Drogensucht im Alter: Opium bringt Opi um

Von Dominik Drutschmann

Flower-Power, freie Liebe, "Lucy in the Sky with Diamonds": Nur weil die Hippies von früher jetzt ins Rentenalter kommen, hören ihre Drogenprobleme nicht auf. Unter Deutschlands Süchtigen sind immer mehr Hochbetagte. Geeignete Hilfe gibt es für sie kaum.

Älterer Raucher mit Joint: Die Zahl der hochbetagten Kiffer steigt Zur Großansicht
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Älterer Raucher mit Joint: Die Zahl der hochbetagten Kiffer steigt

Als die Polizei mit einem Rammbock seine Wohnungstür in der Dortmunder Nordstadt aufbricht, bleibt er ganz ruhig. Mit fast 70 bringt einen wohl so schnell nichts mehr aus der Ruhe, vielleicht sind es auch die Drogen. Der Mann, den die Lokalpresse später "Opium-Opa" tauft, sei sehr kooperativ gewesen, sagt ein Beamter. "Hildegart", ein V-Mann, hatte den dealenden Rentner enttarnt. "Du willst Opium? Kein Problem", soll der Senior gesagt haben. 20 Gramm für 250 Euro. Das war im Sommer vergangenen Jahres.

Vor Gericht streitet der Angeklagte alles ab. Stoisch stützt er seinen massigen Körper auf den Gehstock - auch dann noch, als das Urteil verkündet wird: zwei Jahre auf Bewährung. Der Amtsrichter schüttelte den Kopf: "So eine Geschichte kennt man sonst nur noch aus alten Kinofilmen."

Dabei ist das Thema so aktuell wie nie. Immer mehr Menschen im Rentenalter konsumieren illegale Drogen oder verkaufen sie. Vor zehn Jahren gab es im größten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen noch 74 Strafverfahren gegen über 60-Jährige wegen Drogendelikten, heute sind es 177.

Darunter ist auch der Fall eines 71-jährigen Rentners, der in einem Kölner Park Marihuana an Jugendliche verkaufte. Nicht zum ersten Mal, wie die Polizei betonte. Oder der Fall eines 73-Jährigen aus Duisburg, der zu viele Haschkekse gegessen hatte. "Nimm eine Valium, das hilft", soll ihm sein Arzt am Telefon geraten haben.

Flower-Power, freie Liebe und Drogentrips

Kiffende Opas, Oma auf LSD - die Fälle klingen absurd, treten aber immer häufiger auf. Zum ersten Mal erreicht eine Generation das Rentenalter, die mit einer liberalen Drogenkultur aufgewachsen ist, sie sogar mitbestimmt hat. Es sind Menschen, die Ende der sechziger Jahre Mitte 20 waren - in Zeiten von Flower-Power, freier Liebe und Drogentrips.

Die Idole von damals kokettierten mit dem Konsum verbotener Substanzen, sie schrieben Lieder darüber, die Songs der Rolling Stones, der Beatles oder von Bob Dylan sind voller Anspielungen. Wenn sie überlebt haben, sind die Helden von damals nun im Rentenalter, geläutert sind sie nicht. Keith Richards plumpste 2006 im Drogenrausch von einer Palme. Der amerikanische Country-Sänger Willie Nelson wurde im vergangenen Jahr mit 170 Gramm Marihuana erwischt - im Alter von 77 Jahren.

Doch nicht nur aus Rockstars werden Senioren. Die Drogenabhängigen in Deutschland werden immer älter, weil Ersatzstoffe wie Methadon ihre Lebenserwartung steigern. Früher starben die meisten von ihnen jung, heute lassen viele Süchtige die 40 weit hinter sich. Körperlich sind sie aber häufig schon so verbraucht wie hochbetagte Männer und Frauen. "Diese Menschen kann man nicht einfach in einem Altenwohnheim unterbringen", sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, nun in einem Interview. "Es gibt dazu bereits Modellprojekte, beispielsweise zur Bildung von Wohngemeinschaften. Aber wir stehen hier noch am Anfang."

400.000 Menschen über 60 trinken zu viel

Dyckmans kündigte an, die Sucht Älterer zu einem Schwerpunkt der neuen nationalen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik der Regierung zu machen. Der Plan soll 2012 vorgelegt werden und das Programm aus dem Jahre 2003 ablösen.

Rund 400.000 Menschen über 60 trinken zu viel, 14 Prozent der Menschen, die ambulant oder im Heim betreut werden, sind alkohol- oder medikamentenabhängig: zu diesem Ergebnis kämen Experten, so Dyckmans. "Angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft werden die absoluten Zahlen der Betroffenen noch zunehmen. Wir müssen daher Sucht im Alter mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und der Fachleute im Gesundheitswesen rücken."

Gefährlich seien vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel, nach deren Einnahme ältere Menschen überdurchschnittlich oft stürzten oder sich auf andere Art verletzten. Durch die Kombination von Alkohol und Medikamenten komme es zu einer Potenzierung der Wirkung und zu einer hohen Suchtgefahr, so Dyckman. "Ich kenne Fälle von Patienten, die jeden Tag gleichzeitig 15 verschiedene Präparate einnehmen. Das ist nicht immer sachgerecht und kann dann auch schädlich sein."

Gaby Schnell hat den demografischen Wandel in der Sucht schon länger beobachtet. "Dass ältere Menschen vermehrt illegale Drogen nehmen, das ist eine neue Entwicklung der letzten Jahre", sagt die Vorsitzende der Landesseniorenvertretung Nordrhein-Westfalen. Abhängigkeiten im Alter würden bisher wenig beachtet und oft nicht erkannt. Das Gesundheitsministerium fördere daher seit 2010 acht Modellprojekte zur "Sensibilisierung und Qualifizierung von Fachkräften in der Sucht- und Altenhilfe".

Eines davon heißt "Sucht im Alter" in Baden-Württemberg. Mitarbeiterin Anne Röhm und ihre Kollegen schulen die Belegschaft hausärztlicher Praxen, stationärer Pflegeheime und ambulanter Pflegedienste im Umgang mit suchtkranken alten Menschen. Röhm ist froh, "dass die Projekte überhaupt angestoßen wurden", auch wenn die Umsetzung bisweilen sehr schleppend verlaufe. In den Einrichtungen müsse man Druck machen, das Pflegepersonal und die Hausärzte immer wieder darauf hinweisen, dass Sucht im Alter zum Problem wird.

Mit 40 Jahren ein alter Mann

Projektleiter Peter Raiser von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sieht unter den Opioidabhängigen einen eindeutigen Alterstrend. Bei Menschen, die über 40 sind und harte Drogen konsumieren, "lässt sich häufig feststellen, dass sie vorzeitig gealtert sind", sagt Raiser. Wenn einer 20 Jahre lang harte Drogen genommen habe, dann sei er mit 40 Jahren ein alter Mann. Im Jahr 2000 waren nur rund acht Prozent der Opioidabhängigen in Behandlung über 40. 2007 schon fast 22 Prozent - Tendenz steigend.

Der Anfang ist mit den Modellprojekten gemacht. Die Frage ist, ob das ausreicht. "Es kommt eine ganze Generation, da wird die Sucht im Alter ein großes Problem", sagt Gaby Schnell von der Landesseniorenvertretung.

Auch die Polizei wird sich vermehrt um alte Menschen kümmern müssen, die illegale Drogen konsumieren oder damit handeln. Im Falle eines 50-Jährigen aus Solingen war es sowohl der Konsum als auch der Verkauf harter Drogen.

Zusammen mit seiner 85-jährigen Mutter handelte er kiloweise Heroin und Kokain - um seine eigene Sucht zu finanzieren. Nach monatelanger Ermittlung verhaftete die Polizei die dealende Oma, ihren Sohn und den Enkel. Drei Kilo Heroin, etwas Kokain und zwei Schusswaffen fanden die Beamten in der Wohnung des Familienbetriebs. Die Ermittlungen der Polizei liefen unter dem Namen "Sonderkommando Rente".

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insgesamt 95 Beiträge
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1. Was....?
Ben Major 30.12.2011
Was wäre denn geeignete Hilfe, jemand der Drogen holt, wenn der Apo-Opa nicht mehr laufen kann?
2. Erstaunlich!
ZiehblankButzemann 30.12.2011
Wenn diese sogenannten LSD Großeltern regelmäßig Drogen konsumiert haben, ist es umso erstaunlicher, daß sie überhaupt so alt geworden sind. Viele von denen haben anscheinend ein Keith Richards Gen von Natur aus mitbekommen. Die 60er Jahre gelten ja als das Jahrzehnt mit der besten und kreativsten Rockmusik, vielleicht hält ja auch das jung. Damals sind anscheinend neben Indien auch viele nach Afghanistan(Tatsache) zum Drogen konsumieren gereist, heute völlig unvorstellbar. Jedenfalls hatte ich immer gedacht, daß es Untote nur unter den Vampiren und Zombies gibt, aber man lernt ja nie aus. Hat vielleicht sogar der Schlamm von Woodstock diese Hippie-Veteranen so gut konserviert? Mit Bitte um Antwort! Am besten von Zeitzeugen, natürlich.
3. alter macht nicht intelligenter
micromiller 30.12.2011
Zitat von sysopFlower-Power, freie Liebe, "Lucy in the Sky with Diamonds": Nur weil die*Hippies von früher jetzt ins Rentenalter kommen, hören ihre Drogenprobleme nicht auf. Unter Deutschlands Süchtigen sind immer mehr Hochbetagte. Geeignete Hilfe gibt es für sie kaum. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,806197,00.html
opa und oma werden mit zunehmenden alter nicht intelligenter. sie werden halt nur aelter, weil die kostenfrei medizin recht gut ist.
4.
dongerdo 30.12.2011
Zitat von Ben MajorWas wäre denn geeignete Hilfe, jemand der Drogen holt, wenn der Apo-Opa nicht mehr laufen kann?
Stellen sie sich das mal vor - Opa bekommt dann einen BFD-ler zugeteilt um Koks zu holen ^^ Aber im Ernst - Gesundheitsgefahren hin oder her: Wenn jemand über 80 rauchen, saufen und kiffen will - who cares?? Soll Ihm das verboten werden weil er dann keine 120 mehr wird?! Dealen und harte Drogen sind etwas anderes, aber wenn Omi ihren Ruhestand bekifft auf der Veranda verbringen will, warum nicht?
5. Tja...
jetzt:hördochauf 30.12.2011
Zitat von Ben MajorWas wäre denn geeignete Hilfe, jemand der Drogen holt, wenn der Apo-Opa nicht mehr laufen kann?
...darauf wird es wohl hinauslaufen.... Man sollte vielleicht auch nochmal eindringlich auf die Leute einreden: Sie verbauen sich ja ihre ganze Zukunft! (Ein paar Planstellen werden schon drin sein)
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