Chai Time Kolumne aus Istanbul

Chai Time Die Stimmen, die uns verfolgen

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Ich war nicht bei dem Fabrikgebäude, das am Mittwoch nahe Dhaka einstürzte. Ich wäre hingereist, wenn Bangladesch mich gelassen hätte. Aber seit im November bei einem Brand in einer Kleiderfabrik mehr als hundert Menschen umkamen, bekommen ausländische Journalisten kaum noch eine Einreiseerlaubnis. Schon gar nicht, wenn man über die Textilindustrie berichten will, die wichtigste Branche des Landes. Die Botschaften fragen im Antragsformular fürs Visum nach dem Thema der Recherche.

Als ob man dadurch das Bekanntwerden von Missständen verhindern könnte. Als ob sich Informationen so einfach unterdrücken ließen. Als ob es keine lokalen Journalisten gäbe, kein Internet, kein Telefon. Beobachten geht heutzutage auch aus der Entfernung.

Katastrophenhelfer sagen, dass die Chancen, Überlebende zu finden, nach 72 Stunden erheblich sinken. Der Samstagmorgen war furchtbar. Tushikur Rahman, ein befreundeter Fotograf, war wenige Stunden nach dem Einsturz am Mittwoch am Unglücksort. Seither schickt er Bilder, Tag für Tag. Immer häufiger sind Leichen darauf zu sehen. Jeder Überlebende: ein Wunder. Jeder Tote: eine Tragödie.

"Hol Hilfe", sag ich ihm. In Wahrheit habe ich keine Ahnung

Da ich nun also nicht vor Ort sein darf, telefoniere ich mit Hilfe von einheimischen Journalisten mit Überlebenden, Angehörigen von Toten, Helfern. Ein Mann sagt mir, er stehe gerade neben einer Frau, die von Betonbrocken eingeklemmt sei. Ich höre sie brüllen. Sie verlangt von ihm, er solle ihr Bein absägen und sie befreien. Er fragt mich am Telefon, was er tun soll. "Hol Hilfe!", sage ich. Aber in Wahrheit habe ich keine Ahnung. Ich höre, wie der Mann etwas zu ihr sagt, er verhaspelt sich mehrmals. Dann spricht er wieder mit mir, sagt, er sucht jetzt jemanden, der der Frau helfen kann.

In meinem Büro in Islamabad nehme ich wahr, wie zweitausend Kilometer weiter östlich Menschen schreien, klagen, beten, weinen, flehen. Durchs Telefon höre ich die Proteste gegen die Polizisten. Stellvertretend bekommen sie die Wut darüber ab, dass die Regierung sich nicht schert um das Wohl der Textilarbeiter und dass die Industriellen jedes Mal ungeschoren davonkommen.

Schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Textilindustrie Bangladeschs

Am Sonntag höre ich, wie eine Lautsprecherstimme über die Trümmer hinweghallt und verkündet, dass der Gebäudebesitzer verhaftet wurde - jener Mann, der fünf Tage zuvor alle Bedenken nach ersten Rissen in den Wänden weggewischt hatte. Er war offensichtlich auf der Flucht nach Indien und wurde an der Grenze aufgegriffen. Die Menschen jubeln und klatschen.

Man hört auch Freude aus dem Stimmengewirr, wenn jemand bekannt gibt, man habe im Schuttberg noch eine Höhle ausgemacht, in der Überlebende geortet wurden. Mehrmals kommt das vor.

Am Montagmorgen schickt Tushikur Rahman mir eine E-Mail: "Ich würde gerne Bilder von Überlebenden machen. Aber es gibt keine Hoffnung mehr. Vor ein paar Stunden wurde entschieden, dass die Trümmer mit schwerem Gerät beseitigt werden. Das bedeutet: Die Suche nach Überlebenden ist eingestellt. Dabei werden noch mehr als tausend Menschen vermisst. Während des Abrisses werden wir noch viele Tote sehen."

Etwa 400 Tote wurden bislang gefunden. Es dürften mehr als tausend werden. Es ist die schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Textilindustrie Bangladeschs.

Die Nachricht vom Ende der Suche macht unter den Angehörigen am Unglücksort die Runde. Ich höre ihre Reaktionen am Telefon. Es sind die Stimmen der verlorenen Hoffnung. Sie werden uns noch lange verfolgen.

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6 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
HarryO 29.04.2013
M. Thomas 29.04.2013
Thaeve 29.04.2013
Wowbagger9876 29.04.2013
twaddi 29.04.2013
attac-pluto 02.05.2013
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Zum Autor
  • Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren. Er ist der Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer und wuchs in zwei Welten auf. Als Südasien-Korrespondent berichtete er für SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL aus Islamabad, Pakistan. Im August 2013 wechselte er nach Istanbul. In seiner Kolumne "Chai Time" berichtet er über den Alltag in der Ferne.