Ein-Mann-Demo bei Diskussionsrunde Missbrauchsopfer provoziert Eklat auf Kirchentag

Es war ein kalkulierter Skandal: Eine Opfer-Initiative hat die zentrale Diskussion über Missbrauch auf dem Ökumenischen Kirchentag in München gestört. Lautstark forderte ein Betroffener den Abbruch der Veranstaltung - Gehör fand er nicht.

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DDP

München - Kaum drei Begrüßungsworte hatte Jesuitenpater Klaus Mertes, der Rektor des Canisius-Kollegs, gesprochen und die rund 6000 Zuschauer in der vollbesetzten Messehalle C2 willkommen geheißen, da ging es los. Norbert Denef stürmte vor die Bühne, auf dem die Runde zum Thema "Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt?" den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche diskutieren wollte.

"Die da oben ignorieren die Betroffenen", schrie Denef, 61, in Richtung Bühne, in den Händen hielt er ein Schwarzweißfoto aus den fünfziger Jahren. Darauf zu sehen Denef als Ministrant. Das Bild entstand zu der Zeit, in der er zunächst von einem Priester, später von einem weiteren Angestellten der Kirche missbraucht wurde. Über Jahre verging sich der Geistliche mehrmals in der Woche an dem Jungen. Denef schwieg jahrzehntelang - erst Anfang der neunziger Jahre fand er Worte für das Unrecht.

Nach zähen Verhandlungen zahlte das Bistum Magdeburg ihm Schmerzensgeld, Denef konnte den Missbrauch beweisen. Die beiden Kirchenmänner hatten gestanden, schriftlich. Die Auflage des Bistums: Denef solle nicht weiter über das Geschehene sprechen. Man zahlte ihm kein Schmerzensgeld, man zahlte ihm Schweigegeld. Gegen diese Schweigeklausel hat er zwei Jahre lang gekämpft. Am Ende wurde sie gestrichen.

"Ich will stören"

Seither ist der Kampf gegen das Schweigen der Kirche zu Denefs Mission geworden. Er hat das NetzwerkB, das Netzwerk Betroffener, gegründet. Er hat verstanden, dass nur die Öffentlichkeit den Druck erzeugt, der die Kirche zum Umlenken und Umdenken bringen kann. Von allein, da ist er überzeugt, handelt sie nicht.

Und Denef hat verstanden, wie man die Öffentlichkeit nutzt.

Die Veranstaltung beim Kirchentag ist sein Podium - auch wenn man ihn nicht eingeladen hat. Im Vorfeld hatte sich Denef an die Generalsekretärin des Ökumenischen Kirchentags (ÖKT) Ellen Ueberschaer gewandt und darum gebeten, als Betroffener mitdiskutieren zu dürfen. Man solle nicht über die Opfer sprechen, sondern mit ihnen, hatte er gefordert. Eingeladen hat man ihn trotzdem nicht.

Stattdessen versammelte man Größen aus Politik und Kirche, um, wie ein Sprecher des Kirchentags zu SPIEGEL ONLINE sagte, "zum Kern der Sache vorzudringen". Denef freilich reichte das nicht. Er begriff die Antworten, die er von den Organisatoren erhielt, als Provokation, als weitere Aufforderung, zu schweigen, seine Leidensgeschichte für sich zu behalten.

Und so machte er die Bühne des Kirchentags zu seiner Bühne - auch wenn er davor stand, nicht darauf saß - und forderte den Abbruch der Veranstaltung. "Es ist ein Anliegen des Ökumenischen Kirchentags, die Opfer zum Schweigen zu bringen, die Betroffenen auszugrenzen. Es diskutieren im Moment diejenigen, die die Täter vertreten", schrie er, als Pater Mertes zu seinem Impulsreferat ansetzte. "Ich will stören!"

"Nicht Sie haben den Missbrauch aufgedeckt, sondern die Opfer"

Mertes, der Anfang des Jahres die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg öffentlich gemacht hatte, wurde immer wieder von Denef unterbrochen - ließ sich aber nur einmal auf einen Dialog mit dem Mann vor der Bühne ein. "Nicht Sie haben den Missbrauch aufgedeckt, sondern die Opfer", fuhr Denef ihn an. "Da haben sie recht", antwortete der Jesuit ruhig, um dann unbehelligt fortzufahren.

Es war der wohlkalkulierte Protest, der wegen der Größe der Halle aber kaum zu den Zuschauern durchdrang. Sie werden wohl erst hinterher erfahren, was sich vor der Bühne abgespielt hat. Die Gäste auf dem Podium waren mit Mikrofonen ausgestattet, per Kamera wurde die Veranstaltung auf Großleinwände übertragen. Und vor der Bühne stand Norbert Denef, in der Hand ein Foto aus der Vergangenheit, so groß wie ein Blatt Papier, und versuchte sich Gehör zu verschaffen. Ohne Mikrofon.

Es war eine Szene, die auf eine merkwürdige Art symbolisch war für die Diskussion der vergangenen Wochen: Auf der Bühne spricht man über die Strukturen der Kirche und beteuert gebetsmühlenartig den Aufklärungswillen. Und unten stehen die Opfer, deren Leben geschädigt ist durch den Missbrauch, den sie erlebt haben, die in vielen Fällen keine Chance haben, das Erlebte hinter sich zu lassen und weiterzugehen.

"Möchtegern-Christ"

"Sie haben mich ausgegrenzt", schrie Denef, die Augen weit aufgerissen. "Ich soll wieder rausgehen und schweigen, ich soll zur Seite gehen - Nein! Dann müssen sie mich schon raustragen, dann müssen sie die Polizei rufen. Ich werde nicht freiwillig gehen." Es klang nach einer Mischung aus Wut und Verzweiflung. Die Organisatoren reagierten betont ruhig: "Keine körperliche Gewalt. Nicht drängeln, nicht schubsen", beschwichtigte Stefan Vesper, Generalsekretär des ÖKT, die Horde an Pfadfinder-Ordnern, die zunächst versuchte, Denef an den Rand der Halle zu drängen.

Denefs Protest ist ein Ausdruck des Misstrauens gegenüber einer Kirche, die lange Zeit Schweigen, Versetzen und Vertuschen als angemessenes Mittel im Umgang mit dem sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen ansah - und erst durch den öffentlichen Druck, das wachsende Misstrauen und die steigende Zahl der Austritte begriffen hat, dass sie in eine neue Rolle finden muss.

Bischof Stephan Ackermann, der Beauftragte der katholischen Kirche für die Missbrauchsfälle, ging in seinem Beitrag dann gezielt auf die Opfer ein: "Der Mann, der an den Bühnenrand gekommen ist und für die Opfer eingetreten ist, hat doch recht", sagte er. "Wir sprechen hier nur über Institutionen, über Machtmissbrauch, über Moral. Ich habe den Eindruck, die Opfer sind gar nicht mehr Thema der Diskussion." Es klang wie eine willkommene Ausrede, nachdem seine beiden Vorredner auf das strukturelle und andauernde Versagen der katholischen Kirche bei der Aufklärung hingewiesen hatten. Es schien fast, als käme ihm das Opfer in Gestalt von Norbert Denef gelegen, um nicht näher darauf eingehen zu müssen.

Ackermanns Äußerung wurde durch Buhrufe des Publikums quittiert, die Stimmung war aufgeladen. "Möchtegern-Christ", schrie jemand. "Jetzt versucht er doch nur vom Thema abzulenken", ein anderer. Ackermann sagte, er sei "über den Verlauf der Veranstaltung ziemlich erschrocken, weniger über die Störung als über die Statements zum Thema".

Irgendwann hatte sich der Tross um Denef an den Rand der Halle bewegt - raus aus dem Blickfeld.

Und am Ende hatte man das Gefühl, dass das Thema "Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt?" auf merkwürdige Weise auch auf Norbert Denef zutraf - der die Öffentlichkeit zwar suchte - aber in der riesigen Halle von den Zuschauern kaum wahrgenommen wurde und kein Gehör fand.

Mitarbeit: Arne Orgassa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 301 Beiträge
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Seite 1
christoph. 14.05.2010
1. Kirchentag
Es wird anscheinend nicht mit den Opfern gesprochen, sondern sie sind Objekte der Diskussion. Ein Ende der Vertuschung findet wenn überhaupt nur durch den öffentlichen Druck statt, nicht aus eigenem Antrieb oder Einsicht der Kirche. Ich kann die Empörung von Herrn Denef nachvollziehen.
Schlüssel, 14.05.2010
2. Und ich kanns nicht!
Zitat von christoph.Es wird anscheinend nicht mit den Opfern gesprochen, sondern sie sind Objekte der Diskussion. Ein Ende der Vertuschung findet wenn überhaupt nur durch den öffentlichen Druck statt, nicht aus eigenem Antrieb oder Einsicht der Kirche. Ich kann die Empörung von Herrn Denef nachvollziehen.
Und ich kann die Empörung von Herrn Denef nicht nachvollziehen. Man muß auch mal die Geschichte ruhen lassen und nicht ständig auf ihr rumreiten so wie das mit den Stoplersteinen gemacht wird. Wir bedauern das alles sehr und bekennen uns dazu das etwas geändert wird und geändert werden muß. Und es soll auch den Betroffenen geholfen werden so wie das in einer demokratischen Solidargemeinschaft gehört. Aber immer wieder auf den alten Geschichten rumzureiten löst bei denen die nur zum Teil bis gar nicht betroffen sind, nur das aus was man eigentlich vermeiden will. Nämlich Unverständnis und Wut. Und wenn es ganz böse wird, Hass. Auch wenns schwer fällt! Man muß auch Ruhen lassen!
heinrichp 14.05.2010
3. Ökumenischer Kirchentag in München
Zitat von sysopEs war ein kalkulierter Skandal: Eine Opfer-Initiative hat die zentrale Diskussion über Missbrauch auf dem Ökumenischen Kirchentag in München gestört. Lautstark forderte ein Betroffener den Abbruch der Veranstaltung - Gehör fand er nicht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694787,00.html
Gehör wird er unter den Christen nicht finden. Diese Veranstaltung dient nur den Bibelfesten Christen und den Kirchen, jeder der anders denkt und glaubt oder durch Protest stört, findet kein Gehör, so war es schon immer und so wird es auch bleiben.
rabka_uhalla 14.05.2010
4. Weiter so ....
Herr Denef. Kämpfen Sie weiter ! Schaffen Sie sich Gehör. Diese "Gottesleute" gehen mir ungemein auf den Sack.
Zauberhexe 14.05.2010
5. Ungutes Gefühl
Ich habe Herrn Denef bei Plasberg gesehen und kann seine Art und Weise nicht ganz nachvollziehen. Er spricht nicht für ALLE Missbrauchsopfer. Seine Aktionen mögen für ihn ok und notwendig sein, für viele andere aber nicht. Kritik lässt Herr Denef übrigens nicht zu. Kritische Äußerungen im Gästebuch seiner Homepage werden umgehend kommentarlos gelöscht. Nein, von so einem möchte ich - auch Überlebende - nicht vertreten werden. Und ich möchte auch nicht, dass Herr Denef immer meint, im Namen ALLER Opfer sprechen zu müssen.
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