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Verhindertes Flüchtlingsheim in Dresdner Hotel: "Der Druck war in der ganzen Stadt spürbar"

Von  und Veronika Wulf

Hotel "Prinz Eugen" (Bildmitte mit Flaggen) im Dresdner Stadtteil Laubegast: Streit über Flüchtlingsunterkunft Zur Großansicht
DPA

Hotel "Prinz Eugen" (Bildmitte mit Flaggen) im Dresdner Stadtteil Laubegast: Streit über Flüchtlingsunterkunft

Ein Hotel im vornehmen Dresdner Viertel Laubegast sollte zum Asylbewerberheim umgebaut werden. Nach Protesten der Anwohner ist der Plan nun vom Tisch. Die Geschichte eines Scheiterns.

Dresden/Hamburg - Direkt an der Elbe in Dresden liegt der Stadtteil Laubegast, Villa reiht sich an Villa, Vorgarten an Vorgarten. Es ist ein Viertel für Menschen, denen es gut geht. Ein Viertel für jene, die sich Idylle leisten können. Im März sollte hier im Hotel "Prinz Eugen" eine neue Unterkunft für 94 Asylbewerber entstehen. Doch nun ist das Vorhaben gescheitert. Der Eigentümer des Hauses habe sein Angebot plötzlich zurückgezogen, gab die Stadt Dresden bekannt. Die Begründung: Massiver Widerstand gegen das Vorhaben "aus der Bevölkerung und dem näheren Umfeld".

In einer Petition hatte die Stadtteilinitiative MeinLaubegast das "Konfliktpotenzial" beklagt, das mit der Umwidmung des Hotels angeblich einhergehen würde: Zu viele Flüchtlinge, zu viele Konflikte mit den Flüchtlingen, zu viele Ausgaben für die Flüchtlinge. Ein Viersternehotel überschreite die Angemessenheit bei Weitem. Dass bei einer Umwidmung dort kein Viersternehotel mehr existieren würde - geschenkt. 5700 Leute haben unterschrieben. Ein Blick auf die Liste der Unterzeichner zeigt: Ein Großteil stammt gar nicht aus Dresden.

"Der Druck war in der ganzen Stadt spürbar", sagt Marco Fiedler, Referent des für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständigen Sozialbürgermeisters Martin Seidel (parteilos). Im Internet hätten die Leute Stimmung gemacht. "So etwas kennen wir aus keinem anderen Stadtteil", sagt Fiedler. Mindestens eine Schmiererei am Hotel hat er dokumentiert. Dort äußerte man sich mit dem Verweis auf den Eigentümer nicht zu den Vorkommnissen.

Der Eigentümer sitzt in Berlin. Die Geschäftsleitung teilte SPIEGEL ONLINE mit, die Entscheidung gegen die Flüchtlingsunterkunft sei nicht nur wegen der Ablehnung aus der Bevölkerung gefallen, sondern auch aus internen Gründen. Außerdem sei man nie direkt bedroht worden.

"Wenig geeignete Objekte"

Wie in anderen deutschen Städten steigt auch in Dresden die Zahl der Flüchtlinge. Im August 2014 wurde ein Plan erarbeitet, der die Unterbringung von Asylbewerbern für die kommenden zwei Jahre regelt. 2093 Menschen sind derzeit in Dresden untergebracht, bis 2016 sollen es rund 4000 sein - und für die sucht die Stadt gerade Unterkünfte.

Man hätte bessere Standorte als das "Prinz Eugen" finden können, kritisieren AfD und FDP. Das Aus des Plans sei zu begrüßen, sagt der sozialpolitische Sprecher der FDP/FB-Stadtratsfraktion, Jens Genschmar. Quatsch, sagt Referent Fiedler: "Der Markt ist dünn, uns werden wenig geeignete Objekte angeboten."

Die Unterkunft in Laubegast wäre laut Fiedler auch nicht zu teuer gewesen. Es habe ein "ganz normaler Mietvertrag im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der Behörde" abgeschlossen werden sollen. Fiedler vermutet, wirtschaftliche Gründe könnten der Hintergrund des Angebots gewesen sein. Das Hotel sei nicht gut belegt gewesen.

Neuer Ärger

Das Projekt war von Anfang an umstritten, sein Scheitern führt nun zu neuen Diskussionen. Jens Hoffsommer, migrationspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Stadtrat, kritisierte in der "Leipziger Volkszeitung" die Entscheidung des Besitzers: "Es ist kein gutes Signal, dass verantwortungsvolle Bürger aufgrund von Druck und Angst ihre Unterstützung zurückziehen." Linken-Politiker Tilo Kießling sagte SPIEGEL ONLINE: "Der Eigentümer sollte Anzeige erstatten, statt einen Rückzieher zu machen."

Auch Sozialbürgermeister Seidel steht in der Kritik. Er sei zu spät auf die betroffenen Nachbarn zugegangen, beschweren sich Anwohner und auch Stadträte. Von "Kommunikationsdefiziten" ist die Rede. Seidel habe die Bürger nicht mitgenommen. Sein Referent Fiedler sagt: "Wir haben den Dialog gesucht, es gab mehrere Veranstaltungen."

Ende Februar hätten 94 Asylbewerber die Räume in der Gustav-Hartmann-Straße beziehen sollen. Unzählige Arbeitsstunden seien bereits in das Projekt geflossen, sagt Fiedler. Der Eigentümer sei mit rund 20.000 Euro in Vorkasse gegangen. Alles für nichts. Die Schlafplätze müssen nun woanders gefunden werden. Ein neuer Standort, ein neues Gebäude, eine neue Nachbarschaft. Das heißt wohl neue Kritiker, neue Diskussionsrunden, neue Konflikte.

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