende, als Mitte der Neunziger der konservativ-islamische Necmettin Erbakan zum Premierminister gewählt wurde. Seither und unter der ebenfalls islamisch orientierten AKP, die seit 2002 regiert, sei es nicht besser geworden, beklagen Schwulenverbände in der Türkei.

Und wie steht es um die Toleranz von Muslimen gegenüber Schwulen und Lesben in Deutschland? "Der angedachte Dialog ist keine Selbstverständlichkeit", sagt der Theologe Ender Çetin. Aber er ist überzeugt: "Unsere Gemeinde ist der Zeit voraus. Dass wir über das Thema Homophobie sprechen, ist ganz neu. Aber es ist jetzt da, und wir müssen weiter reden."

Çetin und alle Beteiligten fürchten nun aber, dass die Veranstaltung durch Provokationen gestört werden könnte. Sie wollen sich nun an einem neutralen Ort treffen, der Dialog soll wie geplant am 24. November beginnen.



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