Von Frank Patalong
Na, gut zurück gekommen? Sechzehn Tage verbrachten wir nun als Voyeure im Gebüsch eines Open-Air-Fernsehstudios, das uns RTL als australischen Dschungel verkaufte. Zum siebten Mal schon, und wieder erntete der Kölner Sender damit Einschaltquoten, wie es die seit Ende des öffentlich-rechtlichen TV-Monopols im Jahr 1986 eigentlich nur noch bei WM-Endspielen gibt.
Sechzehn Tage lang haben wir uns deshalb auf allen möglichen Kanälen anhören müssen, dass die Kultur vor die Hunde gehe. Wir Zuschauer nur Voyeure, gierige Gaffer bei einem höchst zynischen Wettkampf seien. Uns am Ekel, an der Lästerei und dem zynischen Zickenkrieg der Campinsassen ergötzten, am Elend der verzweifelten, sicher bald wieder vergessenen Eben-doch-keine-Promis.
Man sagt, dass wir in ironischen Zeiten lebten, in denen wir mit Distanz auf die einfachen Dinge herablächelten. Es wird als Begründung dafür bemüht, warum wir es witzig finden, dass etwa die Aufgabe der Moderatoren des Dschungelcamps nur daraus zu bestehen scheint, quasi mit und für uns über diese armen Narren zu lästern, die sich da über zwei Wochen zum Affen machen.
Und es stimmt, es ist wie in einem Menschenzoo, in dem wir unseren Spaß an der Demaskierung bösartiger Dummheit oder dumpfer Selbstverliebtheit haben. Ganz besondere Freude haben wir dann, wenn sich diese "Stars" als Abziehbilder und oft ganz, ganz trübe Funzeln entpuppen, Flatulenz inklusive.
Das ist perfide, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Mag sein, dass es dieses Ekel-und-Schadenfreude-Paket ist, das uns lockt. Es ist aber nicht das, was wir insgeheim erhoffen - sonst hätte Joey Heindle die siebte Dschungelkrone nie gewinnen können.
Der Stoff, aus dem Dschungel-Monarchen sind
Eigentlich war dieser Joey von der ersten Minute an das, was man auf Deutschlands Schulhöfen ein "Opfer" nennt. Sprachlich und intellektuell offensichtlich limitiert lieferte er in Serie Steilvorlagen, um von allen Seiten veräppelt und verspottet zu werden.
Eine Best-of-Auswahl gefällig?
Man kann jede Wette eingehen, dass viele der Sprüche bald auf T-Shirts auftauchen werden. Vor allem das "Lets getti Rambo!", der pseudo-englische Schlachtruf des Herrn Heindle, hat das Potential, richtig Kult zu werden. Was aber nicht bedeutet, dass Joey Heindle zu den anderen Verlierern des Dschungelcamps zählt, zu denen ja einwandfrei auch alle seine Vor-Monarchen gehören. Heindle ist in gewissem Sinne der erste echte Gewinner dieser Show.
Denn das bemerkenswerteste am Dschungelcamp 2013 war, dass die große Verspottung des Joey H. ausblieb.
Stimmt schon, wir haben über ihn gelacht, und zwar herzlich. Aber wir lachten, wie wir über die Sprach-Stolperer eines Kindes lachen oder über das Slapstickhafte Missgeschick eines Menschen, den wir mögen. Das Gefühl, das Heindle wohl in den meisten Zuschauern weckte, war ein gänzlich unerwartetes: Er hat uns gerührt. Deshalb hat er gewonnen.
Wir können nicht alle Einsteins sein
Joey Heindles Sieg ist ein Sieg der Schlichtheit über die Cleverness, der Einfalt über die Bösartigkeit, der Echtheit über das Kalkül. Das ist es, was uns an ihm berührt, was ihn so sympathisch macht, unsere Schutzinstinkte weckt. Wie viele Zuschauer haben sich irgendwann gefragt, was aus ihm werden soll, wenn er nicht Dschungelkönig wird? Sein Traum vom Star-Sein dürfte anders kaum zu verwirklichen sein. Er erinnerte uns in seinem naiven Eifer an ganz alte Helden, an Heilige und daran, dass das Wort "Gutmensch" eigentlich kein Schimpfwort sein dürfte, in einer besseren Welt. Heindle ging ins Camp, wie Don Quijote hinaus in den Kampf - total gaga, aber absolut reinen Herzens.
Ist ihnen die Szene aufgefallen, als einer der "Ranger" den Gewinner Joey aus dem Camp holen sollte? Joey umarmte ihn spontan, und der australische Macho erstarrte perplex zur Salzsäure, überfordert mit der Situation: "Wieso fällt der mich jetzt an?", stand in seinen vor Schreck geweiteten Augen zu lesen.
Wir alle wussten, warum Joey das tat: Er freute sich eben. Ganz ehrlich, ganz geradeaus. Klar, dass man da den erstbesten Ranger drücken will. Was weiß Joey davon, dass angelsächsisch geprägte Männer sowas nicht tun, dass es Kulturen gibt, in denen körperlicher Abstand ein Gebot ist? Mit aller Wahrscheinlichkeit würde er mit dem Vorstandsvorsitzenden eines Großkonzerns auch nicht anders umgehen.
Schlichtheit ist mitunter einfach schön. In komplizierten Zeiten lebend ist es nicht einfach, schlicht zu sein. Es ist die Negierung aller Erwartungen, die Gesellschaft angeblich an uns stellt. Es ist die Entdeckung, dass man nicht schön oder zumindest operiert, gebildet oder zumindest clever, weltgewandt oder zumindest mehrsprachig sein muss. Dass es manchmal reicht, ein guter, unverstellter Mensch zu sein.
Er hat es genau damit "gerockt", wie Joey sagen würde. Wir Narren wählten den Narren zum König der Narren - wen auch sonst? Es ist schön, dass Schlicht gewann. Und es sagt eine Menge aus über uns, die angeblich so zynischen Voyeure vor dem Bildschirm.
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