Besuch in Banksys "Dismaland" Freizeitpark der fiesen Mäuse

Mit "Dismaland" hat der britische Künstler Banksy seine düstere Version eines Vergnügungsparks geschaffen. Kurz vor Schluss besuchte Benjamin Maack den Hybriden aus Kunstausstellung, Disney-Beschimpfung und Aufruf zum zivilen Ungehorsam.

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Durch das kleine Viereck in der Wand sehe ich Nebel, bräunliches Wasser, bräunlichen Matsch davor, das ist der Strand. Meerblick würde wohl auf der Internetseite des Hotels stehen. Draußen an der verlassenen Strandpromenade dreht sich ein leeres Riesenrad, schläft ein einsames Karussell. Schreit da draußen eine Möwe? Oder ist das ein Baby?

Trotz der Tristesse ist das Hotel fast ausgebucht. Denn in diesen Tagen hat das halbvergessene Strandbad Weston-super-Mare im Südwesten Englands einen brandheißen Tourismusmagneten: Banksys "Dismaland". Hinter den Mauern eines lang geschlossenen Spaßbads hat der britische Künstler einen finsteren Vergnügungspark aufgebaut. Kurz bevor die Tore an diesem Wochenende wieder schließen, war ich mit Handykamera und Regenschirm in dieser außergewöhnlichen Ausstellung.

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Drei Pfund kostet der Eintritt. Auf dem Weg zu diesem merkwürdigen Ort geht es durch ein Labyrinth von Absperrgittern, so lange, dass es schwer vorstellbar ist, dass der absurde Irrweg nicht schon Teil des Kunstwerks ist - bis sich tatsächlich nach und nach Hunderte Leute hinter mir aufreihen und die Schlange bald bis weit hinter die Gitter reicht.

Durch den Eingang werden wir von unfreundlichem Wachpersonal - "Weitergehen! Keine Fotos! Schneller! Nicht reden! Nicht lächeln!" - durch eine Sicherheitskontrollkulisse gelotst, die komplett aus Pappe besteht. Direkt auf einen halbverkohlten Eiswagen zu. In ihm verkauft ein übellauniges Mädchen mit grell pinkfarbener Weste und Mickymaus-Ohren Kataloge zum Event. Alle Mitarbeiter des Parks tragen Mäuseohren. Nicht die einzige Anspielung auf das Kinderunterhaltungsimperium Disney.

Spaß im Verstimmungspark

Hinter dem Wagen ragt ein halb verfallenes Schloss auf, das stark an das Logo des Konsens-Konzerns erinnert. Rechts werden "Dismalafel" und von Ex-Sträflingen gebackene Pizza verkauft, dahinter dümpelt das stets leere Riesenrad. Links gibt es eine völlig zerschossene Schießbude - "Gewinnen streng verboten!", steht auf einem Schild. Eine weitere Anti-Attraktion ist eine Art Dosenwerfen für Depressive. Oder Optimisten. Ganz wie man's nimmt. "Kipp den Amboss, gewinne den Amboss", verspricht eine Tafel. Ich gebe der melancholischen Maus vor dem Büdchen ein Geldstück und darf mein Glück versuchen - mit drei Tischtennisbällen. Hinten auf ihrer Weste steht in großen Buchstaben "Dismal", zu Deutsch trostlos, trübselig, kläglich.

Auf der Mauer hinter mir ziert ein riesiges Graffito die Wand. "Mediocre" steht dort in mannshohen Lettern: "mittelmäßig".

Für die meisten Besucher ist Banksys Verstimmungspark trotz des Konzepts ein riesiger Spaß. Jugendliche stecken lachend ihre Köpfe durch die Wüstenkulissen-Fotowand mit den drei bewaffneten Terroristen und knipsen Handyfotos voneinander. Eltern laufen ihren staunenden Kindern hinterher. Auf einer Bank sitzt Banksys Skulptur von einer Frau, die von so vielen Möwen attackiert wird, dass ihr gesamter Oberkörper in einem bedrohlichen Sturm aus Flügeln und Schnäbeln verschwindet. Ein alter Herr posiert neben ihr und wedelt grinsend mit seiner Schiebermütze, wie um die Vögel zu verscheuchen.

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Ob die Besucher kunst- oder eventinteressiert sind, ist schwer zu sagen. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig.

Was aber ist dieses "Dismaland"? Ein extra-schräger Vergnügungspark für jedermann? Ein cool-zynisches Kunstevent? Ein zu gewaltiger Größe aufgeblasener Witz?

Schocknachrichten von einer Achtjährigen

Immerhin ist es Banksy gelungen, mehr als 50 Künstler für sein Projekt zu gewinnen. Manche von ihnen haben Werke geschaffen, die den Themenpark-Look unterstützen. Andere werden in Zelten ausgestellt, die an die Kuriositätenkabinette alter Freakshows gemahnen. Darunter etwa Damien Hirsts "The Child's Dream", ein traurig aussehendes, scheckiges Pferdchen in Formaldehyd eingelegt und mit einem goldenen Horn auf der Stirn. Auch die gefeierte Künstlerin Jenny Holzer ist dabei. Mit ihren Straßenplakaten und Leuchttafeln mit Aphorismen irritiert und inspiriert die Amerikanerin seit den späten Siebzigerjahren Passanten im öffentlichen Raum und ist damit so etwas wie die Mutter der Street-Art. In "Dismaland" schallen ihre Slogans wie "Beschütze mich vor dem, was ich will" von einem achtjährigen Mädchen verlesen über den Platz.

Eine Antwort auf die Frage, was "Dismaland" ist, findet sich an einem weiteren Ort, hinter einem unscheinbaren Eingang. Dort verwandelt sich die große, lärmige "Dismaland"-Show in einen stillen Ort zur Betrachtung von Kunst. Die Mäuse, die draußen in den grell pinkfarbenen Westen schlechte Laune verbreiten, sind in diesen Ausstellungsräumen plötzlich freundliche Helfer, Kunstkenner mit Mäuseohren und tun hier genau das, was man sich in jeder Kunstgalerie von den Angestellten wünschen würde: Sie stehen den Besuchern beim Verstehen der Werke zur Seite. So wird "Dismaland" zu einem gigantischen Stück Zucker, mit dem den Besuchern die bittere Medizin Kunst schmackhaft gemacht werden soll. Aber da ist noch mehr.

In den Ausstellungsräumen, wo sich Werk an Werk findet, erkennt man die große Gemeinsamkeit der vielen Bilder, Skulpturen und Installationen im Park. Sie sind Street-Art oder könnten leicht auch im öffentlichen Raum funktionieren. Und es wäre einfach, vielen dieser Werke vorzuwerfen, sie wären trivial. Bei der Skulptur einer Schlange, die Mickymaus gefressen hat, wirkt der Weg vom ersten Sehen zum Verstehen zuerst fast beleidigend kurz.

Mit Kunst gegen Verführungskitsch

Doch das ist kein Fehler der Kunst, sondern eine der wichtigsten Eigenschaften. Warum, zeigt sich in einem unscheinbar wirkenden Armeezelt. Statt noch mehr Bildern finden sich hier Infostände von Vereinen mit komplizierten Forderungen. Auf Tischen liegen Prospekte aus, dahinter stehen junge Leute, anscheinend Aktivisten. Ich bin verwirrt. Bin ich hier gefragt? Werde ich hier verarscht? Ist das Teil der Inszenierung? Oder gibt es diese Gruppen wirklich? Ich traue mich nicht, die Menschen hinter den Ständen einfach zu fragen, und verlasse den Ort fluchtartig. Erst später sehe ich im Ausstellungskatalog etwas, das ich schon im Armeezelt gesehen habe: Ein Set von Inbussen und Schlüsseln, mit denen man jede Plakattafel in Groß-Britannien öffnen und selbst verschönern kann.

Die Kunst von "Dismaland" ist nicht für Podeste und blütenweiße Galeriewände gemacht, sondern für die Straße. Dort soll sie direkt gegen den Verführungskitsch, die Heilsversprechen der Reklame, Markenlogos, Handy- und Infobildschirme antreten. Im Kampf um unsere Aufmerksamkeit bedient sich diese Kunst der Mittel der Werbung. Doch hinter den scheinbar einfachen Slogans verbergen sich komplexe, mitunter verstörende Bedeutungsebenen.

Doch warum holt Banksy diese Kunst dann von der Straße und pfercht sie zwischen die Mauern seines "Dismaland"?

Wie Banksy der Idee eines Vergnügungsparks mit "Dismaland" das Vergnügen nimmt und unseren Blick darauf verändert, ist auch die Ausstellung, die durch graue Mauern vom grauen Weston-super-Mare getrennt ist, ein geschicktes Spiel mit Perspektiven.

Ich muss gestehen: Als ich das erste Mal von "Dismaland" hörte, hielt ich das Projekt für die schlappe Eigenwerbung eines presseverwöhnten Künstlers. Nun denke ich, dass die Ausstellung grandios erdacht, konzeptioniert und kuratiert ist.

"Happy dismal-day!"

In einem Interview mit dem "Guardian" sagte Banksy, er habe "Dismaland" geschaffen, weil er fände, dass Themenparks größere Themen bräuchten. Nach meinem Besuch in Banksys Verstimmungspark glaube ich, dass Kunst relevanter wäre, wenn mehr Ausstellungen so große Themen hätten.

Am Ende verlasse ich "Dismaland" tatsächlich durch einen Geschenkeshop, der natürlich an Banksys Doku-Kunstwerk "Exit Through the Gift Shop" gemahnen soll.

"Ausverkauft", sagt ein Schild auf einem großen gelben Smiley.

"Happy dismal-day!" wünscht die genervte Maus am Ausgang.

Den habe ich. Ich fühle, wie mein Blick geschärft ist für die Absurditäten und Selbstverständlichkeiten, die Tag für Tag unsere Wege kreuzen. Zwar sagt Banksy, er hätte Weston-super-Mare für sein Projekt ausgesucht, weil er als Kind oft hier war. Doch in Wahrheit ist es der perfekte Ort, um sein "Dismaland" über die Mauern hinaus wachsen zu lassen. Weston-super-Mare ist "Dismaland". Und "Dismaland" ist überall, wo wir bereit sind, es zu erkennen.

Plötzlich sehe ich an jeder Ecke witzige, schöne, bissige Bilder und Szenen, von denen einige auch als Street-Art durchgehen könnten. Etwa das Schild mit der Aufschrift "Donkey Rides", auf dem ein Pfeil auf eine weite Matschfläche zeigt, die auf der Internetseite der Stadt gewiss Strand genannt wird. Oder bei meinem Besuch in einem der raren Mitbringselläden des Ortes. Ich frage dort nach einer Postkarte. "Ganz ehrlich, mein Lieber", sagt die freundliche Dame, "niemand schickt noch Postkarten von hier." Dann drückt sie mir ihre letzten zwei Motive in die Hand. Auf dem einen brennt der Pier.

Ansichten aus dem Strandbad: "Niemand schickt noch Postkarten von hier"
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Ansichten aus dem Strandbad: "Niemand schickt noch Postkarten von hier"

"Dismaland" ist noch bis zum 27. September geöffnet. Vorabkarten über die Website sind ausverkauft. Doch wer sich früh genug anstellt, bekommt noch Tickets an der Tageskasse.



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