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Drogenkonsum unter Jugendlichen: "Nur Loser stecken sich noch eine an"

Die Zahl jugendlicher Raucher ist stark zurückgegangen. "Die Zigarette passt nicht mehr zum jungen Lebensstil", sagt der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann - und warnt vor der Ersatzdroge Internet.

Jugendliche Raucher in Frankfurt (Oder): "Die Zigarette ist uncool geworden" Zur Großansicht
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Jugendliche Raucher in Frankfurt (Oder): "Die Zigarette ist uncool geworden"

SPIEGEL ONLINE: Herr Hurrelmann, innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der jugendlichen Raucher mehr als halbiert, wie eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab. Erleben wir eine Ära der Vernunft?

Hurrelmann : Mit Vernunft ist das nicht zu erklären, sondern mit einem neuen Lebensstil. Den Jugendlichen ist heutzutage körperliche Gesundheit, ausreichend Schlaf und ausgewogene Ernährung für ihr Wohlbefinden wichtig. Sie sind an einer konzentrierten Lebensführung interessiert und wollen leistungsfähig sein.

SPIEGEL ONLINE: Wo hat dieser Trend seinen Ursprung?

Hurrelmann: Die Wirtschaftskrise um das Jahr 2000 hat den Heranwachsenden gezeigt, dass Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Individuelle Leistungsfähigkeit wurde enorm wichtig, um bestehen zu können. Damals fand eine Trendwende in der allgemeinen Wertorientierung statt. Wir irrten uns mit der Annahme, die Zeit des Postmaterialismus' werde immer weitergehen. Die jungen Leute wandten sich stattdessen wieder traditionellen Werten zu. Sicherheit, Ordnung, Disziplin und Fleiß erleben seither eine Renaissance.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahren haben Verbote das Rauchen immer schwerer gemacht. Haben die gar nichts bewirkt?

Hurrelmann: Sie haben ein wenig geholfen, aber jedes Kind weiß diese Hürden zu umgehen. Verbote funktionieren bei Kindern und Jugendlichen nicht, im Gegenteil. Wenn in den achtziger Jahren der Biologielehrer das Schockvideo einer Raucherlunge zeigte, hat das die Kinder nachhaltig nicht davon abgehalten, mit dem Rauchen anzufangen. Wir wissen sogar von Fällen, in denen Jugendliche seinerzeit mit Drogen erst anfingen, als ein Polizist in der Klasse davor warnte.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht haben die Jugendlichen von heute einfach eingesehen, dass Rauchen schadet.

Hurrelmann: Nicht zu rauchen ist keine Vernunft-, sondern eine Lebensstilentscheidung. Die Jugendlichen möchten fit und leistungsfähig sein, weil sie glauben, so am meisten vom Leben in unserer Gesellschaft haben zu können.

SPIEGEL ONLINE: Ist die jugendliche Sehnsucht nach dem Exzess verschwunden?

Hurrelmann: Das Bedürfnis der Jugendlichen nach Freiheit und Abenteuer ist gleichgeblieben. Heute wollen sie aber Grenzerfahrungen machen, ohne zu rauchen. Ich vermute, dass der Computer, die Medien, Facebook diese Lücke füllen. Auch Partys werden heute eher mehr als weniger gefeiert. In der grenzenlosen medialen Kommunikation liegen die neuen Risiken. Vielleicht müssen wir künftig nach dem krankhaften Internetkonsum und der Spielsucht fragen. Möglich, dass diese Süchte teilweise an die Stelle des Rauchens getreten sind und wir die Tragweite noch nicht ganz erfassen können.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Darstellung des Rauchens in der Öffentlichkeit verändert?

Hurrelmann: Im Kino und Fernsehen sind die Raucher nicht mehr zwangsläufig die Coolen, die Zigarette ist unten durch, nur Loser stecken sich noch eine an. Früher war das Rauchen eine Kompensation, es sollte einen spannenden, weltoffenen Charakter symbolisieren, aber dieses Image ist vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Wer raucht denn noch?

Hurrelmann: Es sind vor allem Jugendlichen mit geringerer Bildung, Haupt- und Förderschüler, für die anderen ist es out. Der Marlboro-Cowboy reitet nicht mehr durch die Prärie, die aktuelle Werbekampagne stellt Freiräume und Lebensoptionen in den Vordergrund. Aber auch sie trifft kaum noch den Nerv der jungen Leute.

SPIEGEL ONLINE: In der "Zeit" ging der Chefredakteur bis vor kurzem "auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt", der Altkanzler wirbt hinter Nikotinschwaden aktuell für die "FAZ". Sehen das die Jugendlichen nicht als Vorbild?

Hurrelmann: Für die Jugend von heute ist das nur noch eine historische Reminiszenz.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie Raucher?

Hurrelmann: Ich habe als Jugendlicher sechs Wochen durchgehalten und es dann wieder gelassen. In meiner Generation war es Standard, das Rauchen mindestens einmal zu versuchen, sonst gehörte man nicht dazu. Das ist heute nicht mehr so, ich finde das sensationell.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist saufen nicht uncool? Der Alkoholkonsum hat im Gegensatz zum Rauchen nicht abgenommen. Fast 40 Prozent der 12- bis 17-Jährigen trinkt regelmäßig.

Hurrelmann: Beim Alkohol gibt es noch keinen Grund zur Entwarnung, auch bei den höheren Bildungsschichten ist er noch weit vertreten. Der Rausch gehört unter den künftigen Abiturienten immer noch zum Alltag.

Die Fragen stellte Jochen Brenner

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Zur Person
  • Reinhard Elbracht
    Klaus Hurrelmann, 68, ist Soziologe und Bildungsforscher. 30 Jahre lang lehrte er an der Universität Bielefeld. Seit seiner Emeritierung 2009 arbeitet er als Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Er betreut die Shell-Jugendstudien.


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