Recycling von Metallresten: Was vom Menschen übrig bleibt

Von , Zwolle

Kniegelenke aus Titan, Hüftpfannen aus Kobalt-Chrom, Sargnägel aus Eisen: Bei Einäscherungen bleibt viel Metall zurück. Eine niederländische Firma sammelt, sortiert und verkauft die Wertstoffe im Auftrag von Krematorien. Darf man Omas Implantat recyceln?

Recycling: Hüftgelenke als Altmetall Fotos
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Routiniert sortiert der Arbeiter die menschlichen Ersatzteile. Kobalt-Chrom in die eine blaue Kiste, Titan in die andere. Sonor brummt das Förderband, es befördert Halbkugeln so groß wie Tennisbälle und längliche Teile, die an Gehstöcke im Miniaturformat erinnern. Hüftgelenkspfannen, Oberschenkelknochen, Kniegelenke, der Natur nachgebaut. In einem anderen Leben waren sie so viel wert wie ein Kleinwagen, Tausende Euro. Ihrer Funktion beraubt sind sie nun im Vergleich beinahe wertlos.

Auf dem, was sich mit den Teilen noch verdienen lässt, hat Ruud Verberne seine Firma aufgebaut: Orthometals hat ihren Sitz in einer Fabrikhalle nahe der Autobahn 28, im Gewerbegebiet von Zwolle. Graue Wände, grauer Boden, drei graue Tore. Verbernes Mitarbeiter sortieren Metall, das bei Kremationen übrig blieb.

In einem Behälter, in etwa so groß wie ein Gartenkompost, liegen goldglänzende Metallteile: Sarggriffe und Zierteile aus Zink. Eisen kommt am häufigsten vor: vom Krematoriumsfeuer aschgrau gewordene Schrauben, in Särgen verarbeitete Beschläge.

Eine neue Sammeltonne wird in die Sortieranlage gekippt. Der helle, harte Klang Hunderter Metallteile, die aufeinander prallen, erfüllt die Halle - ein Geräusch, als würden Tausende Schrauben auf eine Glasplatte geschüttet. Die Lautstärke lässt eine Unterhaltung kaum zu, übertönt das tiefe Brummen der Förderbänder.

Feuer im Krematorium bringt Implantate nicht zum Schmelzen

Leichen werden bei etwa 900 Grad kremiert - die Schmelzpunkte der Metalle von Implantaten liegen höher, bei Titan etwa bei 1668 Grad. Was im Krematorium übrig bleibt, wurde lange Zeit weggeworfen oder verscharrt.

Orthometals stellt Krematorien Tonnen für den Metallschrott zur Verfügung. Einmal im Jahr werden sie abgeholt und nach Zwolle gebracht. Dort wird sortiert, aus Europa kommen 200 bis 250 Tonnen, etwa 20 Tonnen stammen aus den USA, Kanada, Australien und Neuseeland. Die Metallmengen aus einzelnen Krematorien werden dokumentiert.

Durch die Sortierung gewinnt der Schrott an Wert. Ein auf Kobalt spezialisiertes Schmelzwerk kann nichts mit Implantaten anfangen, die auch Teile aus Titan enthalten. Der Gewinn aus dem Metallverkauf geht - abzüglich der Kosten für Transport, Personal, Hallenmiete, Maschinen und Investitionen - laut Verberne an die Krematorien zurück, die das Geld für wohltätige Zwecke einsetzen.

Der Umsatz liegt bei rund vier Millionen Euro, man arbeite quasi zum Selbstkostenpreis. Von 100 Euro Verkaufserlös fließen dem 61-Jährigen zufolge zwischen 60 und 75 Euro an die Krematorien. Durchschnittlich dauert es drei Monate, bis sie ihr Geld bekommen. Mehr als 450 arbeiten mit Orthometals zusammen, die Firma war eine der ersten in der Branche.

"Am Anfang fand ich die Idee auch morbide"

Soll Omas künstliche Hüfte recycelt werden? Darf man die Metallbestandteile ihres Sarges einschmelzen, um daraus Teile für Küchengeräte, Flugzeuge oder Windturbinen zu fertigen?

Man darf - und sollte, findet Verberne, einer der Gründer von Orthometals. Der 61-Jährige, gedrungen, Glatze, sitzt in einem Besprechungsraum des Betriebes am Konferenztisch. An der Wand steht eine mannshohe Glasvitrine, in der ungewöhnliche Fundstücke aus Krematorien liegen. Ein Dolch, der einem Sikh in den Sarg gelegt wurde. Ein Speiselöffel, ein Vorhängeschloss, ein Flachmann.

Warum recycelt man Metalle aus Krematorien? "Am Anfang fand ich die Idee auch morbide", sagt Verberne. Das war 1987, Verberne arbeitete im Aluminiumrecycling und wurde vom Chirurg Jan Gabriels, der Verbernes Tochter behandelte, auf die Entsorgung orthopädischer Metalle angesprochen.

Es dauerte zehn Jahre, ehe Verberne überzeugt war und mit Gabriels die Firma gründete. "Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir das Recycling starten - aber mit Respekt für das, was in Krematorien passiert". Schon 1998 weiteten sie das Geschäft auf Belgien aus, heute ist Orthometals in 19 Ländern aktiv.

Aus den Daten der Firma lässt sich eine grobe sozioökonomische und implantationsmedizinische Landkarte rekonstruieren. "Man bemerkt, dass der Gesundheitsstandard in Europa hoch ist. Es wird viel implantiert", sagt Verberne. Allerdings gebe es große Unterschiede. "In ärmeren Gegenden haben die Krematorien weniger Metall - in Lille etwa deutlich weniger als in Cannes oder Saint-Tropez." Zudem zeige sich, dass Ärzte in Cannes gerne Titanimplantate benutzten, die Kollegen in Nizza dagegen Kobalt bevorzugten.

"Recycling ist in Ordnung"

Verberne erzählt freimütig von seiner Arbeit. Mehrere Firmen arbeiten in der Branche, Transparenz ist ein hohes Gut - im Umgang mit dem Tod und allem, was im Diesseits danach kommt. Wer in dem sensiblen Umfeld offen ist, gewinnt Glaubwürdigkeit. Ohne das Vertrauen der Angehörigen und der Krematorien ließe sich das Unternehmen kaum betreiben.

Die Metalle dürfen nur dann verarbeitet werden, wenn die Angehörigen zustimmen. "Wenn das der Fall ist, ist daran nichts Verwerfliches", sagt Rolf Lichtner, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. Für viele Angehörige sei es sogar eine Erleichterung. "Die sagen, wir wollen Sargnägel und das künstliche Hüftgelenk nicht mit in der Urne haben." Auch Alexander Helbach von Aeternitas, einer Verbraucherinitiative für Bestattungskultur, sagt: "Recycling ist in Ordnung, solange für die Angehörigen Transparenz geschaffen wird."

Die Arbeit von Firmen wie Orthometals gibt auch eine Antwort auf die Frage, wie die Gesellschaft mit dem Tod umgeht, sie ist ein Spiegel des sozialen Wandels. Das Tabuthema Sterben rückt aus dem gesellschaftlichen Abseits, indem das Letzte, was vom Menschen übrig bleibt, nicht auf dem Gelände von Krematorien verscharrt, sondern wiederverwertet wird.

"Das Material gehört nicht uns"

Warum macht Verberne kein Geschäft daraus? Er hat die Frage oft gehört. "Schon viele Leute haben gesagt: 'Du bist ja verrückt, man kann viel mehr daran verdienen.'" Für ihn ist sein Geschäftsmodell aber alternativlos. "Mein Reichtum ist, dass ich mit Orthometals die ganze Welt gesehen habe, um die Idee zu verkaufen. Für mich ist das etwas sehr Wertvolles. Nicht alles lässt sich mit Geld vergüten."

Zudem erspart das Modell juristische Komplikationen. An einem Leichnam kann man laut Aeternitas kein Eigentum haben. Die Krankenkassen, die die Implantate bezahlt haben, wollen sie nicht mehr zurück. Derjenige, der sie in sich trug, ist nicht mehr. Und Angehörige haben fast nie Einwände. "Das Material gehört nicht uns, das ist uns gegeben worden, um etwas Sinnvolles damit zu machen", sagt Verberne. "Die einzig sinnvolle Lösung ist, das Geld wohltätigen Zwecken zuzuführen."

Nebenbei löst Recycling auch das Problem der Umweltbelastung: "Es ist auch nicht ethisch, das auf dem Krematoriumsgelände im Boden verschwinden zu lassen. Die Teile findet man nach tausend Jahren im gleichen Zustand", sagt Verberne.

Der 61-Jährige steht in der großen Fabrikhalle. Dutzende Tonnen sind sauber in Reihen aufgestellt. Verberne greift in eine hinein, zieht ein Gelenkteil heraus. "Titan ist einfach zu erkennen. Das wird durch die Hitze im Krematorium weiß", sagt er.

Könnte das Geschäft irgendwann überflüssig werden, etwa durch Keramikimplantate, strengere gesetzliche Regelungen oder längere Lebenszeiten von Metallteilen? Verberne überlegt kurz, lächelt und sagt: "Ja, die Möglichkeit gibt es. Aber das dauert noch. Was heute implantiert wird, hält 15 bis 20 Jahre. Bis dahin können wir planen."

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Was für eine überaus blöde Frage?
ronald1952 26.03.2012
Zitat von sysopKniegelenke aus Titan, Hüftpfannen aus Kobalt-Chrom, Sargnägel aus Eisen: Bei Einäscherungen bleibt viel Metall zurück. Eine niederländische Firma sammelt, sortiert und verkauft die Wertstoffe im Auftrag von Krematorien. Darf man Omas Implantat recyceln? Recycling von Metallresten: Was vom Menschen übrig bleibt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,817783,00.html)
Nätürlich darf man recyceln, denn was sollte man sonst mit den Teilen die als Sondermüll gelten,machen? Ist da jemand Neidisch, daß ein paar Leute eine gute Idee hatten? Und mal ganz ehrlich, wer hat den in der heutigen Zeit wirklich noch Respekt vor den Toten? Ich denke niemand, außer denen die damit Geld verdiehen und das nicht zu knapp. schönen Tag noch,
2. Respekt...
freeride4ever 26.03.2012
ein offensichtlich ethisch einwandfreies Unternehmen, dass es nicht sein müsste... Respekt... so etwas ist selten geworden
3. Nicht "man darf" - "man muss" !
The Captain 26.03.2012
Zitat von sysopKniegelenke aus Titan, Hüftpfannen aus Kobalt-Chrom, Sargnägel aus Eisen: Bei Einäscherungen bleibt viel Metall zurück. Eine niederländische Firma sammelt, sortiert und verkauft die Wertstoffe im Auftrag von Krematorien. Darf man Omas Implantat recyceln? Recycling von Metallresten: Was vom Menschen übrig bleibt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,817783,00.html)
Warum sollten wertvolle Implantatmetalle nicht recycled werden dürfen? Manche Materialien, die in Implantaten zum Einsatz kommen, sind so selten, dass tonnenweise Gestein bewegt werden muss. Es ist also einfach eine Frage des Aufwands, ob man nicht lieber Implantatmetalle wiederverwenden sollte: einschmelzen, neu schmieden sozusagen. Ich sehe da kein ethisches Problem. Klar: bei Komplettbestattungen ist das nicht drin, da wird der Opa komplett unter die Erde gebracht und nicht noch vorher auseinandergenommen, um an das künstliche Hüftgelenk zu kommen. Exhumieren geht auch nicht - das Material ist also (vorerst) verloren. Aber bei Feuerbestattungen? Warum sollten die Implantate nicht wieder einer Verwendung zugeführt sondern einfach weggeworfen werden?
4.
Dosengabel 26.03.2012
Zitat von sysopKniegelenke aus Titan, Hüftpfannen aus Kobalt-Chrom, Sargnägel aus Eisen: Bei Einäscherungen bleibt viel Metall zurück. Eine niederländische Firma sammelt, sortiert und verkauft die Wertstoffe im Auftrag von Krematorien. Darf man Omas Implantat recyceln? Recycling von Metallresten: Was vom Menschen übrig bleibt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,817783,00.html)
Recycling ist ein Milliardengeschäft. Wo ist die Grenze?
5.
Mr. Captcha 26.03.2012
Zitat von sysopRecycling von Metallresten: Was vom Menschen übrig bleibt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,817783,00.html)
Erde zu Erde, Asche zu Asche, Metall zu Metall. Recycling ist schon alt.
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