Ebola-Angst Amerika ist infiziert

In den USA herrscht höchste Ebola-Alarmstufe. Vor allem konservative Medien und Politiker verbreiten Desinformation über die Seuche, um Zuschauer in Angst zu bannen - und gegen US-Präsident Obama und Einwanderer zu keilen.

Von , New York


Die Ebola-Invasion ist da. Fürchtet jedenfalls Elisabeth Hasselbeck vom US-Kabelsender Fox News: "Wieso lassen wir noch Leute in dieses Land?", entsetzt sich die Moderatorin, eine bekannte Konservative. "Wieso stellen wir nicht die Flüge ein und schließen die Grenzen?"

Hasselbecks Interviewpartner schaut etwas konsterniert: Anthony Fauci, der Direktor der US-Gesundheitsbehörde NIAID, ist an einiges gewöhnt, aber solch plumpe Angstmache geht ihm sichtlich zu weit. "Sorry, ich weiß nicht, was Sie damit meinen", seufzt der berühmte Immunologe. "Das macht wirklich keinen Sinn."

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Ebola: Panik in US-Medien
Dieser Zwischenfall ist keine Ausnahme: Auch wenn die Behörden mit demonstrativer Besonnenheit zu agieren versuchen - die US-Medien halten dagegen, schüren Panik und Paranoia. Als sich die Seuche noch aufs fremde Afrika beschränkte, war sie für die meisten Amerikaner kaum von Interesse. Das änderte sich mit den ersten US-Fällen schlagartig: Seither befeuert Ebola eine Endlosschleife aus Desinformation und Demagogie, als Schlagzeile, Schlachtruf und filmreifes Twitter-Hashtag, #EbolaInAmerica.

"Ebola - der IS der biologischen Kampfstoffe?", fragt CNN

Die Unsinnsspirale begann am 30. September mit der ersten Diagnose in den USA, der Liberianer Thomas Eric Duncan starb acht Tage später in einer Klinik in Dallas. Bei Nina Pham, einer seiner Krankenschwestern, wurde trotz aller Schutzmaßnahmen am Sonntag ebenfalls Ebola diagnostiziert, als erster Person, die sich auf amerikanischem Boden ansteckte.

In Westafrika hat sich Ebola zwar zum "schwersten öffentlichen Gesundheitsnotfall in modernen Zeiten" ausgeweitet, so Margaret Chan, die Chefin der Weltgesundheitsbehörde WHO.

In den USA dagegen bleibt der Ausbruch einer Ebola-Pandemie auch nach den zwei registrierten Fällen unwahrscheinlich - dazu ist das Gesundheitssystem zu fortgeschritten.

Trotzdem ist Ebola das schrille Top-Thema auf allen Nachrichtenkanälen. Nach einer Erhebung des Pew Research Centers berichteten die US-Newssender in den letzten Wochen mehr und dramatischer über Ebola als über den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) - und auch mehr als zuvor über andere Krankheiten wie Schweinepest, Mers oder Rinderwahnsinn.

Ein Horror weicht dem anderen: "Ebola - der IS der biologischen Kampfstoffe?", dröhnte CNN. Atemlos vermeldeten Lokalsender am Montag die allerneuesten "Verdachtsfälle" mit "grippeähnlichen Symptomen" - zwei Patienten in Manhattan und fünf Passagiere einer Maschine aus Dubai, die in Boston landete. Alle wurden kurz darauf für Ebola-frei erklärt.

Witz löste Seuchenalarm aus

Die Bilder der Teams in gelben Schutzanzügen erinnerten an apokalyptische Kinothriller wie "Contagion", der im US-Kabelfernsehen extra wiederholt wird. Diese Teams riegelten auch in Dallas, wo die infizierte Krankenschwester wohnt, erneut einen ganzen Straßenblock ab, um ihn zu dekontaminieren. Anderswo löste schon ein dummer Fliegerwitz Seuchenalarm aus.

AFP

Manche haben Verständnis für den Hype. "Ebola ist eine jener Krankheiten, aus denen Zombie-Filme gemacht werden", sagte Seuchenforscher Fauci dem "New York Magazine".

Konservative Medien nutzen Ebola aber nicht nur als Quotenköder, sondern als politischen Vorschlaghammer gegen Präsident Barack Obama. Allen voran Marktführer Fox News: Dort ist Ebola nur das jüngste Beispiel für das "verräterische" Versagen des verhassten Präsidenten.

"Nur Minuten, nachdem er von einem neuen Ebola-Opfer gehört hatte, ging der Präsident golfen!", echauffierte sich Moderatorin Harris Faulkner. Ihr Kollege Eric Bolling fantasierte, dank Obama könne Ebola nun "auf dem Rücken des 'Islamischen Staates' über unsere Grenzen kommen". Und Kommentatorin Laura Ingraham fachte sogar das absurde Gerücht an, Ebola könne sich durch die Luft verbreiten.

Viele springen darauf offenbar an. 40 Prozent der Amerikaner halten Ebola einer neuen Umfrage zufolge für eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit, doppelt so viele wie noch im September. Jeder Vierte gab an, seine Reisepläne geändert oder storniert zu haben.

"Ich wünschte, dass alle mal tief Luft holen und aufhören würden, Zuschauer zu ködern, indem sie ihnen Angst machen", klagt Miles O'Brien, vormals CNN-Wissenschaftskorrespondent, der jetzt für den öffentlichen Sender PBS arbeitet. "Das ist doch peinlich für den Journalismus."

Doch sind es ja nicht nur die Medien. Republikanische Politiker springen auf den Zug auf: Sie sehen Ebola als neues Argument gegen Einwanderer. Südstaaten-Gouverneure wie Bobby Jindal (Louisiana) und Rick Perry (Texas) rufen nach kompletter Abschottung. Denn alle Immigranten, so der Abgeordnete Phil Gingrey, könnten "Schweinepest, Dengue-Fieber, Ebola und Tuberkulose" einschleppen.

Stärkere Screenings an den fünf größten US-Flughäfen

Die offiziellen Stellen reden vergeblich gegen den Quatsch an. Thomas Frieden, der Chef der obersten US-Seuchenbehörde CDC, versprach am Montag zwar ein "Umdenken" - denn irgendetwas ist in Dallas in der Tat falsch gelaufen. Die fast hundert Personen aber, die dort zurzeit unter Beobachtung stehen, hätten bisher keine Symptome. Klartext: Sie zumindest können niemanden anstecken.

Auch von ganz oben versucht die US-Regierung beruhigend dagegen zu steuern. Obama trifft sich täglich mit seinem Ebola-Krisenstab, am Sonntag ließ er sich demonstrativ durchs Fenster des Oval Office beim Telefonat mit Gesundheitsministerin Sylvia Burwell fotografieren.

REUTERS

Akute Maßnahmen beschränken sich bisher jedoch auf eher symbolische Schritte, etwa stärkere Screenings an den fünf größten US-Flughäfen JFK, Newark, Atlanta, Washington-Dulles und Chicago-O'Hare.

Noch jemand freut sich über die Ebola-Angst: Konzerne wie DuPont und Kimberly-Clark, die Schutzausrüstungen verkaufen, berichten, ihre Umsätze hätten neuerdings spürbar angezogen.

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Seite 1
humpalumpa 14.10.2014
1.
Ich halte Ebola auch für eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit und ich verstehe ebenfalls nicht, wie man die Flughäfen noch anfliegen kann. Kontrolliert wird hier auch Keiner! Selbst SPON sollte einsehen, dass Verharmlosen nix bringt und dass das eh Keiner mehr glaubt. Sich als Journalist so zu verkaufen ist wirklich übel. 4 Leute außerhalb Afrikas. 2 Neuansteckungen dadurch. Ja, da sehe ich ein Problem.
ronjeremy 14.10.2014
2. natürlich
"Vor allem konservative Medien und Politiker verbreiten Desinformation über die Seuche, um Zuschauer in Angst zu bannen - und gegen US-Präsident Obama und Einwanderer zu keilen." irgendwann glaubt man den Medien nicht mehr. egal was passiert NIE habe die Einwanderer oder Flüchtlinge eine Schuld. Sie scheinen alle heilig zu sein. Ach ja der gefilterte Flüchtling aus Burbach sitzt in Haft. wäre auch mal ein Artikel wert...
ich2010 14.10.2014
3.
da wird eine gefährliche krankheit von billigen politikern schamlos für die eigenen interessen instrumentalisiert. unschuldige menschen werden als träger einer seuche stigmatisiert. war da nicht schon mal so was ähnliches vor... sagen wir mal knapp 80 jahren?? stigmatisierung ganzer bevölkerungsgruppen?? diese propagande ist nicht nur unterstes niveau sondern auch gefährlich und kann dazu führen, dass unschuldige menschen auf der straße vom panischen mob angegriffen werden nur weil sie vllt gerade vom flughafen kommen, die "falsche" hautfarbe haben und zufällig einmal niesen. es ist einfach nur übelstes unterstes niveau die unwissenheit und leichtgläubigkeit der menschen auszunutzen und falschaussagen unters volk zu streuen.
jeanremy 14.10.2014
4. An die eigene Nase fassen...
Mit dem Titel "Amerika ist infiziert" schlägt SPON in die gleiche Kerbe der Angstmache und Generierung von möglichst vielen Klicks. Das ist schon Bild- oder Expressniveau. "Panikmache in Amerika" wäre ein ehrlicherer, passenderer und weniger aufreißerischer Titel gewesen.
MobelpreisMedizinPhysik 14.10.2014
5. Ebola wird unterschätzt
Überall, wo Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern versucht haben zu helfen, wurden Viren übertragen - al
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