Einreiseverbot Deutscher zwei Tage in US-Knast – ohne jede Begründung

Majed Shehadeh wollte seine Tochter in den USA besuchen - doch der Neujahrs-Trip des in Syrien geborenen Deutschen endete im Knast von Las Vegas. Gründe für das zwölfstündige Verhör und die Verhaftung kennt der 62-Jährige bis heute nicht.

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Berlin - Als die Boeing 767-300 mit Flugnummer DE 7083 um 17.15 Uhr an Silvester vom internationalen Flughafen Las Vegas abhob, war Majed Shehadeh mehr als erleichtert. "Niemand will den Jahreswechsel in der Luft verbringen", sagt der 62-Jährige, "aber ich war heilfroh, dass ich wieder in Freiheit war." Es sei das schönste Silvester in seinem Leben gewesen.

Geschäftsmann Majed Shehadeh: "Man hat mich behandelt wie einen Terroristen"
privat

Geschäftsmann Majed Shehadeh: "Man hat mich behandelt wie einen Terroristen"

Was der Geschäftsmann zuvor in den USA erlebt hatte, war für ihn ein schierer Alptraum. Der in Syrien geborene Deutsche war am 28. Dezember von Frankfurt nach Las Vegas geflogen, um mit seiner Tochter ihre bestandene Anwaltsprüfung und das neue Jahr zu feiern. Bei der Einreise aber bekam Shehadeh die harte US-Grenzpolitik in Zeiten des Terrors zu spüren. Ohne Angabe von Gründen durfte er nicht einreisen, mehrmals wurde er verhört, zwei Nächte saß er im Knast – bevor er dann zurückgeschickt wurde.

Wenn Shehadeh die Geschichte mit seiner weichen Stimme erzählt, fährt es immer wieder aus ihm heraus: "Warum gerade ich?" Dann zählt er auf. Seit Jahren sei er ein regelmäßiger Gast in den USA, habe dort seit den späten siebziger Jahren ein Haus, sei sogar mit einer Amerikanerin verheiratet. So freundlich seine Stimme klingt, so verbittert ist er. "Die USA haben mir mit meiner Frau das Beste gegeben, was dieses Land hat. Nun aber haben sie mir meine Ehre genommen."

Verdächtige Visa-Stempel

Gleich an der Grenzkontrolle im Flughafen von Las Vegas merkte Shehadeh, dass etwas nicht stimmte. Kritisch beäugte der Beamte seinen Pass, nachdem ihm die Stempel von einer Reise in den Libanon und nach Syrien aufgefallen waren. Die seien gefälscht, sagte der US-Beamte. Schehadeh konnte wenig unternehmen. Er spricht gut englisch, trotzdem kam er nicht weiter. "Die Stempel sind echt, ich habe die Visa ja sogar bezahlt", sagte er. Dem Grenzer reichte das nicht. Er führte Shehadeh in den Nebenraum.

Das Verhör begann. Es dauerte zwölf Stunden.

Shehadehs Stimme überschlägt sich, wenn er von dem Verhör berichtet. Man habe ihn nach den Mördern des libanesischen Politikers Rafik Hariri befragt. Ob er die Täter kenne, wollten die Beamten wissen. Dann kamen wieder neue Männer mit neuen Fragen. Diesmal ging es um einen anderen politischen Mord in Beirut. "Ich konnte den Polizisten nichts zu ihren Fragen sagen, ich kannte die Fälle ja auch nur aus der Zeitung." Schließlich habe ihn die Polizei in ein Gefängnis gebracht.

In dem Knast, der nach Angaben des Geschäftsmanns voll mit illegalen Einwanderern und Drogenhändlern war, hätten die Beamten ihm seine Herzmittel verweigert, die er gegen seinen Bluthochdruck braucht. "Mit blutete schon die Nase, ich hatte Angst vor einem Infarkt. Doch das interessierte niemanden." Auch seine Tochter und seine Frau in den USA durfte er erst nach Stunden anrufen.

Routine im Anti-Terror-Kampf

Fast zwei Tage saß der Deutsche in dem Gefängnis, bis er schließlich zum Flughafen gebracht wurde. "Viel länger hätte ich es dort nicht mehr ausgehalten", sagt er. "Jeder, der dort einsitzen muss, tut mir Leid." Die Behandlung sei erniedrigend gewesen. Nur eine Toilette habe es für mehr als 20 Personen gegeben.

So verwegen sich die Geschichte von Majed Shehadeh anhört, so routiniert reagieren die US-Behörden. Eine Sprecherin des US-Grenzschutzes bestätigt, dass Schehadeh die Einreise verweigert wurde. Details will sie nicht nennen. Grundsätzlich könne die für Deutsche übliche visafreie Einreise verweigert werden, "weil jemand vorbestraft sein könnte, oder es könnte etwas mit Terrorismus zu tun haben". Vertreter der Einwanderungsbehörde und das FBI wollen zu dem Fall gar nichts sagen.

Klar ist: Die Geschichte des Deutschen ist kein Einzelfall. Immer wieder werden an den US-Grenzen meist muslimische Passagiere abgewiesen und mit der nächsten Maschine zurückgeschickt. Ob sich ihre Namen auf Listen von Verdächtigen befanden oder andere Hinweise gegen sie vorlagen, erfahren sie nicht. Erst kürzlich wurde der Deutsche Khalid el-Masri, den einst die CIA entführt hatte, an der US-Grenze zurückgeschickt. Mittlerweile ist die Einreisesperre gegen ihn aufgehoben.

Das Auswärtige Amt (AA) bemühte sich im Fall Majed Shehadeh am Mittwoch erst mal um die Klärung der Fakten – wobei die neunstündige Zeitverschiebung die Kommunikation mit dem verantwortlichen Generalkonsulat bis zum späten Nachmittag erschwerte. Ein Sprecher versichert aber, man kümmere sich um den Fall. Ohne Zahlen zu nennen, spricht er von einigen solcher Vorgänge in den vergangenen Jahren, bei denen Deutsche an US-Grenzen betroffen waren. Ins Detail geht man aber nicht.

Muslime als Passagiere zweiter Klasse?

Der Rat für Islamisch-Amerikanische Beziehungen (CAIR) verwies nach dem aktuellen Fall auf ähnliche Zwischenfälle in der jüngeren Vergangenheit, die ebenfalls muslimische Passagiere betrafen. Im Oktober wurde einem Islamwissenschaftler aus Südafrika in San Francisco die Einreise verweigert. Im November mussten sechs Imame in Minneapolis ein Flugzeug verlassen, weil ein Passagier gemeldet hatte, dass sie sich kritisch über den Irak-Krieg geäußert hätten. Alle sechs protestierten, der Fall machte Schlagzeilen.

CAIR sieht hinter den Vorgängen ein Muster. "Diese Fälle senden eine Botschaft aus, dass Muslime Bürger zweiter Klasse sind, die in Gewahrsam genommen und von ihren Familien ferngehalten werden können", sagt CAIR-Sprecher Affad Shaikh. Der Rat sieht sich in seiner Meinung bestärkt, dass Muslime in den USA grundsätzlich als terrorverdächtig gelten. Allein das Aussehen genüge, um am Flughafen festgehalten und verhört zu werden. Immer wieder gibt es Beschwerden über besonders scharfe Kontrollen bei Muslimen.

Majed Shehadeh rätselt bis heute, was die USA ihm vorwerfen: "Ich habe immer wieder gefragt, doch niemand wollte mir Auskunft geben." Dass es sich um eine Verwechslung handelt, glaubt er nicht. Gleich nach Heimkehr hat er alle verfügbaren Listen von Terrorverdächtigen im Internet durchgesehen - ohne Ergebnis. "Die USA haben ihre Freiheit verlernt", sagt Shehadeh. In Zukunft will er sich nur noch auf den Weg machen, wenn er schon in Deutschland ein Visum erhalten hat.



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