Downshifting: Weniger Arbeit, mehr Leben

Von Simone Utler

Heidi Fink tauscht Bilanzen gegen Wander-Boots. Die Steuerfachwirtin tritt beruflich und finanziell kürzer, um mehr Zeit in den Bergen zu verbringen. Downshifting heißt das Prinzip, das vor allem ein Ziel hat: raus aus dem Hamsterrad, rein ins Leben.

Aussteigerin Heidi Fink: Berggipfel statt Schreibtisch Fotos

Hamburg - Wenn Heidi Fink den Begriff "Glück" definieren soll, fällt ihr zunächst ein verschwitztes T-Shirt ein. Mit einigen Mitwanderern erklomm die 36-Jährige vor einigen Wochen einen Berg in den Kitzbühler Alpen und stand dann - "etwas durchgeschwitzt" - am Gipfelkreuz, um sie herum nur Berge. Die Sonne schien, und Heidi Fink rief: "Es ist Freitag, 11.20 Uhr - und eigentlich würde ich jetzt am Schreibtisch sitzen." Doch stattdessen konnte sie eine gigantische Aussicht genießen - und wurde dafür noch bezahlt.

Fink hatte sich eine Auszeit von ihrem Bürojob genommen und sechs Wochen lang in Österreich Wandergruppen begleitet. Um solche Momente künftig häufiger zu erleben und bewusst zu genießen, hat sie nun ihren Job als Steuerfachwirtin in Schwaben gekündigt. Den kommenden Winter wird sie als Skireiseleiterin in den Alpen verbringen. "Mein eigenes Leben soll künftig an erster Stelle stehen", sagt sie.

Ohne die Bezeichnung gekannt zu haben, folgt Heidi Fink dem Prinzip Downshifting, einem gesellschaftlichen Trend, den der Wirtschaftswissenschaftler und Gesellschaftskritiker Charles B. Handy in den neunziger Jahren in den USA anstieß. Der Begriff, für den es kein deutsches Pendant gibt, bedeutet, sich beruflich zu verändern, um ein erfüllteres Leben zu führen.

Beim Downshifting geht es um weniger Verpflichtungen und um mehr Zeit für eigene Belange. Weniger arbeiten, mehr leben, lautet die Devise. "Es ist eine graduelle Veränderung im Berufsleben, die zu mehr selbstbestimmter Zeit führt", sagt Beraterin Wiebke Sponagel, die den Begriff mit Runterschalten übersetzt und Menschen dabei begleitet. Das kann ein Komplettausstieg aus dem bisherigen Job sein, eine Stundenreduzierung oder ein Sabbatical.

"Deprimierte Stimmung in Deutschland"

Bis vor zwei Jahren arbeitete Fink wie Millionen andere Deutsche in Vollzeit, machte vor allem Buchhaltungen und Jahresabschlüsse von Firmen und Selbständigen. Geprägt von ihrem Umfeld, aber auch überzeugt von ihren Zielen, hatte sie lange Zeit keine Zweifel, dass der eingeschlagene Weg von der Berufsausbildung zur Steuerfachangestellten über die weiteren Qualifikationen zur Steuerfachwirtin und Bilanzbuchhalterin richtig war.

Doch die Frau, die während ihrer Ausbildung ihren Kellner-Job schätzte, an den Wochenenden auf der Schwäbischen Alb Radtouren macht, wandert und im Urlaub leidenschaftlich gern Ski fährt, wurde zunehmend unglücklich in ihrem Bürojob: "Ich wollte nicht mehr den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen. Ich wollte mehr persönlichen Kontakt zu Menschen, auch öfter draußen sein, mich mehr körperlich betätigen." Auch bekam Fink zunehmend Zeit- und Leistungsdruck zu spüren, weil der Chef mehr Umsatz forderte. Doch es ging darüber hinaus: "Es herrscht oft so eine deprimierte Stimmung in Deutschland."

2010 trifft Heidi Fink eine Entscheidung, die sich später als erster Schritt auf dem Weg in ihr neues Leben herausstellen wird: In ihrem dreiwöchigen Sommerurlaub jobbt sie bei einem Reiseveranstalter. Sie hilft in der Küche und im Service eines Sporthotels in Österreich. Arbeiten, wo andere Urlaub machen, und dabei Zeit haben, die Berge zu genießen, sich sportlich zu betätigen und Leute kennenzulernen - das überzeugt Fink. Fortan nutzt sie ihre Urlaube nicht zur reinen Erholung, sondern für andere Aufgaben.

Es folgen Aufenthalte in Frankreich, Italien und Österreich, mal als Küchenhilfe, mal als Kinderbetreuerin, mal als Leiterin von Skigruppen. Fink arbeitet meist mehr als 40 Stunden pro Woche, doch der Abstand zum Büroalltag tut ihr gut. Ihr gefällt der ungewöhnliche Tagesablauf, statt schicker Klamotten trägt sie Sportsachen oder Jeans und T-Shirt, sie hört auf, sich über Kleinigkeiten zu ärgern. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat Fink bereits einen Gang runtergeschaltet.

Skipass, freie Kost und Unterkunft

Der Nebenjob bei dem Reiseveranstalter gefällt Heidi Fink so gut, dass sie im Sommer 2011 den nächsten Schritt macht. Sie sucht sich eine Steuerkanzlei, die auf ihr Teilzeit-Modell eingeht: acht Monate im Jahr Vollzeit arbeiten und dafür zwölf Monate lang ein reduziertes Gehalt bekommen. So kann Fink zweimal pro Jahr mehrere Wochen aus dem Büro in die Alpen fliehen, mal zum Wandern, mal zum Skifahren, bleibt aber die ganze Zeit über angestellt und versichert. Dafür verzichtet sie auf mehr als ein Viertel ihres Einkommens. Auf der Haben-Seite kann sie aber einen kleinen Lohn, einen Skipass, freie Kost und Unterkunft verbuchen, spart außerdem die Ausgaben für Benzin für die Fahrt ins Büro, Putzmittel und andere Alltäglichkeiten. "Ich musste mir die gewonnene Lebensqualität nicht teuer erkaufen."

Nach Ansicht von Wiebke Sponagel sind Entscheidungen wie die von Heidi Fink ein Produkt unserer Zeit. Das Höher, Schneller, Weiter, das in vielen Unternehmen an der Tagesordnung ist, führe Menschen zum Runterschalten: "Es gibt sicher einige, die das Tempo, die ständige Verfügbarkeit und die zunehmende Fremdbestimmung mögen, aber viele merken irgendwann, dass es nicht mehr geht. Der Mensch ist keine Maschine." Immer mehr Arbeit werde auf immer weniger Schultern verteilt: "Irgendwann halten die Menschen es in dieser Zwangsjacke nicht mehr aus, können oder wollen die Fassade nicht mehr aufrechterhalten."

Die Zahl der Menschen, die unter chronischer Erschöpfung leiden, ist in den vergangenen Jahren massiv angestiegen. Zwischen 2004 und 2010 hat sich die Zahl der Burn-out-bedingten Arbeitsunfähigkeitstage über alle Dax-Konzerne hinweg von rund acht auf mehr als 72 pro 1000 Beschäftigte nahezu verneunfacht. Dies ergab eine von Experten der Asklepios-Kliniken durchgeführte Untersuchung, die das manager magazin im Mai in Form eines Burn-out-Rankings veröffentlichte.

"Von Fremdbestimmung zu Selbstbestimmung"

"Downshifting ist eine Entscheidung für sich selbst - von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung", sagt Sponagel, die in ihrer Praxis einen Anstieg erkennt. Es gebe zwei Motivationen: Überlastung und den Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun.

Statistiken gibt es dazu nicht. Es gibt lediglich Untersuchungen zu inneren Kündigungen und Jobzufriedenheit - und die sind erschreckend: 88 Prozent der Angestellten in Deutschland fühlten sich einer Gallup-Umfrage zufolge im Jahr 2009 ihrer Arbeit gegenüber nicht mehr verpflichtet, so unzufrieden waren sie. Nur jeder siebte Arbeitnehmer in Deutschland ist zufrieden mit seinem Job. Dem "Index Gute Arbeit" des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) zufolge waren im Jahr 2010 gerade einmal 15 Prozent der Beschäftigten mit ihrem Job zufrieden.

Heidi Fink hat beschlossen, aus dem bisherigen Leben und der vielversprechenden Karriere vorerst auszusteigen. Statt in der Steuerkanzlei wird sie in diesem Winter für den Reiseveranstalter arbeiten - ausschließlich. Dann wird sie weniger als die Hälfte ihres bisherigen Einkommens haben. "Geld ist nicht alles", sagt die 36-Jährige, die als Alleinstehende eine gewisse Freiheit hat. Lebensqualität sei ihr wichtiger als Verdienst und Karriere.

Während Aussteiger vor einigen Jahren noch als Hippie oder Loser abgestempelt wurden, erhöht sich die Akzeptanz langsam. "Downshifting ist kein Makel mehr. Wenn jemand etwas aus seinem Leben macht, wird das anerkannt", sagt Sponagel.

Heidi Fink weiß noch nicht, wie es nach der Wintersaison weitergehen wird. Sie arbeite gerne, Abend- und Wochenendarbeit mache ihr nichts aus, und sie wolle dem Schreibtisch auch nicht dauerhaft komplett den Rücken kehren. "Ich will aber keinen typischen Nine-to-five-Job mehr." Vielleicht finde sich etwas, bei dem sich Tourismus und Gastronomie mit dem kaufmännischen Bereich verbinden lasse. Das Wichtigste ist für Fink, dass sie tagsüber raus kommt - egal bei welchem Wetter. "Auch wenn das bedeutet, dass ich dann klatschnass auf einem Gipfel ankomme."

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1.
dwbrook 04.10.2012
Zitat von sysopHeidi Fink tauscht Bilanzen gegen Wander-Boots. Die Steuerfachwirtin tritt beruflich und finanziell kürzer, um mehr Zeit in den Bergen zu verbringen. Downshifting heißt das Prinzip, das vor allem ein Ziel hat: raus aus dem Hamsterrad, rein ins Leben. Downshifting: Steuerfachwirtin schaltet runter und wird Skilehrerin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/downshifting-steuerfachwirtin-schaltet-runter-und-wird-skilehrerin-a-857989.html)
Ich lese in dem Artikel kein einziges Mal Kinder. Nur: Ich, ich, ich ... Ganz tolles Lebensmodell!
2. Downshifting?
Kometenhafte_Knalltüte 04.10.2012
Downshifting??? Mit Schaudern nimmt man die Zersetzung der deutschen Eigenständigkeit in der Medienlandschaft der letzten Jahre wahr, wo jegliche Phrasen auf denglish umgemünzt werden. Ist ja "en vogue", statt klarer Sprache lieber oberflächlich mit Fremdspracheneinlage die Banalität des Themas zu kaschieren.
3. Berufswahl
puqio 04.10.2012
Für mich geht es hier um die Wahl des richtigen Berufes. Sie will und wird nicht weniger arbeiten sondern mehr, aber mit größerer Freude, weil sie die für sie richtige Arbeit gefunden hat. Ich habe in meinem Beruf meinen Weg so gewählt, dass ich auch das machen kann was mir Freude bereitet. Aber leider lassen sich viele nur vom Geld und vom hierarchischen Aufstieg leiten und werden dann unzufrieden.
4.
jajo76 04.10.2012
Zitat von sysopHeidi Fink tauscht Bilanzen gegen Wander-Boots. Die Steuerfachwirtin tritt beruflich und finanziell kürzer, um mehr Zeit in den Bergen zu verbringen. Downshifting heißt das Prinzip, das vor allem ein Ziel hat: raus aus dem Hamsterrad, rein ins Leben. Downshifting: Steuerfachwirtin schaltet runter und wird Skilehrerin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/downshifting-steuerfachwirtin-schaltet-runter-und-wird-skilehrerin-a-857989.html)
Tja, um es sich leisten zu können, kürzer zu treten muß man erstmal weite Sprünge machen. Es soll in diesem Land eine Menge Leute geben die sehr hart arbeiten und trotzdem nicht genug verdienen um irgend etwas "down zu shiften". Tröstlich zu wissen, dass es immer noch ein paar Besserverdiener gibt, für die es eine Frage der freien Entscheidung ist, ob sie Leben um zu arbeiten, oder Arbeiten um zu Leben.
5. aua
pffft 04.10.2012
Zitat: "Der Begriff, für den es kein deutsches Pendant gibt, bedeutet, sich beruflich zu verändern, um ein erfüllteres Leben zu führen." Wie wäre es mit "runterschalten"? So wie der Titel des Buches, das links neben dem Artikel beworben wird? Ist "...für den es kein deutsches Pendant gibt..." jetzt die Universalentschuldigung dafür, dass man nicht mehr übersetzen kann oder quasi der Ritterschlag für die Nutzung von Denglisch ohne Nachdenken?
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