Dritter Unicef-Weltgipfel Schwieriger Kampf gegen das Kindersex-Gewerbe

Sie werden zu Prostitution und Pornografie gezwungen, verkauft, verschleppt, misshandelt: In Rio de Janeiro findet derzeit der dritte Weltkongress gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern statt. Doch viele Staaten sind an der Verfolgung der Pädophilen gar nicht interessiert.

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Hamburg - Der erste Eindruck von Rio, den Ekin Deligöz gewann, waren die in der Sonne glitzernden strahlend weißen Häuser. Beim Landeanflug sah sie aus dem Flugzeugfenster die langen weißen Strände, die modernen Fassaden, gewann eine Idee vom Ausmaß der gigantischen Stadt. Auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel sah sie wenig später auch das andere Rio: Die Favelas, die Armenviertel, mit ihren windschiefen Hütten, zusammengezimmert aus dem, was von anderen Baustellen übrig geblieben ist. Kein Strom, kein Wasser, kaum asphaltierte Straßen, viel Trostlosigkeit.

Die Grünen-Politikerin nimmt als Unicef-Vorstandsmitglied und Delegierte der Bundesregierung in Rio am dritten Weltkongress gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern teil. Nach zwei Welttreffen in Stockholm und Yokohama führt dieser Gipfel die rund 3000 Delegierten aus 130 Staaten in ein Land, in dem das Geschäft mit dem Kindersex boomt - und in dem die Armut offensichtlich ist.

Geschäft mit der Ware Kind

"Wir halten das Treffen in Brasilien ab, weil das Thema hier besonders wichtig ist", sagte Deligöz nach ihrer Ankunft SPIEGEL ONLINE. "Der Anteil der organisierten Kriminalität, der hier vor Ort an dem Geschäft mit den Kindern verdient, ist sehr hoch." Der Gipfel, so hoffen die Organisatoren Unicef, ECPAT (End Child Prostitution and Trafficking), die Vereinigung der Nichtregierungsorganisationen zur Durchsetzung der Kinderrechtskonvention und die brasilianische Regierung, könne das Thema in Brasilien und ganz Lateinamerika einer breiten Öffentlichkeit bewußt machen.

Doch bislang hält sich die Aufmerksamkeit in Grenzen. Kaum etwas ist zu lesen, kaum etwas ist zu sehen von dem Treffen.

Dabei sprechen die Zahlen für sich: 1,8 Millionen Mädchen und Jungen werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen jährlich weltweit zur Prostitution gezwungen. Sie landen in den Bordellen Bangkoks oder auf den Bürgersteigen Manilas. Das Geschäft mit den Kindern spielt hauptsächlich in Lateinamerika, Südostasien, Afrika und Osteuropa ab.

In Indien wird die Zahl der sexuell ausgebeuteten Kinder auf 400.000 geschätzt, in Thailand geht man von bis zu 800.000 aus, auf den Philippinen sollen zwischen 50.000 und 100.000 Kinder als Prostituierte arbeiten, in Brasilien wird ihre Zahl mit 250.000 bis eine halbe Million veranschlagt. In Osteuropa müssen rund 100.000 Minderjährige anschaffen gehen. Gestiegen sind die Zahlen in den vergangenen Jahren vor allem in Kambodscha und Vietnam. In Afrika galt Kenia als das am stärksten vom Kinderhandel betroffene Land, doch es ist schon lange nicht mehr das einzige.

Die Touristen kommen aus dem Westen

Die Täter stammen überwiegend aus westlichen Ländern. Allein in Deutschland gibt es Schätzungen zufolge rund 50.000 regelmäßige Konsumenten von Kinderpornografie. Und die Nachfrage nach der Ware Kind steigt.

Kinderprostitution ist nicht allein ein Problem armer Länder, obwohl Faktoren wie soziale Ungleichheit, Analphabetismus, Diskriminierung, Verfolgung, Gewalt, bewaffnete Konflikte, HIV und Kriminalität die Ausbeutung der Minderjährigen begünstigen.

Deligöz weist darauf hin, dass es beispielsweise auch in Berlin einen Babystrich gibt, dass ein weiß gestrichener Kinderwagen vor der Haustür mitunter auf Bordelle hindeutet, in denen die Dienste von Kindern angeboten werden.

Das Geschäft mit Kindersex lohnt sich für die Hintermänner: Laut Schätzungen von Unicef werden mit Kinderprostitution, Kinderpornografie und dem damit im Zusammenhang stehenden Kinderhandel jährlich weltweit 5,62 Milliarden Euro umgesetzt. Lukrativer als der Handel mit Kindern ist nur der mit Waffen und Drogen.



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