Verspätete Aberkennung Ehrenbürger Hitler - Schüler blamieren Stadt Uetersen

Ein peinlicher Ehrenbürger: Offenbar hat die Gemeinde Uetersen in Schleswig-Holstein eine Auszeichnung für Adolf Hitler niemals getilgt. Erst nach der Recherche einiger Schüler hat der Stadtrat reagiert.

Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums: Ehrung für Zivilcourage
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Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums: Ehrung für Zivilcourage


Es war dann doch ein einstimmiger Beschluss: Die Stadt Uetersen hat Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft entzogen. Am 15. Dezember 2015 - mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Stadtrat der Ortschaft in Schleswig-Holstein hatte entschieden, dass es doch an der Zeit sei, dem einstigen Diktator die Auszeichnung ganz offiziell zu entreißen. So steht es nun auch in der Wikipedia.

Dass es mit dem Onlinelexikon so eine Sache sein kann, hatten zuvor sowohl Andrea Hansen (SPD), die Bürgermeisterin von Uetersen, erkennen müssen, sowie auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages. Denn niemand war in der Lage gewesen, einer Gruppe Schülern des örtlichen Ludwig-Meyn-Gymnasiums Belege dafür zu liefern, dass die Ehrenbürgerschaft Hitlers nach 1945 offiziell aberkannt worden war.

Der ehemalige Reichskanzler war anlässlich der Einweihung des Rosariums, einem bekannten Rosenpark, seit dem 1. November 1934 Ehrenbürger der Gemeinde. Er hatte dies schriftlich angenommen - soviel war sicher, als die Gymnasiasten für ein Schulprojekt mit ihrer Recherche im Uetersener Heimatmuseum begannen. Aber über eine Aberkennung nach Kriegsende ließen sich keine Nachweise finden. Zwar soll der von den Briten eingesetzte Magistrat nach dem Krieg die Ehrenbürgerschaft entzogen haben, ein Dokument, das dies belegt, gibt es aber nicht, ergab eine Anfrage der Schüler bei der Stadt.

Der einzige Hinweis, der immer wieder von verschiedenen offiziellen Stellen genannt wurde, war eben ein Eintrag in der Wikipedia - ohne Quellenangabe. Doch selbst als die Schüler den Autor des Artikels ausfindig machten und befragten, konnte der keinen Beleg liefern, berichtet der NDR.

Wikipedia-Einträge statt Fakten

Die Bürgermeisterin hatte sich inzwischen an den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages gewandt und ein Gutachten angefordert. Die Antwort überraschte die Schüler: Denn auch sie soll stark einem Eintrag in der Enzyklopädie geähnelt haben. "Die Aufgabe des Wissenschaftlichen Dienstes ist es natürlich, uns dementsprechend Fakten vorzulegen und nicht Wikipedia-Beiträge wiederzugeben", zitiert der NDR einen Schüler der Gruppe. Immerhin ist die Antwort der Experten eindeutig, auch wenn sie keine Dokumente vorlegen. Sie verweisen darauf, dass eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tod einer Person enden würde. Das Problem der Schüler: Ein zweite Anfrage bei der Kieler Staatskanzlei ergabt genau das Gegenteil: Die Ehrenbürgerwürde ende nicht mit dem Tod.

Erst als die Schüler nach über einem Jahr Recherche ihre Ergebnisse in einem Youtube-Video veröffentlichen und das Thema so von der Presse aufgegriffen wird, kommt Bewegung in die Sache. Nun reagiert der Stadtrat und entzieht Hitler offiziell, wenn wohl auch eher symbolisch die Auszeichnung.

Um Ehrenbürgerschaften gab es schon häufiger Konflikte zwischen Historikern und Verwaltungsrechtlern. Meist werden die Auszeichnungen auf Lebenszeit einer Person verliehen und enden mit ihrem Tod - es gibt aber auch einige Gemeinden, die historische Listen führen. Gerade um Ehrenbürgerschaften Hitlers war schon öfter gestritten worden. Rund 4000 Kommunen in Deutschland hatten dem Diktator zu Lebzeiten die Ehrenbürgerwürde verliehen. Ein Großteil hat sie ihm nachträglich wieder aberkannt, 2013 verspätet etwa die Stadt Goslar sowie 2011 die österreichischen Orte Braunau und Amstetten.

Andere Gemeinden haben mit der Begründung, dass die Auszeichnung mit Hitlers Tod ohnehin erloschen sei, darauf verzichtet. Zwar hatte der Alliierte Kontrollrat nach dem Krieg eine Regelung erlassen, nach der sämtlichen Kriegsverbrechern die Ehrung generell entzogen wurde. Das setzte aber eine gerichtliche Verurteilung voraus und galt nicht für Hitler.

Immerhin konnten die acht Schüler mit dem Projekt auch einen weiteren Erfolg feiern. Ihnen wurde in Hamburg der Bertini-Preis verliehen - eine Auszeichnung für junge Menschen mit Zivilcourage.

joe

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