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Ehrenamt-Atlas: Wo sich Deutschland engagiert

Von Sebastian Knauer

Wer hilft wie viel? Mit viel Aufwand ist zum ersten Mal untersucht worden, in welchen Regionen sich die Deutschen besonders stark in Ehrenämtern engagieren. Ausgesprochen aktiv sind die Menschen demnach in Osthessen, Lüneburg und Franken - ganz anders sieht es in der Hauptstadt aus.

Hamburg - Was das freiwillige Engagement in Sportvereinen, Jugendarbeit, Umweltverbänden oder den Kirchen anbelangt, ist Deutschland zweigeteilt. Während sich in den südlichen Bundesländern und den ländlichen Regionen im Westen fast die Hälfte der Bevölkerung engagiert, sind es in Berlin und der Uckermark nur ein Fünftel aller Bürger.

Fußballtrainer mit Kindern: Schwerpunkt freiwilligen Engagements
Corbis

Fußballtrainer mit Kindern: Schwerpunkt freiwilligen Engagements

Zum ersten Mal hat ein "Engagementatlas" der Prognos AG nun auch den volkswirtschaftlichen Nutzen der ehrenamtlichen Arbeit ermittelt. Die 16,2 Stunden, die in Deutschland monatlich und durchschnittlich geleistet werden, entsprechen demnach rund 3,2 Millionen Vollarbeitsstellen und damit bei einem Stundenlohn von 7,50 Euro einem Arbeitswert von 35 Milliarden Euro. Bundesweit sind immerhin ein Drittel aller Einwohner über 16 Jahren "bürgerschaftlich" engagiert.

Insbesondere in ländlichen Gegenden mit einer relativ großen Zahl von Familien ist das Engagement überdurchschnittlich hoch. In den Metropolen wie Hamburg, Berlin oder Köln drücken hingegen die vielen Single-Haushalte sowie eine geringere Bindung an Religionsgemeinschaften die Quote.

"Gleichwohl haben wir natürlich auch in den Ballungsräumen ein vielfältiges freiwilliges Engagement und Mäzenatentum", sagt Studienleiter Loring Sittler vom Versicherungskonzern AMB Generali, der die Untersuchung in Auftrag gab. Dazu wurden flächendeckend die Daten aus 439 Landkreisen und kreisfreien Städte ausgewertet und 44.000 Interviews geführt.

Demzufolge findet in Deutschland nach der Wiedervereinigung und dem Rückzug des Sozialstaates eine "Renaissance" der gemeinnützigen Arbeit und des Engagements in Vereinen statt. Allerdings sei eine Abkehr von dauerhaft etablierten Großorganisationen wie Parteien und Gewerkschaften zu verzeichnen, während "projektbezogene Ein-Zweck-Initiativen" vor Ort mehr Zulauf erhielten - auch um eigene politische Ziele durchzusetzen.

Dabei sind im Bereich Politik, Altenarbeit sowie Umwelt- und Tierschutz nur rund fünf Prozent der Bevölkerung engagiert. Sport, Feuerwehr, Jugendarbeit oder Kirchen bilden hingegen die Schwerpunkte des freiwilligen Engagements.

Ähnlich wie schon im 7. Familienbericht der Bundesregierung erwähnt und von der Enquetekommission zum Bürgerschaftlichen Engagement beschrieben, stellt auch die neue Studie fest, dass mit dem Abbau des "Wohlfahrtstaates" die Freiräume für bürgerschaftliches Mitmachen wachsen.

Erstaunlich ist nur, dass ausgerechnet die ältere Generation mit mehr Zeit und Lebenserfahrung in dem Engagementatlas auf den hinteren Plätzen landet. So engagieren sich von den Über-55-Jährigen nur 26 Prozent für das Gemeinwohl, bei den 30- bis 55-Jährigen sind es immerhin 34 Prozent.

Da angesichts des demografischen Wandels die Älteren an Bedeutung gewinnen werden, will ein "Zukunftsfonds" der Generali-Holding AG bei "nicht ausreichenden und stark strapazierten sozialen Sicherungssystemen" die Eigenverantwortung der Senioren stärken.

Für den Generali-Vorstandssprecher Dietmar Meister ist "das Engagementpotential der Älteren derzeit bei weitem noch nicht ausgeschöpft". Im internationalen Vergleich mit anderen westlichen Demokratien, so die Studie, sei die "Bürgergesellschaft in Deutschland relativ schwach entwickelt".

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Forum - Ehrenamt - Wer hilft wie viel?
insgesamt 255 Beiträge
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1. Fehlerhafte Darstellung!
ADie 19.11.2008
Zitat von sysopMit viel Aufwand ist zum ersten Mal untersucht worden, in welchen Regionen sich die Deutschen besonders stark fürs Ehrenamt engagieren. Besonders aktiv sind die Menschen demnach in Osthessen, Lüneburg und Franken - ganz anders sieht es in der Hauptstadt aus. Wie halten Sie es?
Aber die Ergebnisse sind nicht richtig dargestellt. Der Landkreis Gifhorn ist zweimal vertreten, dafür die Stadt Braunschweig überhaupt nicht.
2. Hm...
Sgt_Pepper, 19.11.2008
Zitat von sysopMit viel Aufwand ist zum ersten Mal untersucht worden, in welchen Regionen sich die Deutschen besonders stark fürs Ehrenamt engagieren. Besonders aktiv sind die Menschen demnach in Osthessen, Lüneburg und Franken - ganz anders sieht es in der Hauptstadt aus. Wie halten Sie es?
Zählt als Ehrenamt auch, wenn man das Klassenzimmer seiner Kinder selbst streichen muss, weil die Stadt dafür kein Geld zur Verfügung stellt, weil lieber in eine überdimensionierte Elb-Philharmonie investiert wird?
3. Ganz schön übertrieben
Günter Stalinski 19.11.2008
Ich bin in mehreren Vereinen/Organisationen aktiv. Die Hauptprobleme sind der Nachwuchs und die Bequemlichkeit der gesunden Alten. Jüngere Leute sind heute beruflich so eingespannt (fexible Schichtarbeit, Sonntagsarbeit), dass für ein Ehrenamt keine Zeit bleibt. Ältere Bürger haben zwar die Zeit, lassen sich aber lieber bedienen ("ich hab' in meinem Leben genug gearbeitet"). Die für diese Statistik Befragten haben wohl eher an ihre "Ehre" als an ihr wirkliches Engagement gedacht. Wer gibt schon zu, dass er auf ein Ehrenamt keinen Bock hat.
4. West-Ost-Gefälle
MonaM 19.11.2008
Zitat von sysopMit viel Aufwand ist zum ersten Mal untersucht worden, in welchen Regionen sich die Deutschen besonders stark fürs Ehrenamt engagieren. Besonders aktiv sind die Menschen demnach in Osthessen, Lüneburg und Franken - ganz anders sieht es in der Hauptstadt aus. Wie halten Sie es?
Auffallend ist das West-Ost-Gefälle. Die Klage vieler Ostdeutscher, die zu DDR-Zeiten praktizierte Solidarität sei abhanden gekommen, scheint sich hier zu bestätigen. Die Frage ist nur, warum? Wer hindert die Ossis, sich für ihre Mitmenschen zu engagieren?
5. Dito
dasky 19.11.2008
Zitat von sysopMit viel Aufwand ist zum ersten Mal untersucht worden, in welchen Regionen sich die Deutschen besonders stark fürs Ehrenamt engagieren. Besonders aktiv sind die Menschen demnach in Osthessen, Lüneburg und Franken - ganz anders sieht es in der Hauptstadt aus. Wie halten Sie es?
Das liest sich stark nach Täter - Opfer Perversion. Ganz so einfach ist es nicht. Eine nennenswerte Einwirkung und Auswirkung waren doch auch so im Mittel etwa 90.000.000.000 EUR p.a., die seit 1990 von Westen nach Osten geflossen sind. Damit wurde gewissermaßen die Einwirkung von Neubürgern erkauft, die sich mit ihrer Individuation, Sozialisation, Erziehung und Ausbildung in einem kommunistischen System im Westen Deutschlands dann bemerkbar gemacht haben, indem sie dort nach der Devise, gelernt ist gelernt, alles, was an der freien Marktwirtschaft pervertiert werden kann, pervertiert haben. Natürlich können Sie sich mit fast jeder Medizin umbringen. Sie können auch jedes Gesellschaftsssystem mit Unmaß ruinieren: Es ist eben immer nur eine Frage der Menge und des Maßes. Die Ostdeutschen, die mit solchem Betreiben keinen 'Erfolg' hatten, sind voll ostalgischer Gefühle und Reumut in den wärmenden, das heisst, den vom Westen angewärmten, Schoss des Ostens zurückgekehrt. Wahrscheinlich wären alle besser dort geblieben, wo sie sind. Ich fand die Hysterie schon 1989 tief befremdlich. Lieber ein halbes Deutschland ganz, als ein ganzes Deutschland halb, auch so fasse ich diese Landkarte (http://www.spiegel.de/img/0,1020,1359575,00.jpg) auf...
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