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Ein Japaner in Düsseldorf: "Ich träume auf Japanisch und denke auf Deutsch"

Von Simone Utler

Masahiro Yasuda kam 1984 nach Düsseldorf, um alles über Klavierbau zu lernen. Er wollte nur einige Jahre bleiben, heute lebt der Japaner noch immer dort. Historische Instrumente halten ihn ebenso wie die Musik, das Wetter, die Kartoffeln.

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Düsseldorf - Masahiro Yasuda lebt gern in Deutschland. Er mag die Sommer, weil sie nicht so heiß sind. Er schätzt das Gesetz, weil es für die meisten Streitfälle einen Ausweg bietet. Und er mag die Zielstrebigkeit der Deutschen, die eine Lösung finden, wenn es noch keine gibt. Vor 26 Jahren kam der Japaner nach Düsseldorf und blieb - wegen der Musik.

"Es gibt so viele historische Instrumente in Deutschland, zum Beispiel Originalstücke aus der Zeit Robert Schumanns. In Japan gibt es nur moderne Klaviere", sagt Yasuda, der, wie schon sein Vater, Klavierbauer ist. Inzwischen kämen mehr als 70 Prozent der Klaviere weltweit aus China, aber Made in Germany, also Bechstein und Steinway, das sei "immer noch die erste Liga", sagt Yasuda in fast fehlerfreiem Deutsch.

Masahiro Yasuda, 1961 in Osaka geboren, repariert und restauriert in seiner Werkstatt in Düsseldorf-Oberkassel Instrumente, poliert Tasten und spannt Saiten, stimmt Klaviere in Privatwohnungen und Konzertsälen. An das rund 20 Quadratmeter große Geschäft schließt sich eine Dreizimmer-Wohnung an, in der Yasuda mit seiner Frau und dem 22-jährigen Sohn lebt.

Wenn Yasuda, seine Familie und seine Mitarbeiterin aus dem Laden in die Wohnung gehen, ziehen sie die Schuhe aus - ganz so wie es in ihrer japanischen Heimat Tradition ist. "Aber inzwischen machen viele Deutsche das in ihren Wohnungen ja auch. Und auf der anderen Seite stört es mich aber auch nicht mehr, wenn jemand seine Schuhe anlässt", sagt Yasuda, während er in olivgrüne Crocs schlüpft und seinen Laden betritt.

Umzug mit gründlicher Vorbereitung

Der Wunsch nach Deutschland zu gehen, entstand bereits während der Ausbildung an der Musikhochschule Tokio: Yasudas Dozentin war die erste Japanerin - und die erste Frau überhaupt -, die in Deutschland ihren Meisterbrief gemacht hatte. Sie schwärmte von dem Land der Pianos und Flügel. "Ich war fasziniert und dachte nur eins: Ich muss dorthin", sagt Yasuda.

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Ein Japaner in Düsseldorf: "Dieser Schritt erforderte Mut"
1984 verabschiedete sich Yasuda am Flughafen Osaka von Freunden und Familie, machte ein paar Erinnerungsfotos und flog nach Deutschland. Er kannte niemanden hier. Alles, was er mitbrachte, waren ein Koffer und zwei Kisten. "Dieser Schritt erforderte Mut", sagt Yasuda heute. Doch wenn er von seinem Start in das neue Leben erzählt, klingt es nicht, als wäre er um die halbe Welt gezogen.

Vielleicht will er über seine Gefühle nicht sprechen, vielleicht lief auch tatsächlich alles so glatt, weil Yasuda seinen Aufenthalt in Deutschland gründlich vorbereitet hatte. Vor dem Umzug war er bereits einmal für drei Monate mit dem Rucksack durch Deutschland und Österreich gereist, hatte ein Jahr Deutsch am Goethe-Institut gelernt und sich noch von seiner alten Heimat aus einen Job in einem Klaviergeschäft gesucht.

Nach Düsseldorf zu gehen, der Stadt mit der zweitgrößten japanischen Gemeinde Europas, war nicht originell - aber Yasuda verhielt sich in einigen entscheidenden Punkten anders als seine Landsleute: Die meisten Japaner werden von großen Unternehmen nach Europa geschickt, bewegen sich hauptsächlich in ihrer Gemeinde und kehren nach drei oder vier Jahren in die Heimat zurück.

Yasuda machte um seine Landsleute zunächst einen großen Bogen. Lieber traf er sich mit Kollegen oder Musikern, die er über den Job kennenlernte. "Das war aber keine bewusste Entscheidung, sondern hat sich so ergeben." Zielstrebiger ging er bei der Erfüllung seiner Lebensträume vor: den deutschen Meisterbrief, ein eigenes Geschäft. Beides gelang ihm.

Karneval ist "zu verrückt"

Zurzeit ist es für Yasuda unvorstellbar, nach Japan zurückzugehen. Er habe immer noch Probleme beim Verstehen von Witzen und nach einem einmaligen Versuch auch nicht wieder Karneval gefeiert, weil ihm das "zu verrückt" und die meisten Menschen "zu besoffen" waren, aber er sagt: "Düsseldorf ist mein Zuhause."

Mit seiner Frau Aki, 49, und seinem Sohn spricht er Japanisch, er träumt auf Japanisch, denkt aber auf Deutsch. Er trinkt gern Pils und grünen Tee, am liebsten isst er Kartoffeln, aber Sushi ist auch okay. Für deutsches Essen benutzt er Besteck, für japanische Gerichte Stäbchen, nachdem er einmal an einer Roulade gescheitert ist.

Partys feiert Yasuda nach Nationalitäten getrennt, einmal kommen die japanischen Freunde, das nächste Mal die Deutschen. "So kann man besser diskutieren, weil man sich nicht auf Englisch unterhalten muss." Insgesamt sei man sich aber sehr ähnlich, vor allem in Eigenschaften wie Genauigkeit, Pünktlichkeit, korrektes Verhalten, sagt Yasuda mit einer Einschränkung: "Japaner sind für mich manchmal etwas kompliziert, weil sie extrem höflich sind und extrem vorsichtig." Er merke, dass er nach all den Jahren direkter sei als viele seiner Landsleute, forscher.

Für Yasuda war es wichtig, dass sein Sohn Satoshi in Deutschland ein Zuhause findet. Darum schickte er ihn auf eine deutsche Schule. Lediglich die Samstage widmete der inzwischen 22-Jährige dem Land und der Kultur seiner Vorfahren, lernte vormittags die Kampfkunst Kendo, nachmittags Japanisch.

Satoshi fühlt sich als Deutscher und möchte die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Ein Unterschied zwischen den Generationen, denn der Vater behält den japanischen Pass: "So wäre es leichter, nach Japan zurückzugehen, falls ich im Alter noch Heimweh bekomme."

Bislang hat Masahiro Yasuda allerdings noch nie Heimweh gehabt.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Das Problem, was viele Kinder mit Migrationshintergrund teilen
Koda 07.01.2011
Zitat von sysopMasahiro Yasuda kam 1984 nach Düsseldorf, um alles über Klavierbau zu lernen. Er wollte nur einige Jahre bleiben, heute lebt der Japaner noch immer dort. Historische Instrumente halten ihn ebenso wie die Musik, das Wetter, die Kartoffeln. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,724270,00.html
nämlich die Frage wo komme ich her? Und macht mich etwas aus der Heimat meiner Vorfahren aus?
2. Qualitätsjournalismus
marcelinho, 07.01.2011
Wie eigentlich jeder weiss, ist STEINWAY (& sons) eine amerikanische Qualitätsfirma....
3. Steinway
Suppenkoch, 07.01.2011
Zitat von marcelinhoWie eigentlich jeder weiss, ist STEINWAY (& sons) eine amerikanische Qualitätsfirma....
... die zwei Produktionslinien hat, eine in den USA und eine in Deutschland. Als Kunde kann man sich entscheiden, ob man lieber einen Flügel aus amerikanischer oder deutscher Produktion hätte.
4. Immer noch kein Titel
garfield, 07.01.2011
Zitat von marcelinhoWie eigentlich jeder weiss, ist STEINWAY (& sons) eine amerikanische Qualitätsfirma....
Und noch weniger als "Jeder" weiß vermutlich, dass der Gründer Heinrich Engelhard Steinweg aus dem Harz war - also ein Deutscher. Des weiteren hat SpOn auch schon deswegen nicht geschwindelt, weil Steinway-Flügel auch in Hamburg produziert werden. Die Aussage "Made in Germany" stimmt also.
5. Saupreuß ....
Jenli, 07.01.2011
Zitat von sysopMasahiro Yasuda kam 1984 nach Düsseldorf, um alles über Klavierbau zu lernen. Er wollte nur einige Jahre bleiben, heute lebt der Japaner noch immer dort. Historische Instrumente halten ihn ebenso wie die Musik, das Wetter, die Kartoffeln. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,724270,00.html
... japanischer, wird der Bayer sagen, der liest, dass sich Masahiro für Düsseldorf entschieden hat und nicht für München. :-)
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Japaner in Deutschland

Die Japanische Gemeinde in Düsseldorf ist nach London und Paris die drittgrößte Europas. Laut Japanischem Generalkonsulats lebten im Oktober 2008 knapp 8000 Japaner in Düsseldorf und der näheren Umgebung, zahlreiche japanische Unternehmen haben ihren Sitz in der Region. 2008 hatten 507 japanische Unternehmen ihren Sitz in Nordrhein-Westfalen - davon 58 Prozent in Düsseldorf.

Der erste Japaner 1905 wurde in Düsseldorf registriert - der große Boom kam jedoch rund 60 Jahre später. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte Japan für seinen Wiederaufbau Lieferanten für Stahl, Maschinenbau und chemische Erzeugnisse, die es u.a. im Ruhrgebiet fand. Düsseldorf empfahl sich aufgrund seiner Schiffsverbindungen zu wichtigen Häfen wie Rotterdam und seiner Nähe zum Ruhrgebiet. Der erste Geschäftsmann ließ sich 1951 dort nieder, das erste Handelshaus 1955. Die Zahl der Japaner in Düsseldorf wuchs sprunghaft von 279 im Jahre 1961 auf rund 1.000 gegen Ende der sechziger Jahre. Bis Anfang der neunziger Jahre legte die Japanische Gemeinde stetig weiter zu.

Quelle: Japanisches Generalkonsulat Düsseldorf

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Zeitleiste: Chronik der Integration in Deutschland

Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.


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