Mexiko: Zeitung kapituliert vor Drogenmafia

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Sieg der organisierten Kriminalität über die freie Presse: In der nordmexikanischen Stadt Nuevo Laredo hat die Zeitung "El Mañana" ihre Berichterstattung über den blutigen Drogenkonflikt im Land eingestellt. Das Redaktionsgebäude war zuvor mit Granaten beschossen worden.

Gewalt der Kartelle: Explosion vor dem Rathaus in Nuevo Laredo im Juni 2012 Zur Großansicht
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Gewalt der Kartelle: Explosion vor dem Rathaus in Nuevo Laredo im Juni 2012

Mexiko-Stadt - Nuevo Laredo liegt im äußersten Norden des mexikanischen Bundesstaats Tamaulipas, am Südufer des Rio Grande. Am Nordufer des Flusses erhebt sich die texanische Schwesterstadt Laredo, sie hat 236.000 Einwohner und den größten Inlandshafen der USA - ein bedeutendes Einfallstor für Drogenlieferungen aus Mexiko in die Vereinigten Staaten. Die Transitroute ist hart umkämpft, vor allem auf mexikanischer Seite.

Während sich Laredo nach außen ruhig gibt und von zahlreichen Grenzkontrolleuren geschützt wird, herrscht in Nuevo Laredo die Gewalt. Der gesamte Bundesstaat Tamaulipas leidet unter den Kriegen zwischen der paramilitärischen Gruppe "Los Zetas" und dem verfeindeten Golfkartell.

Im Juni 2005 wurde der neue Polizeipräsident von Nuevo Laredo noch am Tag seiner Amtseinführung ermordet. Im Februar 2007 wurde der ehemalige Bürgermeister und Kongressabgeordnete Horacio Garza angeschossen und schwer verletzt. Ende Juni verletzte eine vor dem Rathaus platzierte Bombe sieben Menschen.

Immer wieder berichteten Lokalzeitungen über den Krieg in ihrer Stadt. Und immer wieder wurden Journalisten deswegen bedroht, entführt oder getötet. Am Dienstag explodierte vor dem Redaktionsgebäude der Zeitung "El Mañana" eine Granate - ein klares Warnsignal an die Lokaljournalisten, nicht weiter über die Kämpfe unter rivalisierenden Drogenkartellen zu schreiben.

Und tatsächlich kapitulierten die Zeitungsmacher vor der Gewalt: "Wir bitten die Öffentlichkeit um Verständnis, dass wir so lange es nötig ist darauf verzichten werden, Berichte über gewalttätige Auseinandersetzungen zu veröffentlichen, unter denen unsere Stadt und andere Regionen des Landes leiden", heißt es im Leitartikel. Man sei gezwungen worden, diese bedauerliche Entscheidung zu treffen, hieß es. Zu den mutmaßlichen Attentätern und ihren Motiven äußerten sich die Journalisten nicht.

Kalaschnikows gegen Worte

Ebenfalls am Dienstag hatten Unbekannte Granaten auf das Redaktionsgebäude der Zeitung "El Norte" im nördlichen Bundesstaat Nuevo Leon geworfen und mit einer AK-47 um sich geschossen. Schon im September 2010 sowie im Januar und März 2011 waren hier Granaten eingeschlagen, verletzt wurde niemand.

Die Interamerikanische Presseorganisation SIP verurteilte die Anschläge am Mittwoch aufs Schärfste und forderte neue gesetzliche Vorgaben und mehr staatlichen Schutz für Journalisten. "Reporter ohne Grenzen" rief die mexikanischen Behörden dazu auf, "allen Spuren nachzugehen".

In Mexiko werden seit Jahren Journalisten bedroht, zusammengeschlagen, entführt oder ermordet. Die öffentliche Ankündigung von "El Mañana", künftig die Berichterstattung einzustellen, ist allerdings ein Novum.

Mexikanische Medien haben zwar immer wieder ähnliche Entscheidungen getroffen - öffentlich gemacht haben sie diese aber nicht. Einige Medien berichten nur über Kartell-Kriege, indem sie Pressemitteilungen der Polizei zitieren. Sie verzichten auf eigene Berichte und Recherchen. Manche Zeitungen vermeiden es, bei der Berichterstattung die Namen der beteiligten kriminellen Gruppierungen zu erwähnen.

Herausgeber und Chefredakteure versuchen so, ihre Angestellten zu schützen. Seit dem Jahr 2000 wurden laut Menschenrechtskommission der mexikanischen Regierung 81 Journalisten getötet und mindestens 16 entführt. Keines dieser Verbrechen wurde je aufgeklärt. Reporter ohne Grenzen führt Mexiko auf Platz 149 der Rangliste der Pressefreiheit - insgesamt sind 179 Länder aufgeführt. Die Organisation spricht von einem der "gefährlichsten Länder der westlichen Hemisphäre".

Kurz nach seinem Amtsantritt 2006 hatte Präsident Felipe Calderón vollmundig eine nationale Offensive gegen die Kartelle angekündigt - die Folge war eine weitere Verschlechterung der ohnehin prekären Lage im Kampf der Bosse um Drogenrouten und Absatzmärkte. Polizisten und Soldaten der Armee arbeiten mit den Kartellen zusammen, auch viele Politiker machen Geschäfte mit den mächtigen Bossen.

Erst am 22. Juni hatte Präsident Felipe Calderón einer Verfassungsänderung zugestimmt, die die Generalstaatsanwaltschaft ermächtigt, sämtliche Verbrechen gegen Journalisten und die Pressefreiheit auf Bundesebene zu verfolgen. Die Kartelle scheint das nicht abzuschrecken.

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