Diskriminierende Bezeichnung Wie der Begriff "Döner-Morde" entstand

Sieben Jahre lang mordeten die Mitglieder des rechtsextremen "Nationalsozialistischen Untergrunds" in Deutschland. Die Polizei vermutete Killer aus dem türkischen Drogenmilieu hinter den Taten, die Rede war von "Döner-Morden". Wer hat den Begriff in die Welt gesetzt?

Von Christian Fuchs

Polizisten der Spurensicherung in Nürnberg: Tat des NSU
DPA

Polizisten der Spurensicherung in Nürnberg: Tat des NSU


Es ist einer der Höhepunkte in der Karriere eines Journalisten, wenn er ein Wort erfindet, das später jeder im Land kennt und benutzt. So ist der "Focus" noch heute stolz auf die Schöpfung "Teuro", die "Süddeutsche Zeitung" erfand einst den Begriff "K-Frage" für die Suche nach einem Kanzlerkandidaten. Beim Begriff "Döner-Mord" ist das anders, und Stolz wäre völlig deplatziert.

Über Jahre wurden die Morde der rechtsextremen Terrorzelle mit diesem Begriff bezeichnet. Er ist ein Beleg dafür, wie lange Ermittler und Journalisten im Dunkeln tappten - aber auch, welche rassistischen Vorurteile mitschwangen.

Nur zwei der neun mutmaßlich von den Rechtsterroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) ermordeten Ausländer arbeiteten in einem Döner-Laden. Wie kam es zu dieser diskriminierenden Bezeichnung, die im vergangenen Jahr zum "Unwort des Jahres" gewählt wurde?

Es ist der Sommer des Jahres 2005: Bereits fünf Männer sind quer durch Deutschland mit derselben Ceska hingerichtet worden. Das sechste Opfer der Verbrechensserie ist der Nürnberger Dönerimbiss-Besitzer Ismail Y.

Es gibt keine Anhaltspunkte, wer hinter der Mordserie steckt. Die "Nürnberger Zeitung" berichtet zwei Tage nach den Schüssen am "Scharrer-Imbiss" über die Vermutungen der Polizei: "Geht es um Drogendepots bei biederen und somit unverdächtigen Geschäftsleuten, die durchaus ein paar Euro nebenbei brauchen können? Einiges spricht für die Theorie: Nürnberg liegt verkehrsgünstig. Die Heroin-Route von Osteuropa nach Holland führt übers Autobahnkreuz Nürnberg. Auf der Kokain-Route von den Niederlanden nach Italien ist Nürnberg ebenfalls verzeichnet."

Auch viele andere Medien von der Boulevardzeitung "Bild"-Zeitung bis zur "Mainzer Zeitung" berichten in den kommenden Wochen über mögliche Verbindungen zwischen den Opfern und dem angeblichen "Serienkiller" aus dem Rauschgiftmilieu. Die Täter töten wenig später einen weiteren Mann, einen griechisch-stämmigen Unternehmer in München.

Am 31. August 2005 druckt die "Nürnberger Zeitung" einen weiteren kurzen Bericht über die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Nürnberg, die versucht, die "mysteriöse Mordserie an sieben ausländischen Kleinunternehmern in Deutschland" aufzuklären. Der Text ist nur 341 Wörter lang und findet keine größere Beachtung. Die Überschrift lautet "'Döner-Mord' - Nun wird bei Banken gefahndet".

Der Polizeireporter kürzt die Überschrift

Nur andeutungsweise ist den Zeilen zu entnehmen, worauf sich der Begriff in der Überschrift bezieht: "Zuletzt wurden im Juni ein türkischer Dönerstandbesitzer in Nürnberg und ein griechischer Betreiber eines Schlüsseldienstladens in München getötet." Auf Nachfrage sagt der Polizeireporter, dass er damals eigentlich "Der Mord an dem Döner-Verkäufer" über den Bericht schreiben wollte. Aus Platzmangel kürzte er die Überschrift ein - so entstand das Wort "Döner-Mord".

Als der Artikel erscheint, haben die mutmaßlichen Terroristen bereits sieben Personen hingerichtet, drei von ihnen in Nürnberg. Nur Mehmet T. in Rostock und Ismail Y. in Nürnberg arbeiteten in einem Döner-Imbiss. Die anderen Opfer waren Blumen- oder Gemüsehändler, Änderungsschneider, Schlüsseldienstinhaber.

Fast ein Jahr dauert es, bis der Begriff am 8. April 2006 etwas verändert als "Döner-Mörder" bundesweit in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und international in der "Neuen Zürcher Zeitung" auftaucht. Beide Meldungen basieren auf einer Nachricht der Deutschen Presse-Agentur. In den folgenden Tagen variieren andere Medien das Schlagwort weiter, spitzen es zu, und es entsteht der Ausdruck "Döner-Killer", den drei Tage später vermutlich als erstes Medium das Münchner Boulevardblatt "Abendzeitung" druckt und einen Tag später auch die "Bild"-Zeitung, kurz darauf die "Bild am Sonntag".

In keinem der Artikel findet sich eine Erklärung, warum die ermordeten Kleinunternehmer in Nürnberg, München, Rostock und Hamburg alle Opfer einer "Döner-Mord"-Serie geworden sein sollen. Vielleicht, weil eine "Dönerbande" sie ermordete, wie die "Bild am Sonntag" spekuliert?

"Unser Polizeireporter hat den Begriff 'Döner-Killer' erstmals bei seinen Recherchen von türkischstämmigen Münchner Geschäftsleuten gehört", sagt Georg Thanscheidt, der stellvertretende Chefredakteur der "Abendzeitung". In einem späteren Bericht legt das Blatt diese Herkunft des Wortes offen und schreibt: "'Döner-Killer', wie der Mörder von Türken inzwischen auch genannt wird."

Nun ist das Wort deutschlandweit bekannt, fast alle Medien nutzen den Begriff ab April 2006 - von der linksliberalen "taz" über die "Süddeutsche Zeitung" bis hin zum SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE - wenn auch teilweise mit Distanzierung.

Seit November 2011, nach dem Bekanntwerden der Zwickauer Terrorzelle, wird der Begriff bei SPIEGEL ONLINE nicht mehr benutzt. Artikel, in denen die Bezeichnung auftaucht, finden sich aus archivarischen Gründen weiter auf der Themenseite "Döner-Morde", die inzwischen aber nicht mehr aktiv befüllt wird. Außerdem erscheint dort ein Artikel zum Unwort des Jahres 2011: "Döner-Morde".

In der Begründung der Jury für diesen Negativpreis heißt es: "Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden."

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Seite 1
Klartext007 04.07.2012
1.
Zitat von sysopDPASieben Jahre lang mordeten die Mitglieder des rechtsextremen "Nationalsozialistischen Untergrunds" in Deutschland. Die Polizei vermutete Killer aus dem türkischen Drogenmilieu hinter den Taten, die Rede war von "Döner-Morden". Wer hat den Begriff in die Welt gesetzt? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,841734,00.html
Ein Döner-Mord wäre logischerweise der Tatbestand eines Anschlags durch gezielte Verbreitung von Gammelfleisch-Dönern, der die Konsumenten umgehend niederstrecken.
Der_zu_spät_geborene 04.07.2012
2. Können die ....
---Zitat--- "Mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden." ---Zitatende--- ...Damen und Herren dann vllt. mal in Griechenland (Nazisymbolik), Grossbritannien (Krauts...) undundund böse Preise verleihen? Was dem Rest Europas gar nichts ausmacht, sollen die deutschen Gutmenschen wieder mal besser machen? Absurd. Der Skandal sind unsere Behörden und nicht ein doofer Titel für die Mordserie... Typischer Fall von Ablenkung...
Robert_Rostock 04.07.2012
3.
Zitat von sysopDPASieben Jahre lang mordeten die Mitglieder des rechtsextremen "Nationalsozialistischen Untergrunds" in Deutschland. Die Polizei vermutete Killer aus dem türkischen Drogenmilieu hinter den Taten, die Rede war von "Döner-Morden". Wer hat den Begriff in die Welt gesetzt? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,841734,00.html
Danke für diese Klarstellung. Halten wir also fest: Der Begriff "Döner-Morde" wurde von einem Journalisten in die Welt gesetzt und von Journalisten verbreitet. Das hinderte SPON aber nicht daran, diesen Begriff als Beweis dafür zu verwenden, dass "Ausländerfeindlichkeit und Rassismus ... tief in der deutschen Gesellschaft" sitzen: Ausgrenzung durch Sprache: Deutsche und Döner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ausgrenzung-durch-sprache-deutsche-und-doener-a-798209.html) Wenn, dann trifft diese Behauptung also hauptsächlich für die deutschen Journalisten zu.
unangepasst 04.07.2012
4. Man kann es aber auch übertreiben...
Zitat von sysopDPASieben Jahre lang mordeten die Mitglieder des rechtsextremen "Nationalsozialistischen Untergrunds" in Deutschland. Die Polizei vermutete Killer aus dem türkischen Drogenmilieu hinter den Taten, die Rede war von "Döner-Morden". Wer hat den Begriff in die Welt gesetzt? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,841734,00.html
was hat Umgangssprache letztendlich mit Diskriminierung zu tun?!? Schlimm sind die Morde auf jeden Fall! Das stellt auch bestimmt keiner in Frage!
gorkamorka 04.07.2012
5.
Ich habe heute morgen was lustiges gesehen. ;) An einem Schnellimbiss von Mitbürgern mit Migrationshintergrund: Hähnchen-Döner 3€ Kinder-Döner 2€ Habe ich gelacht!
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