Katholischer Erzbischof zur Ehe für alle "Es muss nicht alles gleich sein, damit es gleichwertig ist"

Wie blickt die katholische Kirche auf die historische Entscheidung zur Ehe für alle? Im Interview erklärt Erzbischof Heiner Koch, was ihn an der Abstimmung ärgert - und warum ihn die Reaktion mancher Christen bedrückt.

Aktivisten mit Regenbogenflaggen vor dem Brandenburger Tor
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Aktivisten mit Regenbogenflaggen vor dem Brandenburger Tor

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Die Ehe für alle ist beschlossen: Mit deutlicher Mehrheit hat der Bundestag am Freitag für die umfassende rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare votiert - auch Dutzende Unionsabgeordnete stimmten mit Ja.

Im großen Jubel der Befürworter gingen die Stimmen der Gegner vorübergehend unter. Die rechtspopulistische AfD und die katholische Kirche scheinen derzeit die letzten Vertreter des klassischen Ehe-Verständnisses zu sein - und das könnte ihnen durchaus zum Vorteil gereichen. Denn so groß der gesellschaftliche Konsens auch sein mag: Konservative Christen fühlen sich derzeit nicht ausreichend repräsentiert.

Während evangelische Pfarrer längst gleichgeschlechtliche Paare trauen, weigern sich katholische Bischöfe standhaft, das Sakrament der Ehe zur Disposition zu stellen.

Deutschlands oberster Protestant, Heinrich Bedford-Strohm, reagierte erfreut, aber auch zartfühlend auf die Entscheidung des Bundestages, wohl angesichts der Befindlichkeiten in der Ökumene: "Ich wünsche mir, dass jetzt weder Triumphgefühle auf der einen Seite noch Bitterkeit auf der anderen Seite den Ton angeben", schrieb der Vorsitzende der evangelischen Kirche. Er plädierte für "ein neues Bewusstsein für das wunderbare Angebot der Ehe, in lebenslanger Treue und Verbindlichkeit miteinander leben zu dürfen".

Doch wie bewerten konservative Katholiken die historische Entscheidung? Berlins Erzbischof Heiner Koch ist seit Herbst 2014 Vorsitzender der Kommission für Ehe und Familie bei der Deutschen Bischofskonferenz. Er hat nichts gegen gleichgeschlechtliche Liebe - wohl aber gegen die Aushöhlung des Ehebegriffs.

SPIEGEL ONLINE: Die Ehe für alle ist beschlossen. Angela Merkel hat die Abstimmung losgetreten - und dann gegen den Gesetzentwurf gestimmt. Hat die Kanzlerin aus Kalkül gehandelt?

Koch: Das kann ich nicht beantworten. Mich ärgert, dass diese Frage, die lange diskutiert wurde, aus wahlkampftaktischem Kalkül so abrupt, innerhalb weniger Tage entschieden wurde. Das ist befremdlich - und weder der Familie noch dem Grundgesetz angemessen.

SPIEGEL ONLINE: Merkel begründet ihr Nein mit dem Grundgesetz, die Ehe sei eine Sache zwischen Frau und Mann.

Koch: Genau. Bei der Frage um die Ehe für alle geht es explizit nicht um die Bewertung von Beziehungen. Die Verfasser des Grundgesetzes wollten Mütter und Väter schützen, die Kinder großziehen. Um diesen Schutz geht es - und nicht um Fragen wie Gleichwertigkeit und Respekt vor anderen Lebensentwürfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber für die meisten gleichgeschlechtlichen Paare ist eine gesetzliche Regelung Grundbedingung für eine vollwertige Anerkennung.

Koch: Dass der Staat auch andere Beziehungen stärken, schützen und juristisch klären muss, ist mir klar. Warum man das alles aber Ehe nennen muss, verstehe ich nicht. Das scheint mir eine Ideologie der Zeit zu sein: Es muss alles gleich sein, damit es gleichwertig ist. Aber Differenzierung ist doch nicht automatisch Diskriminierung.

Zur Person
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    Heiner Koch wurde 1954 in Düsseldorf geboren, 1980 zum Priester und 2006 zum Bischof geweiht. Zunächst arbeitete er im Erzbistum Köln. Im Januar 2013 ging er ins Bistum Dresden-Meißen. 2014 wurde Koch von der Deutschen Bischofskonferenz zum Vorsitzenden der Kommission für Ehe und Familie berufen. Im Juni 2015 wechselte er nach Berlin, wo er die Nachfolge von Kardinal Rainer Maria Woelki antrat.

SPIEGEL ONLINE: Wieviel C steckt denn nach dem Ja zur Ehe für alle noch in CDU/CSU?

Koch: Bei mir gehen stapelweise Briefe ein, in denen es heißt, die einzige Partei, die heute noch christliche Inhalte vertrete, sei die AfD. Das bedrückt mich sehr, weil ich eine deutliche Distanz zu der Partei sehe.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch bilden Sie mit den Rechtspopulisten quasi die letzte Bastion gegen die Ehe für alle.

Koch: Ich bezweifle, dass die katholische Kirche und die AfD in dieser Frage tatsächlich die gleiche Zielrichtung vertreten. Der AfD geht es vorrangig um die Bewertung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, uns geht es um den gesetzlichen Schutz von Vätern, Müttern und ihren Kindern.

SPIEGEL ONLINE: Rund 70 Prozent der deutschen Katholiken plädierten schon 2015 in einer kircheninternen Umfrage für die Anerkennung und Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Diktieren die Bischöfe einen Kurs an der Basis vorbei?

Koch: Solche Umfragen sind immer auch ein wenig Nebelwerferei. Wenn ich frage: "Wollt ihr auch andere Beziehungen als die Ehe im klassischen Sinn in ihrer Verantwortlichkeit stärken?", dann ist die Antwort selbstverständlich ja. Natürlich wollen katholische Christen Verbindlichkeit unterstützen. Aber differenzieren wir doch: Unterschiedliche Gemeinschaften sollten auch unterschiedlich wahrgenommen werden. Viele sind ja auch gar nicht sexueller Natur: Wenn eine Frau eine andere Frau ein Leben lang pflegt und Verantwortung übernimmt, warum sollte das nicht geschützt werden? Mir ist es eine Herzensangelegenheit, dass Menschen in ihrem So-Sein angenommen und wertgeschätzt werden.

Der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch
imago/ epd

Der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch

SPIEGEL ONLINE: In mehreren evangelischen Landeskirchen werden bereits Trauungen von gleichgeschlechtlichen Paaren durchgeführt. Ist das ein Kniefall vor dem Zeitgeist?

Koch: Es fällt vor allem auf, dass es in dieser Frage in großen Teilen der evangelischen Kirche noch theologische Differenzen und großen Dissens gibt. An mich wenden sich viele evangelische Christen, die Wert darauf legen, dass sie die katholische Position in dieser Frage teilen.

SPIEGEL ONLINE: Nutzt es dem Markenkern der katholischen Kirche, dass sie in Sachen gleichgeschlechtliche Ehe gewissermaßen allein dasteht?

Koch: Ich bin Erzbischof von Berlin, da ist die katholische Kirche sowieso eine Minderheit in der Minderheit. Das gibt uns eine große Freiheit und viel Mut, unsere Positionen zu vertreten. Was mich erstaunt, ist die inhaltliche Umwertung des Ehebegriffs, die sich gerade vollzieht: Viele von denen, die noch vor Kurzem die Ehe als lebensfeindliches Auslaufmodell bezeichnet haben, sind heute glühende Verfechter der Ehe für alle.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich nicht zurücklehnen und sagen: Die weltlichen Gesetze sind der Kirche egal?

Koch: Wir sind Teil der Gesellschaft und wollen mitgestalten, deshalb wäre es nicht vertretbar, wenn wir uns daraus zurückzögen. Aber in einer freien, demokratischen Gesellschaft muss man auch Positionen vertreten, die nicht populär sind, das tut der Gesellschaft gut.

SPIEGEL ONLINE: Der Präsident des Familienbunds der Katholiken, Stefan Becker, sieht Chancen, dass die katholische Kirche jetzt über neue liturgische Formen wie Segnungen für homosexuelle Paare nachdenkt.

Koch: Die Diskussion läuft, es gibt dazu sehr unterschiedliche Meinungen in der katholischen Kirche. Aber ich sehe das noch nicht kommen. Wir sind klar gebunden an das Wort des Heiligen Vaters, der erklärt hat, wir sollten den Begriff der Ehe für gleichgeschlechtliche Beziehungen vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist die Debatte um die Ehe für alle für die Kirche als globale Institution?

Koch: In vielen Ländern herrscht großer Konsens darüber, dass Ehe das Zusammenleben von Frauen und Männern mit Kindern bedeutet. Ich war gerade auf Einladung der polnischen Bischofskonferenz bei unseren Nachbarn zu Gast. Dort wurde die Abstimmung im Bundestag sehr genau verfolgt - die Haltung war aber deutlich ablehnender als in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt auch überwiegend katholische Länder, die die Ehe für alle bereits eingeführt haben, etwa Spanien oder Irland. Was halten Sie davon?

Koch: Auch die "überwiegend katholischen Länder" entwickeln sich nicht einheitlich. Die Entscheidung für die Ehe für alle hat auch - gerade in Irland - mit Protesten gegen die katholische Kirche zu tun. Das müssen wir selbstkritisch wahrnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen katholische Geistliche aus Ländern Afrikas, wo Homosexualität noch unter Strafe steht, die hiesige Diskussion?

Koch: Bei der Familiensynode habe ich gelernt, dass Familie in Afrika etwas ganz anderes bedeutet. Damit ist die Großfamilie gemeint, Kinder gelten als Reichtum und Altersvorsorge. Homosexualität wird in weiten Bereichen nicht wahrgenommen und daher häufig nicht akzeptiert.



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