Knöllchen für Obdachlose "Das ist unmenschlich"

Das Ordnungsamt der Stadt Dortmund verteilt Strafzettel an Obdachlose. Wohnungslosenhelferin Katrin Lauterborn hält das für "kompletten Irrsinn".

Obdachloser in Dortmunder Fußgängerzone
DPA

Obdachloser in Dortmunder Fußgängerzone

Ein Interview von Viktoria Degner


Ein Obdachloser sollte im Herbst 20 Euro an das Ordnungsamt der Stadt Dortmund zahlen, weil er vor einem Kiosk in der Innenstadt übernachtet hatte. Einem Bericht der "Ruhr Nachrichten" zufolge hatten die Mitarbeiter des Ordnungsamts ihn in der Nacht geweckt. Kurz darauf erhielt er ein Knöllchen wegen "Lagerns, Campierens und Übernachtens an öffentlichen Plätzen".

Schätzungsweise 300 bis 400 Menschen leben in Dortmund auf der Straße. 407 solcher Strafzettel hat das Ordnungsamt im Jahr 2017 ausgestellt. Dennoch sei dieses Vorgehen die absolute Ausnahme, sagt der Sprecher des Ordnungsamts, Maximilian Löchter. Zu einem Bußgeldverfahren käme es nur in seltenen Fällen. Sollten Obdachlose doch ein Knöllchen bekommen und die Strafe nicht zahlen, droht im schlimmsten Fall eine Ersatzfreiheitsstrafe im Gefängnis.

Katrin Lauterborn ist Geschäftsführerin der Wohnungsloseninitiative "Gast-Haus statt Bank" in Dortmund. Seit 22 Jahren ist der Verein ein Treffpunkt für Obdachlose. Im Interview spricht Lauterborn über die Situation ihrer Gäste und das Vorgehen der Stadt Dortmund.

Katrin Lauterborn
Gast-Haus e.V.

Katrin Lauterborn

SPIEGEL ONLINE: Das Ordnungsamt verteilt Knöllchen an Obdachlose. Was halten Sie davon?

Lauterborn: Obdachlose leben am Rande der Gesellschaft und haben etliche Probleme. Es ist unmenschlich, diese Menschen auch noch mit einer Ordnungswidrigkeit und einer Geldstrafe zu belasten. Ich verstehe zwar, dass das Ordnungsamt eine Verwarnung aussprechen muss; Obdachlose übernachten aber nicht zum Spaß auf der Straße, sondern weil sie kein Dach über dem Kopf haben.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte das Ordnungsamt stattdessen tun?

Lauterborn: Das Amt könnte auch einfach Fünfe gerade sein lassen. Das wäre ein gutes Signal. Man kann die Wohnungslosen auch verwarnen oder des Platzes verweisen, ohne ihnen eine Geldstrafe aufzuerlegen.

SPIEGEL ONLINE: Die Stadt argumentiert, dass die Obdachlosen in Notunterkünften unterkommen könnten. Man wolle niemanden vertreiben.

Lauterborn: Für Obdachlose ist es trotzdem schwierig, einen Ort zu finden, an dem sie sich problemlos aufhalten können. Das erzählen uns unsere Gäste. Natürlich gibt es viele Einrichtungen, die Suppenküche, die Diakonie und letztlich auch uns, das "Gast-Haus". In der Innenstadt sind unsere Gäste zwar eher unerwünscht. Ich kann aber nicht feststellen, dass die Stadt Dortmund Obdachlose aktiv vertreibt.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Knöllchen auch in der Obdachlosen-Szene ein Thema?

Lauterborn: Die Betroffenen halten zusammen, helfen sich gegenseitig, um mit dem Ordnungsamt und der Polizei so wenig wie möglich in Konflikt zu geraten. Sie wollen einfach nur ihre Ruhe haben und einen Ort, von dem sie nicht vertrieben werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum schlafen nicht alle Wohnungslosen in den Notschlafstellen?

Lauterborn: Viele sind psychisch erkrankt. In einer Notschlafstelle müssen sie es ertragen, dass andere Menschen mit ihnen in einem Raum liegen und übernachten. Das können einige nicht mehr, die sind psychisch zu kaputt. Andere fühlen sich in den Notschlafstellen nicht willkommen, haben Angst. Da gehen natürlich auch immer viele Gerüchte um.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Lauterborn: Dass dort geklaut wird. Manche erzählen auch, dass sie in den Schlafstellen nicht freundlich empfangen würden. Das sind Gerüchte, die unter unseren Gästen im Umlauf sind. Ich selbst kann das nicht bestätigen. Viele lehnen die Notschlafstellen aber genau deshalb kategorisch ab. Ein weiteres Problem ist natürlich, dass die Obdachlosen ihre Tiere nicht mitnehmen können. Für viele Menschen, die auf der Straße leben, ist ein Hund ein Wegbegleiter, ein Familienmitglied, das man nicht allein lässt.

SPIEGEL ONLINE: Da riskieren sie lieber Strafzettel.

Lauterborn: Die ergeben letztlich keinen Sinn. Die Menschen haben ohnehin kein Geld. Sie können 20 Euro Strafe nicht zahlen. Sollten die Obdachlosen das Knöllchen ignorieren, steigen die Kosten noch. Dabei bringt das doch alles nichts: Die Menschen haben kein Dach über dem Kopf, sie müssen irgendwo schlafen. Sie deshalb mit einem Verwarngeld zu bestrafen, ist kompletter Irrsinn.



insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
makromizer 24.02.2018
1.
“Sollten Obdachlose doch ein Knöllchen bekommen und die Strafe nicht zahlen, droht im schlimmsten Fall eine Ersatzfreiheitsstrafe im Gefängnis.” Wenn man noch bedenkt, dass ein Gefängnistag mehrere 100€ kostet, erfreut das den Steuerzahler besonders. Aber da diese Erziehungsmaßnahme bestimmt ein extrem erfolgreicher Schritt auf dem Weg zur Verbesserung der Situation der betroffenen Person ist, ist das natürlich eine hòchst sinnvolle Investition.
oldman2016 24.02.2018
2. Kommunale Betriebsflächen
Jede Kommune verfügt doch über Grundstücke für die eigenen Behörden, Schulen und städtischen Betriebe. Warum werden den Obdachlosen für die Übernachtung nicht Flächen auf den eigenen Grundstücken angeboten? Wo verrichten die Obdachlosen denn in der Nacht ihre Notdurft? Wie gehen eigentlich andere EU-Staaten und die USA mit Obdachlosen um? Vielleicht ließe sich die eine oder andere und für jede Kommune individuelle Lösung des nun wirklich nicht neuen Problems finden und umsetzen. Ein erster Schritt wäre ja, dass das Übernachten auf privaten Grundstücken nicht gleich als illegales Campen bestraft wird. Ich frage micht, warum sich bei mir gerade die Faust ballt.
chalchiuhtlicue 24.02.2018
3. @rob.einhaus
Vermutlich durch einen Mitarbeiter der Ortspolizeibehörde selber, was die Kosten dieses Irrsins weiter erhöht. Dass Menschen, die "ofW" (= ohne festen Wohnsitz) sind, natürlich keine "ladungsfähige Anschrift" besitzen, ist selbst den Schreibtischtätern bekannt.
Ossifriese 24.02.2018
4. Setzen
Da muss sich der Obdachlose lange in City setzen, um den Knöllchen-Betrag einzusammeln. Unglücklicherweise kommt dann womöglich ein Finanzbeamter vorbei, und der Mann darf Steuern nachzahlen... Irgendwie eine irre Welt, in der Autobauer Millionen vom Staat für ihre selbstgemachten Mist erhalten sollen und Steuern ohne Ende von den Reichen abgesetzt werden dürfen...
quark2@mailinator.com 24.02.2018
5.
Wahnsinn. Wieder mal nur Befehle ausgeführt :-(. Da werden die nicht gerade priveligierten Politessen gegen die Ärmsten eingesetzt, um diese aus der Innenstadt zu verdrängen, damit man das Problem nicht so sieht ... Wo bin ich hier ?
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