"Dull Men's Club" Die zwölf langweiligsten Männer Großbritanniens

Sie sammeln Milchflaschen, fotografieren Briefkästen und verehren Abflussgitter: Die Mitglieder des "Dull Men's Club" sind stolz darauf, nichts Besonderes zu sein. Sind sie wirklich soooo langweilig?

Joshua Gaunt/ Geoff Robinson Photography

Aus Birmingham berichtet


Sie haben auch Spaß, auf ihre Art, auf die sichere Art. Sie schauen zu, wie Farbe trocknet, Gras wächst, Eis schmilzt, Brotteig aufgeht. Sie hören sich im Radio den Wetterbericht an und erkundigen sich anschließend bei Bekannten im ganzen Land, ob die Vorhersage stimmte. Sie haben ihre eigene App, "50 Shades of Gray", die keinen Rosamundepilchersadomaso zeigt, sondern 50 Kacheln in unterschiedlichen Schattierungen ihrer Lieblingsfarbe. Grau.

Sie sind Langweiler. Und sie sind stolz darauf.

David Morgan ist einer der größten Langweiler Großbritanniens, er hat das jetzt schriftlich. Der 72-Jährige ist einer der zwölf Männer, die vom "Dull Men's Club" (DMC), der Vereinigung der Langweiler, für einen Kalender auserkoren wurden. Die Party zur Präsentation steigt in der industriecharmanten Stadt Birmingham, an einem Samstagmittag um 12 Uhr, bei Hamburgern und Fish & Chips. Ein bisschen Feiern ist okay, finden die Herren. Aber bitte nichts Extravagantes.

Kegel-Mann und Mister Juli

David Morgan ist Mister Juli, und für einen Kalenderboy sieht er ziemlich unspektakulär aus: beigefarbene Hosen, braune Lederslipper, Wollpullover, Hemd und Halbglatze. Seit sechs Jahren ist Morgan in Rente. Seit 34 Jahren sammelt er Leitkegel, diese meist orangefarben-weißen Hütchen, die am Straßenrand stehen. Auf seinem Dachboden und im Schuppen in Burford bei Oxford hat Morgan sie gebunkert, 503 unterschiedliche Exemplare. Die ganz besonderen liegen platzsparend ineinandergestapelt unter seinem Bett. Da ist es schön dunkel, die Farben verblassen nicht.

Während Morgan auf der Feier über seine Kegel spricht, hat er die Hände auf seinem stattlichen Bauch geparkt, mit den Fingern trommelt er darauf herum. Sein schönstes Exemplar hat er auf Sizilien gefunden, angespült aus Malaysia. Er besitzt auch einen schottischen Kegel aus dem Jahr 1956. Wenn er ein neues Exemplar ergattert, ein "armes kleines Ding", wäscht er es mit Seifenwasser ab und stellt es zu den anderen: "Schaut her, hier ist euer neuer Freund", rufe er dann den Kegeln zu. Er hat sogar kleine Anti-Stress-Knautsch-Kegel. Benutzen musste er sie allerdings noch nie. Stress? Das wäre gar nicht im Sinne des DMC.

Mit seinem Hobby hat es Morgan ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft, es gibt einige Zeitungsartikel über ihn, einmal durfte er für eine Biermarke werben. Es sei besser, als Langweiler bekannt zu sein, als überhaupt nicht aufzufallen, sagt Morgan. Vor zwei Monaten kam dann der Anruf vom DMC-Gründer: "Du klingst wirklich langweilig", habe Leland Carlson zu ihm gesagt. Und Morgan antwortete: "Oh, Danke schön."

Richtiger Stress, Action

Den DMC gibt es seit 1985, und eigentlich war es eine Protestaktion. Die Legende geht so: Carlson saß mit Bekannten aus dem Sportklub beisammen, New York, südlicher Central Park, alles sehr schick. Carlson hatte gerade seinen täglichen Sit-up gemacht, so erzählt er es. Im Klubmagazin blätterten sie durch die Berichte über das Boxen, Wrestling, Skifahren. "Wir treiben gar nichts davon", sagte einer aus der Runde. Keinen harten Männersport, nichts Aufregendes, nichts Schnelles. "Wir müssen wohl ziemlich langweilig sein." Die Männer beschlossen, daraus solle etwas werden.

Sie gründeten ihren eigenen Klub im Klub, auch sie bekamen damit Platz im Magazin und durften fortan über ihre Erlebnisse schreiben. Wie sie zum Beispiel eine Bustour machten und erst eine Runde um das Fahrzeug drehten, bevor sie es sich dann noch von Innen ansahen. Oder wie sie ein Rennen veranstalteten und überprüften, welcher der sieben Aufzüge im Sportklub zuerst oben ankommt. Action.

Bald gab es auch in anderen US-Städten Ableger des DMC. Die Idee war bestechend: ein Klub, durch den Langweiler die Möglichkeit haben herauszustechen. Und das nicht wie sonst im negativen Sinne. Auch bei den Frauen würde ihre zuverlässige Art gut ankommen, sagt Carlson. Im DMC sind sie aber nicht zugelassen. Sie seien schließlich immer aufregend. Und das Gegenteil zu behaupten, sei politisch nicht korrekt.

Jäger und Sammler

Carlson, ehemaliger Steueranwalt und ledig, zog 1996 nach Großbritannien und machte dort weiter, es war und ist ihm ein Riesenspaß. Mithilfe seines Neffen erstellte er die Homepage des DMC. Inzwischen, so schätzt Carlson, gebe es etwa 5000 Mitglieder in Großbritannien und den USA. Zertifikate über die Mitgliedschaft, die schriftliche Anerkennung der Langweilerqualitäten, werden erst seit Kurzem ausgestellt. Eine Bewegung sei der Klub allerdings nicht. Schon das Wort impliziert Aktivität. Gott bewahre. Die Mitglieder kämpfen auch nicht für Rechte. Denn wer sollte ihnen ihr Recht aufs Langweiligsein streitig machen?

Die größten Langweiler hätten eine Auszeichnung verdient, entschied Carlson. Also organisierte er die Fotoshootings für den Kalender. Neben Kegel-Mann Morgan findet sich darin zum Beispiel Steve Wheeler. Vor 30 Jahren hat er damit angefangen, Milchflaschen zu sammeln, inzwischen besitzt er rund 20.000 Exemplare und ein kleines Museum in seinem Garten. Im April reinigen er und seine Ehefrau die Flaschen - deshalb ziert er das entsprechende Blatt im Kalender.

Im Januar ist Kevin Beresford abgebildet, der Präsident der Kreisverkehr-Liebhaber. Vom März-Bild strahlt Archie Workman, der eine Vorliebe für Abflussgitter hat, "weil unter uns eine ganze Welt liegt, über die wir nichts wissen". Peter Willis, der Juni-Mann, hat sich vorgenommen, jeden Briefkasten des Landes zu fotografieren, rund 2500 Aufnahmen hat er schon. Neil Brittlebank sammelt seit 1990 Ziegelsteine und hat es damit auf das September-Bild geschafft (hier finden Sie alle zwölf Kalenderblätter).

Die DMC-Männer nennen das ihren größten Verdienst: In einer Zeit, in der alles immer größer, schöner, aufregender sein muss - auch und gerade die Männer - haben sie der Versuchung widerstanden. Sie sind und bleiben langweilig.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
dr. phibes 16.10.2014
1. Michael Kennedy
Steine schleppen hält jung :) Der laut Bildunterschrift 73jährige war das schon 2011 in einem Zeitungsartikel und schleppte seit 14 Jahren Steine.
kampftier 16.10.2014
2. Jeder Mensch Tickt Anders ....
Schon früher sagte man ... Jeder Tickt Anders ... Ist doch ok so ...
matze_wehlau 16.10.2014
3. schrullig
aber sehr sympatisch... :)
quakiutel 16.10.2014
4. Der absurde Mensch...
...braucht seine Ausformung. Das hier kann noch viel besser werden, indem jede Form von Unsterblichkeitskult (z.B. das Sammeln) und kleinbürgerlichem Zugewinns-Denken oder Wettbewerb (Buch der Rekorde) vermieden wird.
thmarko 16.10.2014
5.
Mein Favorit: Mister Oktober - absolute Weltklasse
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