Drohungen gegen Bürgermeister von Weyhe "Wenn man zurückweicht, haben die anderen gewonnen"

Rechtsextreme wollten die tödliche Prügelattacke im niedersächsischen Weyhe für ihre Zwecke nutzen - doch Bürgermeister Lemmermann stellte sich entgegen. Im Interview erzählt er, welch übelste Beschimpfungen folgten und warum er nun in mehr als hundert Fällen Anzeige erstattet.

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Bürgermeister Frank Lemmermann: "Das muss ich aushalten"
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Bürgermeister Frank Lemmermann: "Das muss ich aushalten"


Hamburg - In der Nacht auf den 10. März wurde der 25-jährige Daniel S. im niedersächsischen Weyhe so schwer zusammengeschlagen, dass er vier Tage später im Krankenhaus starb. S. wollte offenbar einen Streit schlichten, als er am Bahnhof aus einer Gruppe heraus angegriffen wurde. Die brutale Tat rief große Empörung hervor. Weil der Hauptverdächtige ein 20-Jähriger mit Migrationshintergrund ist, versuchten Rechtsextreme, den Fall für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Als eine Woche nach der Tat Mahnwachen mit mutmaßlich rechtem Hintergrund angemeldet wurden, ließ die Gemeinde Weyhe die Veranstaltungen verbieten - und organisierte eigene Mahnwachen. Rund 1500 Bürger kamen, um ein Zeichen gegen Gewalt und gegen Fremdenhass zu setzen.

Die Gemeinde bekam die Folgen ihrer Entscheidung in den Tagen danach zu spüren: Bürgermeister Frank Lemmermann (SPD) und seine Mitarbeiter wurden aufs Übelste beschimpft und bedroht. Die Gemeinde engagierte einen Rechtsanwalt, der nun damit begonnen hat, die Absender wegen Beleidigung, Bedrohung oder Volksverhetzung anzuzeigen. Bis Ende der Woche sollen insgesamt 115 Anzeigen auf den Weg gebracht werden.

Als die Anzeigen bekannt wurden, bekam Lemmerman zur Abwechslung auch mal nette Zuschriften. Ein Absender wollte dem Bürgermeister "persönlich Anerkennung und Respekt" aussprechen. "Darüber habe ich mich richtig gefreut", sagt Lemmerman.

Im Interview beschreibt der Bürgermeister, wie die Angriffe im Rathaus aufgenommen wurden und warum er so entschlossen vorgeht.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah, nachdem sich Weyhe gegen die rechtsextremen Aufmärsche gewehrt hatte?

Lemmermann: Nach dem Verbot der vermeintlichen "Trauerveranstaltung" wurden wir per E-Mail, per Brief und auch per Telefon mit Beschimpfungen eingedeckt. Das waren menschenverachtende Inhalte. Ich bin der Meinung, dass man sich so etwas nicht gefallen lassen muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden die Beschimpfungen bei Ihnen im Rathaus aufgenommen?

Lemmermann: Die Anrufe hat meine Vorzimmerdame abbekommen, die für meine Haltung nichts kann. Insofern sind da auch Unbeteiligte zu Schaden gekommen. Die Stimmung war gedrückt, weil sich keiner vorstellen konnte, dass es Menschen gibt, die so etwas von sich geben. Da kann man sich ungefähr vorstellen, wie viel Hass es in der Gesellschaft geben muss.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das entsetzt?

Lemmerman: Ich habe mir einfach nicht vorstellen können, dass Menschen so etwas schreiben. Es war schon schlimm. Man kann sich ja an mir reiben, weil ich derjenige bin, der die Verbote sozusagen veranlasst hat. Aber meine Familie kann nichts dafür, meine Kinder nicht und die Kolleginnen hier auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie das Gepöbel nicht einfach ignoriert?

Lemmermann: Ich habe den Anspruch, dass ich mich morgens im Spiegel angucken kann. Und wenn ich mir dabei sagen müsste, "da hast du kein Rückgrat bewiesen", wäre das schlecht für mich. Also habe ich gesagt: Wir ziehen das jetzt durch. Die Entscheidung ist übrigens schon kurz nach Eingang der Hassmails gefallen. Unser Rechtsanwalt sagt: Was da so abgesondert wurde, sei mit das Schlimmste, was er in seiner Zeit als Anwalt gesehen habe.

Die Pöbelanrufe im Rathaus wurden nicht dokumentiert, die Anzeigen beschränken sich daher allein auf schriftliche Beschimpfungen. "An das asoziale Pack der Gemeinde Weyhe. Asoziales linksversifftes Pack", hieß es zum Beispiel zu Beginn eines Schreibens. In einem anderen drohte der Absender: "Hoffentlich bringen Türkische Schlägertrupps auch bald Ihre Kinder und Verwandten um, Sie linksversifftes Dreckschwein."

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie persönlich mit den Beschimpfungen umgegangen?

Lemmermann: Ich habe mit Kollegen und auch zu Hause darüber gesprochen und mir wurde klar: Das muss ich aushalten. Wenn man zurückweicht, haben die anderen gewonnen. Das möchte ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich bedroht?

Lemmermann: Als das los ging, habe ich mein Auto schon immer mal woanders geparkt. Aber man kann sich daran gewöhnen. In letzter Konsequenz kann man nicht weglaufen und ich werde das auch nicht tun.

Gedenkveranstaltung  in Weyhe (16. März): Entsetzen über brutale Tat
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Gedenkveranstaltung in Weyhe (16. März): Entsetzen über brutale Tat

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Wochen hat sich die Aufregung in Weyhe gelegt. Fürchten Sie nicht, dass Sie nun weitere Beschimpfungen provozieren?

Lemmermann: Wenn wieder solche Hassmails kommen und wir können die Urheber identifizieren, dann werden die auch wieder zur Anzeige gebracht. Die Menschen müssen sich daran gewöhnen, dass es keinen rechtsfreien Raum gibt. Auch im Internet nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der Tod von Daniel S. hat Weyhe plötzlich auch zu einem Schauplatz des Kampfes gegen Rechtsextremismus gemacht. Sind Sie zufrieden damit, wie sich die Gesellschaft gezeigt hat?

Lemmermann: Ich halte es für wichtig, dass Weyhe Flagge zeigt. Nach unseren Gegendemonstrationen bin ich mir sicher, dass die Bevölkerung diese Ansicht zu weiten Teilen teilt. Wir haben uns bemüht, das Kriminologische vom Politischen zu trennen. Es ist eine Straftat, die vor einem deutschen Gericht abgeurteilt wird. Ich hoffe, dass die Strafe angemessen ausfällt, wenn sich die Schuld nachweisen lässt - und davon gehe ich aus. Dass andere Leute ihr Süppchen darauf kochen wollen, dafür habe ich kein Verständnis. Wir leben hier mit Menschen mit Migrationshintergrund in guter Eintracht. Und ich habe das Ziel, alles zu tun, damit das nicht kaputt gemacht wird.

Die tödliche Attacke auf Daniel S. soll bald vor Gericht verhandelt werden. Die Staatsanwaltschaft Verden hat den mutmaßlichen Haupttäter wegen Mordes angeklagt. Sie sieht das Mordmerkmal der Heimtücke gegeben. Daniel S. starb, so das Ergebnis der Obduktion, durch einen Tritt in den Rücken. Voraussichtlich im September werde der Prozess gegen den 20-jährigen Verdächtigen beginnen, heißt es bei der Anklagebehörde.

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