Von Barbara Hans
"Ich ficke mit wem ich will", soll Waffa gesagt haben. Es war einer ihrer letzten Sätze. Sie hatte sich mit dem Vater gestritten, sie wusste, was er und die Mutter über ihren Lebenswandel dachten, über die Drogen, die verschiedenen Männer. Mit Bratpfannen, Gürteln und Seilen hatten sie es Waffa spüren lassen. Jahrelang. Aber in der Nacht zum 30. August 1993 war Waffas Angst größer als ihr Stolz. Die 17-Jährige war zurückgekehrt in ihr Elternhaus, weil sie Schutz suchte, weil ihre Angst vor denen, die sie bedrohten, noch größer war als die Furcht vor ihren Eltern. Sie suchte eine Zuflucht, aber sie fand den Tod.
Immer wieder war Waffa, die Westliche, die jüngere der beiden Schwestern, die mit drei Jahren nach Deutschland gekommen und in der Nähe von Bonn in einen Kindergarten gegangen war, damals ein fröhliches Kind mit wilden braunen Locken, von zu Hause abgehauen. Anders als ihre ältere Schwester Nourig war sie nicht bereit, sich mit den Sitten des Elternhauses zu arrangieren. Nourig flüchtete sich in ein inneres Exil, sie erduldete, dass ihr die Mutter mit der Pfanne ein Stück Zahn ausschlug, folgte dem Verbot, nach der Schule Freunde zu treffen.
Nourigs Fluchtpunkt war das Abitur, das Medizinstudium, die Tätigkeit als Ärztin. Nourig war die Bedachte. Sie war erst mit sieben Jahren nach Deutschland gekommen, sie hatte nicht das Selbstbewusstsein der ungestümen Waffa, die vier Jahre jünger war als sie. Um ihr Ziel zu erreichen, um der Hölle zu entkommen, um nicht zwangsverheiratet zu werden, musste sie durchhalten, das wusste Nourig. Ihre Freiheit war das Leben ihrer Zukunft.
Waffa war anders. Waffa wollte mehr, sie wollte es schnell, sofort, ohne Diskussionen. Sie war eine gute Schülerin, sie hätte es weit bringen können. Sie war zu selbstbewusst, um die Repressionen ihrer Eltern einfach zu erdulden. Doch die Restriktionen zu hinterfragen, war keine Option. Mädchen, die ihre erste Regel haben, sind in Gefahr. Punkt. Sie drohen abhandenzukommen, sich mit Männern einzulassen, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Und deshalb gehören Mädchen nach Hause. Basta.
Das Jugendamt begriff nicht, dass die Verständigung längst gescheitert war
Waffa haderte nicht nur mit der archaischen Weltsicht der Eltern, die 1979 aus Syrien nach Deutschland gekommen waren. Sie begehrte auf. Sie tat, was sie wollte - und bezahlte dafür mit Schlägen. Ihre Freiheit war ihre Gegenwart.
Waffa war in Deutschland gut genug integriert, um zu wissen, dass das, was ihre Eltern taten, nicht rechtens war - und dass sie sich dagegen wehren konnte. Das Mädchen litt unter den Wutausbrüchen seiner Mutter, die in Deutschland, der ewig fremden Heimat, immer sonderlicher und aggressiver wurde. Die Mutter war einsam, verstand die Sprache nicht, der Vater ging arbeiten, ihr fehlten der Schutz und die Regeln der Großfamilie. Irgendwann verstand sie nichts mehr. Weder die Sprache noch das Verhalten ihrer Kinder, die in Deutschland sozialisiert worden waren. Irgendwann war alles bedrohlich. Irgendwann war sie so hilflos, dass sie versuchte, die fremde Welt mit Gewalt von der Familie fernzuhalten.
Waffa wandte sich 1988 das erste Mal an das Jugendamt, bat um Hilfe, bat darum, in eine Jugendeinrichtung ziehen zu dürfen. Doch statt zu handeln, versuchten die Mitarbeiter zu reden. Es gab zahlreiche Gespräche. Beim Amt hatte man nicht begriffen, dass die Verständigung längst gescheitert war. Die Mutter war nicht mehr in der Lage, mit den Kindern in Kontakt zu treten. Geredet wurde in der Familie schon lange nicht mehr.
Für die Jugendamtsmitarbeiter war das Verständigungsproblem dagegen ein sehr konkretes: Wer sollte die Gespräche auf dem Amt übersetzen? Nourig, die Gehorsame.
Nein, natürlich gebe es zu Hause keine Schläge, behauptete Nourig. Gewalttätig? Ihre Eltern doch nicht. Der Vater, der neben ihr saß, verstand allzu genau, was die Jugendamtsmitarbeiter wissen wollten. Und Nourig wusste, was sie zu sagen und zu übersetzen hatte. Am Ende waren die Mitarbeiter zufrieden. Und beruhigt. Waffa blieb, wo sie war. Waffa fühlte sich von der Behörde verraten.
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