Von Bruno Schrep und Julia Jüttner
Obwohl er kaum mehr als die branchenüblichen 1200 Euro netto im Monat verdient, stürzt er sich in finanzielle Abenteuer. Kauft ein Auto, bleibt die Raten schuldig. Kauft ein Haus, kann die Kreditzinsen nicht bezahlen. Übrig bleiben Schulden von 60.000 Euro, die er mühsam abstottert, teilweise wird sein Gehalt gepfändet - auch ein Grund für den Vater und die anderen Angehörigen, das Erbe abzulehnen.
Steht mal zwei, drei Tage keine Tour an, übernachtet Bernd W. meist bei Bekannten auf der Couch, er hat lange keine eigene Wohnung. Erst kurz vor seinem Tod mietet er ein Apartment im mecklenburg-vorpommerschen Gülzow, wo er gute Freunde kennt. Er plant sogar eine Einweihungsparty. Bewegungsmangel, unregelmäßiges Essen und zu viele Zigaretten haben da längst Spuren hinterlassen. Den Fernfahrer plagt Übergewicht, er setzt sich selbst Spritzen gegen Diabetes, klagt über Herzschmerzen. Arztbesuche schiebt er hinaus.
Am 25. November, einem Donnerstag, fährt Bernd W. mit seinem Fünfachser Richtung Österreich, geladen hat er leere Pappkartons für einen Milchbetrieb bei Klagenfurt. Gegen Abend entdeckt er einen Rastplatz oberhalb des Wörthersees, schwärmt am Handy gegenüber Mike Scheffler, dem Fahrdienstleiter in der Berliner Speditionszentrale, von der phantastischen Aussicht.
Er sagt, er wolle früh schlafen gehen. Es ist der letzte Kontakt.
Als der Fahrdienstleiter den Lkw 36 Stunden später auf dem Rastplatz aufspürt - Scheffler ist von Berlin nach Österreich geeilt - liegt der Fernfahrer schon lange leblos in seiner Schlafkoje. Todesursache: Herzinfarkt.
Über zwei Monate lang liegt die Leiche in der Pathologie von Klagenfurt
In Österreich beginnt eine Tragikomödie. Weil der Vater die Überführung ablehnt - allein der Transport im Zinksarg würde 3000 Euro kosten - wissen die Behörden nicht, wohin mit dem Toten. Auf der Suche nach weiteren Angehörigen landen sie zunächst im falschen Gülzow, in Schleswig-Holstein, treffen dort auf einen ratlosen Bürgermeister: "Ich kenne den Mann nicht und stehe vor einem Rätsel." Über zwei Monate lang liegt die Leiche in einer Kühlkammer der Klagenfurter Pathologie.
"Wer begräbt den einsamen Toten?", fragen österreichische Journalisten, TV-Teams bestürmen Helmut Pirolt, Filialleiter des Bestattungsinstituts. Der kann sich an keinen ähnlichen Fall erinnern: "So was Trauriges gab es hier noch nie." Mühen und Kosten bleiben schließlich an der Ortschaft Techelsberg am Wörthersee hängen: Der Rastplatz, auf dem der Trucker verstorben ist, gehört zum Gemeindegebiet, und laut Gesetz über das Leichen- und Bestattungswesen im Bundesland Kärnten ist in derartigen Sonderfällen die jeweilige Ortsverwaltung für Beerdigungen zuständig.
Die malerisch gelegene Gemeinde gilt als Geheimtipp für Touristen. Nicht nur wegen der tollen Aussicht auf den See, sondern vor allem wegen der Bewohner. Die hätten, heißt es in einer Tourismuswerbung, "ihr Herz am richtigen Fleck". Die Bestattungszeremonie auf dem Kirchhof St. Martin wird zu einer Art Demonstration: Ein österreichisches Dorf zeigt aller Welt, und besonders diesen kaltherzigen Deutschen, wie man anständig trauert.
Junge und Alte kommen zur Urnenbeisetzung an der Friedhofswand, ein Bläserquintett spielt auf, Bürgermeister Johann Koban hält eine würdevolle Rede. Und Pater Maximilian Miklautsch verkündet Tröstliches: "Der Herr vergisst niemanden, auch wenn er fern der Heimat bestattet wird."
Warum fährt keiner der Verwandten oder Kumpels zur Trauerfeier?
"Wir kannten dich nicht, wir nahmen aber deinen Körper und die Seele hier auf", kondolierte eine "Kärntnerin, die noch weiß, was Anstand heißt", via Internet. "Schlaf wohl." Doch seine letzte Ruhe scheint Bernd W. noch lange nicht gefunden zu haben. Der alte Familienzwist ist wieder neu aufgeflammt. Geschwister, Freunde und Kollegen des Fernfahrers werfen dem Vater nun Gefühllosigkeit und Geiz vor - und werden selber von schlechtem Gewissen geplagt.
War er nicht ein Pfundskerl, der Bernd, immer hilfsbereit, immer mit einem guten Wort für andere? Warum ist dann nicht wenigstens einer der Verwandten oder der Kumpels zur Trauerfeier nach Österreich gefahren?
"So einen Abschied hat Bernd nicht verdient", klagt sein Bruder Georg W. Er hat eine Initiative ins Leben gerufen: Die Urne muss heim. Zu diesem Zweck richtete Georg W. ein Spendenkonto ein. Er hofft, die Bestattungskosten, rund 2600 Euro, von Freunden und Verwandten zusammenzubekommen. Denn nur bei Begleichung dieser Summe wäre die österreichische Gemeinde bereit, die Urne wieder freizugeben und als Wertpaket nach Deutschland zu schicken, vorschriftsgemäß an ein Bestattungsinstitut in Gülzow.
"Auf dem Friedhof an der Dorfkirche gibt es noch freie Plätze", verspricht der dortige Bürgermeister Uwe Bürth. "Das Geld kommt ganz bestimmt zusammen."
Eine Fehleinschätzung. Bisher, räumt Georg W. ein, sind auf dem Konto, das von einem Anwalt treuhänderisch verwaltet wird, 15 Euro eingegangen.
Ob Techelsberg auf den Auslagen sitzen bleibt, ist noch offen. Zwar hat der Bürgermeister die Rechnung an den Vater geschickt. Doch der ließ über seinen Anwalt mitteilen, dass er, wenn er dazu von Amts wegen gezwungen werde, die Kosten höchstens in kleinen Raten abstottern könne. Auf die Urne mit der Asche des verlorenen Sohnes erhebt der Vater keinen Anspruch. Dies sei, ließ er über den Rechtsanwalt ausrichten, "kein Thema".
Mehr zu dem Fall: SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 22.40-23.25 Uhr, RTL
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