Von Barbara Hans
Erst neun Jahre später, Ende 2002, brach sie ihr Schweigen und erzählte einem Psychotherapeuten von der Tat. Im Sommer 2003 wandte sie sich an die Polizei. Erst rief sie anonym an, dann schließlich machte sie eine Aussage. Sie verriet ihren Vater und die Cousins. Die Ermittler versprachen, sie in ein Zeugenschutzprogramm aufzunehmen.
Der Vater gestand schließlich die Tat, er wurde am 31. März 2008 wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt. Zwar sah es das Gericht als erwiesen an, dass er immer wieder betont hatte, Waffa habe die Familienehre verletzt. Die Kammer konnte aber nicht widerlegen, dass er im Affekt gehandelt hatte - aus Wut über die Äußerung seiner Tochter.
Der Vater nahm vor Gericht alle Schuld auf sich, die beiden Cousins mussten daher nicht hinter Gitter. Nourig war in Lebensgefahr. Doch in das versprochene Schutzprogramm wurde sie nicht aufgenommen. Die Kosten seien zu hoch, hieß es, Nourigs Gefährdung hielt man für vergleichsweise gering, außerdem stellte sie Forderungen. Nourig Apfeld war auf der Flucht, jahrelang. Nachdem die Ehe zerbrach, wohnte sie bei Freunden, länger als drei oder vier Monate lang war sie nie an einem Ort. Sie machte Therapien, schrieb ihre Erfahrungen auf, versuchte zu verarbeiten, was sie doch nicht begreifen konnte.
Nun hat sie ein Buch geschrieben, ihr Foto ist auf dem Cover, ihr wahrer Name steht darüber. Heute sei sie glücklich, nicht in das Zeugenprogramm gekommen zu sein, sagt sie. Denn die Flucht sei vorbei. "Ich habe keine Angst mehr." Sie hat Jahre gebraucht, um die manipulative Kraft der Familie zu begreifen, um die Muster zu entlarven, nach denen "archaische Kulturen" funktionieren. Und um den Verrat, den sie begangen hat, zu verarbeiten. "Die können mir nichts mehr anhaben", sagt Nourig Apfeld, die heute in einer deutschen Großstadt lebt, über ihre Cousins.
Denn die Macht der anderen bestehe nur aus der eigenen Ohnmacht.
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