Mutmaßliche Hundeattacke in Dresden "So weit würden selbst die Unzufriedensten nicht gehen"

In Dresden-Gorbitz hat ein Mann eine Asylbewerberin rassistisch beleidigt, seine Begleiterin soll einen Hund auf sie gehetzt haben. Was geht in dem Viertel vor? Ein Ortstermin.

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Aus Dresden berichtet


Mit der Straßenbahn dauert die Fahrt aus der Altstadt zum Merianplatz rund zwanzig Minuten. Eine Weltreise für Dresdner Verhältnisse, und tatsächlich eröffnet sich Besuchern im etwas außerhalb gelegenen Stadtteil Gorbitz eine andere Welt: Triste Wohnblöcke umrahmen den weitläufigen Platz, seelenlose Neubauten, aufgehübschte DDR-Relikte.

Es ist der Ort, an dem Awo D. zum Opfer rechter Anfeidnungen wurde.

Rückblende: Merianplatz, 9. Januar gegen 16 Uhr. Aus der Straßenbahn 7, Fahrtrichtung Pennrich, steigen die 19-jährige Awo sowie zwei junge Deutsche mit einem Hund aus. Das Tier, ein kräftiger Rottweiler-Mischling, rennt aus der Bahn, etwa gleichzeitig bepöbelt einer der beiden Deutschen die junge Äthiopierin rassistisch. Die alarmierte Polizei trifft wenig später Awo D. mit leichten Verletzungen an, am nächsten Morgen um 8.37 Uhr geht die erste Pressemitteilung raus: "Asylbewerberin durch Hundebiss verletzt - Zeugenaufruf".

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Dresden-Gorbitz: Tatort Merianplatz

Thomas Böttrich sitzt an einem eiskalten Januarabend in seinem Büro, keine zehn Minuten Fußweg vom Merianplatz entfernt. Er trägt die viele Aufregung mit Fassung. Der 62-Jährige ist Pfarrer der Gorbitzer Philippusgemeinde; Awo D. kennt er nicht, aber der Fall beschäftigt ihn trotzdem. In seiner Kirche gehen viele der in Gorbitz lebenden Flüchtlinge ein und aus, zugleich hat der Stadtteil den Ruf, eine Hochburg von Rechten zu sein - einige von denen kennt Böttrich aus Gottesdiensten und Gesprächen.

"Natürlich findet so etwas jeder normale Mensch grauenhaft", sagt Böttrich über den Angriff - und sträubt sich zugleich gegen eine vorschnelle Beurteilung der Angelegenheit. "Man muss erst mal schauen, was da eigentlich wirklich passiert ist: Waren das wirklich Nazis? Spielte Alkohol vielleicht eine Rolle?"

Diese Fragen stellt sich auch Lorenz Haase, dessen Büro sechs Kilometer weiter östlich am Rande der Dresdner Altstadt liegt. Der Jurist, ein hochgewachsener Schnauzbartträger, ist Oberstaatsanwalt und Sprecher der Ermittlungsbehörden. Die beschäftigt der Fall schon seit einigen Tagen, jetzt endlich gibt es Neuigkeiten: Polizisten haben die mutmaßliche Hundehalterin sowie den Mann gefasst, der Awo D. bepöbelt haben soll. Fall gelöst?

Lorenz Haase
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Lorenz Haase

Nun ja. Staatsanwalt Haase ruckelt sich auf seinem Stuhl zurecht, dann zählt er die offenen Fragen auf: Die beiden gesuchten Deutschen seien zwar am Abend des 22. Januar festgenommen worden, inzwischen aber wieder frei. Die 23 Jahre alte Frau habe ihre Sicht der Dinge dargelegt und dabei kein Geständnis abgelegt, der 32-jährige Mann habe sich gar nicht geäußert. Wirklich viel Neues haben die Ermittler also offenbar nicht erfahren.

Damit bleibt vorerst unklar, was genau am Nachmittag des 9. Januar auf dem Merianplatz geschah. Zwar hatten mehrere Passanten Awo D. geholfen, indem sie die beiden Verdächtigen aufforderten, den Hund zurückzurufen - aber dem Zeugenaufruf der Polizei sind trotzdem erst zwei Dresdner gefolgt. "Dabei muss es eine größere Anzahl von Personen geben", sagt Haase, "die das gesehen haben und sich jetzt nicht melden."

Genau das wäre aber wichtig. Denn gesichert ist nur das, was die Überwachungskameras in der Straßenbahn 7 aufgezeichnet haben: Auf den Bildern ist laut Haase zu sehen, wie die beiden Deutschen ihren Hund mit einem Ball spielen lassen und das Tier schließlich an der Haltestelle den Zug schnell verlässt. "Und was dann geschieht", sagt der Ermittler, "sieht man auf den Videos nicht."

Dabei sind die Geschehnisse nach dem Ausstieg aus der Bahn Grund dafür, dass das Extremismus- und Terrorismus-Abwehrzentrum der Polizei den Fall übernommen hat. Zunächst soll der 32-Jährige die dunkelhäutige Awo D. wüst beschimpft haben, woran es laut Haase auch kaum Zweifel gibt: "Bei ihm kann man wohl von ausländerfeindlichen Motiven ausgehen." Erst im vergangenen Jahr sei der Mann zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden - "weil er mit einem anderen auf einen Asylbewerber eingeschlagen haben soll".

"Es gab Löcher in ihrer Jacke"

Jenseits der Pöbeleien bleibt vieles unklar. Laut Haase ist weder bekannt, ob etwa Alkohol im Spiel war, noch ob die beiden Verdächtigen Verbindungen in die rechte Szene pflegen.

Und was ist mit der Frau und der mutmaßlichen Hundeattacke? Haase hält sich mit Details bedeckt, offenbar sind noch einige Fragen zu klären. So hatte die Polizei in einer ersten Pressemitteilung über Awo D. geschrieben: "Sie fiel zu Boden und wurde bei dem Versuch, den angreifenden Hund abzuwehren, gebissen." Haase zufolge gibt es aber bislang keine Belege für Bisse. "Es gab Löcher in ihrer Jacke", sagt der Staatsanwalt. "Ob die vom Hund kommen können, wird noch geprüft."

Die 19-Jährige hat sich demnach beim Sturz wohl Schürfwunden zugezogen, reichte aber nie einen ärztlichen Befund über weitere Verletzungen ein. Es bleiben daher mehrere Möglichkeiten, wie Haase sagt: "Wenn so ein Rottweiler losrennt und es steht jemand im Weg, kann es schon sein, dass derjenige umfällt", sagt er. "Und vielleicht hat der Hund auch zugeschnappt, aber nicht wirklich gebissen."

War es eine rassistische Hetzattacke? Ein unglücklicher Unfall mit einem spielenden Hund? Eine Kombination aus beidem, so schwer das auch vorzustellen sein mag?

Pfarrer Böttcher faltet in seinem Büro die Hände über dem Bauch und seufzt. Tja, sagt er, in seiner Gemeinde gebe es nun mal Flüchtlinge und Rechte. Um beide Gruppen bemühe er sich, zumindest versuche er das.

"Meine Devise lautet: mit allen sprechen"

Immer wieder etwa spreche er ganz gezielt Leute an, die der AfD oder Pegida nahestehen. "Ich will mit denen im Gespräch bleiben - weil es wichtig ist, sich mit denen auseinanderzusetzen." Erfreulich seien diese Unterhaltungen selten, viele machen laut Böttrich aus ihrer Ablehnung von Zuwanderern keinen Hehl. "Aber so weit, einen Hund auf jemanden zu hetzen, würden selbst die Unzufriedensten nicht gehen", sagt er. "Ich kann mir sogar eher vorstellen, dass die in solch einer Situation eingreifen würden."

Ohnehin dürfe wegen eines einzelnen rassistischen Vorfalls nicht Gorbitz oder gar ganz Sachsen in Mithaftung genommen werden. "Der Stadtteil wird oft in eine große Schublade gesteckt, als gäbe es hier nur das Problem mit Rechtsextremisten", sagt der Geistliche. Dabei habe gerade der Angriff auf Awo D. gezeigt, dass es auch Humanität gebe zwischen all den Plattenbauten: "Da haben Umstehende eingegriffen, geholfen, Mitmenschlichkeit gezeigt."

Weniger optimistisch blickt Vivien Rapp auf die Sache. Die 29-Jährige sitzt zwei Türen weiter, im Gemeindesaal, und wartet auf Gäste. Rapp koordiniert hier einmal pro Woche einen offenen Abend für alle Gorbitzer, Flüchtlinge und Deutsche; in der Kirche will sie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen einander näher bringen, Ängste und Vorurteile abbauen.

Die Resonanz des Go-In, Gorbitz International, ist laut Rapp allerdings ernüchternd: "Die Gorbitzer haben einfach keine Lust zu kommen", sagt sie, "oder keine Zeit, ich weiß es nicht." Das größte Problem des Viertels sei in ihren Augen nicht Rassismus, sondern Gleichgültigkeit. Sie würde immer wieder Werbung machen für das Projekt, "aber es hat sich nichts geändert." Die Besucherbilanz dieses Abends: zwei dunkelhäutige Burschen - und Rapps eigene Kinder.

Pfarrer Böttrich sagt: "Meine Devise lautet - mit allen sprechen. Und auf diesem Weg müssen wir immer weiter machen."

Das wird ein verdammt langer Weg.



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