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Rehabilitierung von DDR-Heimkind: Gefangene der eigenen Jugend

Von , Frankfurt (Oder)

Jugendliche in der DDR: Verlorene Jahre im Heim Fotos
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Jahrelang lebte Elke Schmidt in DDR-Heimen - die Mutter wollte das Mädchen nicht bei sich haben, der Vater durfte es nicht zu sich in die Schweiz holen. Schmidt fühlt sich um ihre Jugend betrogen, will sich vor Gericht rehabilitieren. Nach mehreren Prozessen gibt ihr nun ein Grundsatzurteil recht.

Irgendwann im Sommer 1968 hielt Elke Schmidt* es nicht mehr aus. Die Sorge, wenn ihre Mutter abends nach der Arbeit mit Kollegen trank. Die Angst, wenn die Mutter und deren Partner im Suff aufeinander einprügelten. Und die Verantwortung, derweil für die kleine Schwester sorgen zu müssen. Schmidt, damals 13 Jahre alt, kletterte aus dem Fenster der Parterre-Wohnung in Berlin-Adlershof in der damaligen DDR und riss aus.

Damals griff die Polizei den Teenager nach einigen Tagen auf und brachte Schmidt zurück zur Mutter. Mehrmals noch rannte die Jugendliche weg, immer wurde sie wieder gefunden. "Da hat meine Mutter gesagt, sie nimmt mich nicht mehr zurück."

Im Sommer 1969 kam Schmidt auf Geheiß des Jugendamts ins Berliner Durchgangsheim Alt-Stralau, eine Art Sammelstelle für jugendliche Problemfälle. Von dort wurde sie im Februar 1970 in den Jugendwerkhof Crimmitschau in Sachsen verlegt, wo sie bis Juli 1971 blieb.

Nun, Jahrzehnte später, sitzt Schmidt in ihrer Wohnung in Frankfurt (Oder), steckt sich eine Zigarette an und spricht über jene Zeit, die sie heute ihre "beschissene Jugend" nennt. Die verlorenen Jahre bestimmen das Leben der 58-Jährigen bis heute. Wenn sie erzählt, ist zu spüren: Damit soll nun Schluss sein.

Im Sommer 1971 kam Schmidt zurück nach Hause. Sie blieb nicht lange: wieder Streit, wieder Prügeleien der Mutter im Suff. Schmidt kam wieder nach Alt-Stralau und auf den Crimmitschau-Hof, den sie endgültig erst im Frühjahr 1972 verließ. Aus dieser Zeit hat Schmidt ein Foto von sich. Es zeigt eine Jugendliche, die auf der Lehne einer Bank sitzt und skeptisch in die Kamera blickt.

Eimer als Toilette, verschimmelte Matratze als Bett

Schmidts leiblicher Vater war 1961 in die Schweiz nach Basel gezogen. Er erfuhr von seiner Mutter, Schmidts Oma, dass der Teenager ins Heim gekommen war. Der Vater hätte seine Tochter gerne bei sich aufgenommen, wandte sich mit diesem Anliegen noch 1969 mündlich und 1970 schriftlich ans Jugendamt. Am Telefon wimmelte man ihn ab, auf seine Briefe wurde nie reagiert.

Schmidt sah ihren Vater erst wieder, als sie volljährig war - und erfuhr auch erst dann von seinen Versuchen, sie zu sich zu holen.

Mit der Weigerung der DDR, sie zum Vater ausreisen zu lassen, sei ihr Unrecht angetan worden, meint Schmidt. Und nun, nach jahrelangen Prozessen, hat der Berliner Verfassungsgerichtshof bestätigt Schmidt und ihrer Berliner Anwältin Diana Blum bestätigt, dass die Unterbringung im Heim statt des Umzugs zum Vater für ehemalige DDR-Heimkinder juristisch einen Anspruch auf Rehabilitierung begründen kann - und damit auch auf Entschädigungszahlungen.

Die 58-Jährige ist noch heute wütend auf die DDR, "diesen Staat, der mich nicht hat zu meinem Vater ausreisen lassen". Sie empfindet es als Makel, Heimkind gewesen zu sein, fühlt sich um Jahre ihrer Jugend betrogen. Sie war wegen ihrer Heimzeit in der Psychiatrie und lange in psychologischer Behandlung.

Schmidt ist in Rente, erwerbsunfähig. Sie lebt in bescheidenen Umständen, kleine Wohnung, seit Jahren kein Urlaub. Das macht den juristischen Kampf um Rehabilitierung umso wichtiger.

"Die Jahre im Heim haben mich am stärksten geprägt", sagt die 58-Jährige. "Ich bin nie wieder dort hingegangen. Da hätte ich Angst, dass zu viele Erinnerungen hochkommen." An Arbeit in einem Sägewerk, die für eine Jugendliche körperlich viel zu anstrengend war. Aber auch an vergitterte Zimmer, brutale Erzieher, Schläge mit dem Schlüsselbund und tagelanges Eingesperrtsein in einem feuchten Kellerloch, mit einem Eimer als Toilette und einer verschimmelten Matratze als Bett.

"Ich empfinde Hass auf das Durchgangsheim"

"Unter den Mädchen gab es keinen Zusammenhalt, nur Streit, Prügeleien, Anschwärzen, Misshandlungen und häufige Gewalt", sagt Schmidt. Das Personal habe das gefördert, der Umgang mit den Insassen sei entsprechend gewesen. Ein Erzieher stand immer wieder in der Mädchendusche, wurde übergriffig.

Schmidt hatte der Gewalt entfliehen wollen. "Ich hätte höchstens in ein pädagogisches Wohnheim gehört, wo ich die zehnte Klasse und eine vernünftige dreijährige Lehre hätte machen können." Sie landete an einem ebenso gewalttätigen wie feindseligen Ort, in dem sie auch das letzte bisschen Freiheit und Würde einbüßte. "Ich empfinde Hass auf das Durchgangsheim", sagt die 58-Jährige. "Das war noch schlimmer als der Werkhof, der war wenigstens offen, ohne Gitter."

Erst 2009 fand Schmidt die Kraft, ihren Fall vor Gericht aufzuarbeiten. Sie beruft sich auf das Strafrechtliche Rehabilitierungsgesetz. Es trat am 4. November 1992 in Kraft und bietet damit eine Möglichkeit, Entscheidungen der DDR-Justiz aufzuheben, soweit sie mit "wesentlichen Grundsätzen einer freiheitlichen rechtsstaatlichen Ordnung unvereinbar" waren.

Vor dem Berliner Landgericht und dem Kammergericht scheiterte sie allerdings. Das Kammergericht argumentierte, sie sei nicht wegen politischer Verfolgung im Heim gelandet, die Einweisungen seien vielmehr "sachgerechte Maßnahmen der Jugendhilfe" gewesen. Das Strafrechtliche Rehabilitierungsgesetz habe "nicht den Zweck, die Ausreisepraxis der DDR aufzuarbeiten und Betroffene dafür zu entschädigen, dass sie nicht aus der DDR ausreisen durften".

"Krasse Missdeutung" des Gesetzes

Der Berliner Verfassungsgerichtshof hat nun die Entscheidungen der Vorinstanz in ungewohnt deutlichen Worten gekippt. Der Beschluss des Kammergerichts beruhe auf einer "krassen Missdeutung des Inhalts" des Gesetzes und habe Schmidt in ihren Grundrechten verletzt.

Das bloße Verbot der Ausreise aus der DDR begründe zwar keinen Anspruch auf Rehabilitierung - aber die Verhinderung von Schmidts Umzug zu ihrem Vater in die Schweiz möglicherweise schon. Denn in dem Gesetz ist geregelt, dass auch ohne Strafverfahren in der DDR eine damals "sachfremden Zwecken" dienende Unterbringung von Jugendlichen in einem Heim Anspruch auf Rehabilitierung begründen kann. Nun muss sich erneut das Kammergericht mit dem Fall befassen, der Beschluss des Verfassungsgerichtshof gibt die Richtung vor.

Schmidt darf hoffen. "Wenn die Rehabilitierung durchgeht, würde das für mich vor allem eines bedeuten: Verdammt, ich war nicht schuld daran, im Heim gewesen zu sein." In Alt-Stralau und Crimmitschau gewesen zu sein, wäre kein Makel mehr, sondern offiziell anerkanntes Unrecht. Sie könnte mit ihrer Mutter, dieser "kalten, harten Frau", die bis heute die Heimzeit ihrer Tochter verschweigt, ihren Frieden machen. Schmidt könnte mit 58 Jahren endlich mit ihrer Scheißjugend abschließen.

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1. Interessant
immerfreundlich 12.11.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEJahrelang lebte Elke Schmidt in DDR-Heimen - die Mutter wollte das Mädchen nicht bei sich haben, der Vater durfte es nicht zu sich in die Schweiz holen. Schmidt fühlt sich um ihre Jugend betrogen, will sich vor Gericht rehabilitieren. Nach mehreren Prozessen gibt ihr nun ein Grundsatzurteil Recht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ehemaliges-ddr-heimkind-will-sich-vor-gericht-rehabilitieren-a-930596.html
Ich möchte wetten unsere linken Foristen hier werden "wissen", dass es in der DDR natürlich korrekt zugegangen war. Jepp... tolles Land, diese DDR. Das Problem für Frau Schmidt ist, dass die DDR-Verbrechen in der (linken) Presse nur unzureichend thematisiert werden und Bestmenschler sich dafür nicht wirklich interessieren. Ich hoffe, sie bekommt ein Urteil, welches hohe Schadensersatzforderungen beinhaltet. Es wäre ihr zu wünschen! Dazu entsprechendes Medienecho.
2. der Mauermörderstaat und seine Opfer
stammtischhistoriker 12.11.2013
keine Überraschung. Das schlimme ist, dass es immer mehr verharmlost wird im allg. Gedächtnis. Viele junge Leute heute denken ja, es hätte keinen Unterschied gegeben zw. DDR und BRD, eine fürchterliche Entwicklung.
3. optional
guteronkel 12.11.2013
Es mag zynisch klingen aber die Frage muss berechtigterweise gestellt werden: Warum arbeiten wir den Mist der ehemaligen DDR auf, wo wir selbst so viel Mist vor der eigenen Tür zu kehren hätten? Es wird der guten Dame wohl die Jugend nicht mehr zurückbringen. Auch wird sich ihre Zukunft nicht wesentlich verbessern (sie lobt offensichtlich noch in der ehemaligen DDR). Wir leben inzwischen im Jahre 24 nach der Wende, nach dem Untergang dieser Diktatur. Was hat sie in 24 Jahren gemacht? Ach so, sie ist die ganzen Jahre in keiner Hinsicht auf die Beine gekommen. Das tut mir leid, aber wir im Westen und auch im Osten können dafür wohl nichts. Es ist ein Saustall, womit sich unsere Gerichte beschäftigen. Haben die wirklich nichts Besseres zu tun? Hier gehört mal richtig aufgeräumt. Aber das haben wir nach 1989 genauso versäumt wie 1945. Darum liegt noch so viel Dreck rum.
4. "Wer wetten will. der..."
gandhiforever 12.11.2013
Zitat von immerfreundlichIch möchte wetten unsere linken Foristen hier werden "wissen", dass es in der DDR natürlich korrekt zugegangen war. Jepp... tolles Land, diese DDR. Das Problem für Frau Schmidt ist, dass die DDR-Verbrechen in der (linken) Presse nur unzureichend thematisiert werden und Bestmenschler sich dafür nicht wirklich interessieren. Ich hoffe, sie bekommt ein Urteil, welches hohe Schadensersatzforderungen beinhaltet. Es wäre ihr zu wünschen! Dazu entsprechendes Medienecho.
Ihre Weltsicht muss schon sehr extrem sein, dass sie hier wetten wollen. Es leuchtet Ihnen anscheinend nicht (nie) ein, dass jemand auch links sein kann und trotzdem nichts uebrig haben muss fuer die menschenverachtenden Handlungen des DDR-Regimes. Man koennte meinen, dass sie - umgekehrt - alles gut heissen, was im Namen eines kapitalistischen Systems verbrochen worden ist.
5. Entsprechendes Medienecho ...
karl puttnik 12.11.2013
... kann man sich wohl gleich mal abschminken, sowas passiert allenfalls noch ost-regional. Um die DDR als "korrekt zugegangen" anzusehen, muss man schon ultralinks sein, standartlinks reicht dafür nicht. Und nicht nur Bestmenschler interessieren sich nicht für solche Schicksale, sondern 90% der Deutschen. Heutige Kiddies wissen vielleicht gerade noch, dass da mal was war, und auch nur, weil unsere "Außenministerin Andrea Märkel mal Ossi-Tante war". Der JWH übrigens war seinerzeit eine ziemlich ungute "pädagogische" Instanz. Die Jugendlichen dort waren nur zu einem geringen Teil notorisch straffällig oder anderweitig scheiße, sondern in der Hauptsache die Kinder von unfähigen, unwilligen, nicht existenten, mitunter auch (politisch) inhaftierten Eltern. Allerdings muss man noch nicht einmal larifarilinks sein, um zu wissen, dass in dieser Zeit auch im Westen nicht alles Gold war, was glänzte ... die Zustände in Heimen für schwer erziehbare Jugendliche und in den ach so sehr von christlicher Ethik geprägten katholischen Heimen und Internaten waren wohl auch nicht ganz ohne Makel.
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Parteienystem der DDR
Parteienbildung nach 1945
Die Sowjetische Militäradministration ließ mit ihrem Befehl Nr. 2 vom 10. Juni 1945 zwar schon frühzeitig die Bildung von Parteien zu (die KPD, die SPD, die CDU und die LDPD). Sie tat dies jedoch vor allem, um die Richtung der Parteien von vornherein steuern zu können. Nachdem es kurzfristig so ausgesehen hatte, als könnten die Kommunisten einen eigenständigen deutschen Weg zum Sozialismus einschlagen, wurde jedoch bald deutlich, daß die sowjetische Führung nicht willens war, in ihrer Besatzungszone Parteien mit unterschiedlichen Konzeptionen zu dulden.

Zwangsvereinigung von KPD und SPD
Im April 1946 kam es zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD. Die neue Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) errang dank der sowjetischen Besatzungsmacht allmählich ein Machtmonopol. Die beiden anderen Parteien - die CDU und die LDPD - verloren ihre Eigenständigkeit. Der abgesetzte Vorsitzende der CDU Jakob Kaiser ging in den Westen; der konzessionsbereite Vorsitzende der LDPD Wilhelm Külz verstarb 1948.

In jenem Jahr wurden von der SED zwei weitere Parteien gegründet: die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD) und die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NDPD).

Blockparteien
Bis 1989 waren die Christliche Demokratische Union der DDR (CDU), die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD), die Liberale Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) und die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NDPD) mit der Sozialistischen Einheitspartei (SED) im Demokratischen Block zusammengeschlossen. Als Blockparteien waren sie sowohl in der Volkskammer als auch in der Regierung vertreten - hatten jedoch nahezu keinen politischen Einfluss.

Die Bedeutung der Blockparteien, die die Führungsrolle der Kommunisten anerkannten, erwies sich für die SED als ambivalent. Einerseits schirmten sie deren Herrschaft ab, andererseits hatten sie auch für diejenigen eine Nischenfunktion, die sich der SED entziehen wollten.

Nationale Front
In der Nationalen Front der Deutschen Demokratischen Republik, die jeweils eine Einheitsliste für die Wahlen aufstellte, waren sämtliche Parteien zusammen mit den Massenorganisationen vereinigt. Zu ihnen gehörten der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), die Freie Deutsche Jugend (FDJ), der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD), der Kulturbund der DDR (KB) sowie die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB). Diese Massenorganisationen sollten die Bürgerinnen und Bürger der DDR ideologisch erfassen, für die Ziele der SED gewinnen und letztlich auch kontrollieren.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Prominente Verurteilte

Egon Krenz, Staats- und Parteichef, 1997 zu sechseinhalb Jahren verurteilt, Reststrafe 2003 zur Bewährung

Heinz Keßler, DDR-Verteidigungsminister, 1993 zu siebeneinhalb Jahren verurteilt, Reststrafe 1998 zur Bewährung

Klaus-Dieter Baumgarten, Chef der DDR-Grenztruppen, 1996 zu sechseinhalb Jahren verurteilt, im Jahr 2000 begnadigt

Fritz Streletz, Generalstabschef NVA, 1993 zu fünfeinhalb Jahren verurteilt, Reststrafe 1997 zur Bewährung

SPIEGEL-Serie von 1999
"100 Tage im Herbst"


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