Dschungel-Einsichten: Schlicht ist schön

Von

Der Sieg von Joey im Dschungelcamp war auch ein Sieg der Schlichtheit über die Cleverness. Das überrascht, weil es jeder Erwartung widerspricht: In einem zynischen Kampf hat sich derjenige durchgesetzt, der zum Zynismus gar nicht fähig scheint. Sieht so aus, als entdeckten wir den guten Menschen wieder.

Joey mit seiner Jacky: Die unzynischste Wahl, die man sich denken konnte Zur Großansicht
Getty Images

Joey mit seiner Jacky: Die unzynischste Wahl, die man sich denken konnte

Na, gut zurück gekommen? Sechzehn Tage verbrachten wir nun als Voyeure im Gebüsch eines Open-Air-Fernsehstudios, das uns RTL als australischen Dschungel verkaufte. Zum siebten Mal schon, und wieder erntete der Kölner Sender damit Einschaltquoten, wie es die seit Ende des öffentlich-rechtlichen TV-Monopols im Jahr 1986 eigentlich nur noch bei WM-Endspielen gibt.

Sechzehn Tage lang haben wir uns deshalb auf allen möglichen Kanälen anhören müssen, dass die Kultur vor die Hunde gehe. Wir Zuschauer nur Voyeure, gierige Gaffer bei einem höchst zynischen Wettkampf seien. Uns am Ekel, an der Lästerei und dem zynischen Zickenkrieg der Campinsassen ergötzten, am Elend der verzweifelten, sicher bald wieder vergessenen Eben-doch-keine-Promis.

Man sagt, dass wir in ironischen Zeiten lebten, in denen wir mit Distanz auf die einfachen Dinge herablächelten. Es wird als Begründung dafür bemüht, warum wir es witzig finden, dass etwa die Aufgabe der Moderatoren des Dschungelcamps nur daraus zu bestehen scheint, quasi mit und für uns über diese armen Narren zu lästern, die sich da über zwei Wochen zum Affen machen.

Und es stimmt, es ist wie in einem Menschenzoo, in dem wir unseren Spaß an der Demaskierung bösartiger Dummheit oder dumpfer Selbstverliebtheit haben. Ganz besondere Freude haben wir dann, wenn sich diese "Stars" als Abziehbilder und oft ganz, ganz trübe Funzeln entpuppen, Flatulenz inklusive.

Das ist perfide, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Mag sein, dass es dieses Ekel-und-Schadenfreude-Paket ist, das uns lockt. Es ist aber nicht das, was wir insgeheim erhoffen - sonst hätte Joey Heindle die siebte Dschungelkrone nie gewinnen können.

Fotostrecke

13  Bilder
Dschungelcamp: Der König und das eklige Entenei

Der Stoff, aus dem Dschungel-Monarchen sind

Eigentlich war dieser Joey von der ersten Minute an das, was man auf Deutschlands Schulhöfen ein "Opfer" nennt. Sprachlich und intellektuell offensichtlich limitiert lieferte er in Serie Steilvorlagen, um von allen Seiten veräppelt und verspottet zu werden.

Eine Best-of-Auswahl gefällig?

  • "Ich hab kein Bock, hier morgen tot aufzuwachen." (Joey über bewegte Palmwedel im Wind)
  • "Wohin?" (Joeys Replik auf die Frage, ob er noch folgen könne)
  • "Es ist wie bei einer Geburt. Da musst du pressen. Und hier, da presst du halt mit deinen Gefühlen." (Joey über den Sinn von Dschungelcamp-Aufenthalten)
  • "Das ist ja wie Mathe, da musste dich voll gut auskennen!" (Joey über Sexualität unter Einbeziehung der Vorsilbe "Trans-")
  • "In meinem Kopf ist immer Karneval." (Joey über Joey)
  • "Ich hab genug vom Einlauf." (Joey über Eintopf)
  • "Lets getti to Joey!" (Joeys Antwort auf die Frage, welchen "Königs-Beinamen" er tragen wolle)

Man kann jede Wette eingehen, dass viele der Sprüche bald auf T-Shirts auftauchen werden. Vor allem das "Lets getti Rambo!", der pseudo-englische Schlachtruf des Herrn Heindle, hat das Potential, richtig Kult zu werden. Was aber nicht bedeutet, dass Joey Heindle zu den anderen Verlierern des Dschungelcamps zählt, zu denen ja einwandfrei auch alle seine Vor-Monarchen gehören. Heindle ist in gewissem Sinne der erste echte Gewinner dieser Show.

Denn das bemerkenswerteste am Dschungelcamp 2013 war, dass die große Verspottung des Joey H. ausblieb.

Stimmt schon, wir haben über ihn gelacht, und zwar herzlich. Aber wir lachten, wie wir über die Sprach-Stolperer eines Kindes lachen oder über das Slapstickhafte Missgeschick eines Menschen, den wir mögen. Das Gefühl, das Heindle wohl in den meisten Zuschauern weckte, war ein gänzlich unerwartetes: Er hat uns gerührt. Deshalb hat er gewonnen.

Wir können nicht alle Einsteins sein

Joey Heindles Sieg ist ein Sieg der Schlichtheit über die Cleverness, der Einfalt über die Bösartigkeit, der Echtheit über das Kalkül. Das ist es, was uns an ihm berührt, was ihn so sympathisch macht, unsere Schutzinstinkte weckt. Wie viele Zuschauer haben sich irgendwann gefragt, was aus ihm werden soll, wenn er nicht Dschungelkönig wird? Sein Traum vom Star-Sein dürfte anders kaum zu verwirklichen sein. Er erinnerte uns in seinem naiven Eifer an ganz alte Helden, an Heilige und daran, dass das Wort "Gutmensch" eigentlich kein Schimpfwort sein dürfte, in einer besseren Welt. Heindle ging ins Camp, wie Don Quijote hinaus in den Kampf - total gaga, aber absolut reinen Herzens.

Ist ihnen die Szene aufgefallen, als einer der "Ranger" den Gewinner Joey aus dem Camp holen sollte? Joey umarmte ihn spontan, und der australische Macho erstarrte perplex zur Salzsäure, überfordert mit der Situation: "Wieso fällt der mich jetzt an?", stand in seinen vor Schreck geweiteten Augen zu lesen.

Wir alle wussten, warum Joey das tat: Er freute sich eben. Ganz ehrlich, ganz geradeaus. Klar, dass man da den erstbesten Ranger drücken will. Was weiß Joey davon, dass angelsächsisch geprägte Männer sowas nicht tun, dass es Kulturen gibt, in denen körperlicher Abstand ein Gebot ist? Mit aller Wahrscheinlichkeit würde er mit dem Vorstandsvorsitzenden eines Großkonzerns auch nicht anders umgehen.

Schlichtheit ist mitunter einfach schön. In komplizierten Zeiten lebend ist es nicht einfach, schlicht zu sein. Es ist die Negierung aller Erwartungen, die Gesellschaft angeblich an uns stellt. Es ist die Entdeckung, dass man nicht schön oder zumindest operiert, gebildet oder zumindest clever, weltgewandt oder zumindest mehrsprachig sein muss. Dass es manchmal reicht, ein guter, unverstellter Mensch zu sein.

Er hat es genau damit "gerockt", wie Joey sagen würde. Wir Narren wählten den Narren zum König der Narren - wen auch sonst? Es ist schön, dass Schlicht gewann. Und es sagt eine Menge aus über uns, die angeblich so zynischen Voyeure vor dem Bildschirm.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 101 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die Narren........
Revarell 27.01.2013
........haben den Narren zum König gewählt! Sehr treffender Vergleich,.....
2. Auf den Punkt gebracht
ablaufdatum 27.01.2013
Schön, dass auch noch ein Vertreter der schlichten Anständigkeit gewinnen kann. Das Gegenteil kennen wir zur Genüge.
3. optional
pmhh 27.01.2013
[...]ein Sieg der Schlichtheit über die Cleverness. Das überrascht, [...] Überrascht es wirklich? Nicht wirklich, oder? Sind es nicht die Joey's dieser Welt, die die Zielgruppe des Dschungelcamps sind?
4. der größte witz ist
na!!! 27.01.2013
das diese jacky sich mit dem zeigt ;-) das geht nicht auf dauer gut Lol .
5. Vielen Dank...
Dopamin 27.01.2013
...für diesen gelungenen Artikel!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Dschungelcamp
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 101 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Die RTL-Camper 2013: So lief es im Dschungel