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Einsatz von Verhütungsmitteln: Kirche erlaubt Nonnen die Pille

Die Forderung klingt provokant: Australische Wissenschaftler wollen Ordensfrauen die Pille verschreiben - um ihr Krebsrisiko zu verringern. Ob das ihr Leben verlängert, ist fraglich. Die Kirche jedenfalls hat nichts gegen den Einsatz der Verhütungsmittel.

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Corbis

Katholische Ordensschwester: Pille als Gesundheitsvorsorge

Hamburg - Karg Britt und Roger Short werden sich den Dreh ihrer Publikation gut überlegt haben. Die Forscher der australischen Universitäten Monash und Melbourne haben in einem Artikel gefordert, Ordensfrauen sollten die Pille erhalten - das klingt wie eine Provokation. Denn allein die Idee, Ordensleute und Verhütungsmittel in einem Atemzug zu nennen, scheint gewagt. Warum sollten sich Nonnen um die Pille scheren, wenn sie doch gar keinen Sex haben?

Die Frauen sollen die Pille aus medizinischen Gründen nehmen - nicht um zu verhüten. Denn Nonnen haben, wie andere kinderlose Frauen auch, eine höhere Gefahr, an Eierstock- oder Gebärmutterkrebs zu erkranken, weil sie mehr Menstruationszyklen durchleben. Laut dem Artikel, der in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurde, kann die Gefahr eines solchen Tumors für Nonnen deutlich sinken, wenn die Frauen hormonelle Verhütungsmittel nehmen.

Die Ordensfrauen sollten daher freien Zugang zu sogenannten oralen Kontrazeptiva erhalten, folgern die Wissenschaftler.

Die Grundannahmen von Britt und Short gelten im Prinzip für alle kinderlosen Frauen, da sie mehr Zyklen durchlaufen als Frauen, die Kinder bekommen und diese möglicherweise auch stillen.

Der medizinische Rückschluss hebt darauf ab, wie viele Monatsblutungen eine Frau im Laufe ihres Lebens hat. Durchschnittlich sind das bis zu 450. Der hormonelle Wechsel begünstigt wahrscheinlich das Entstehen einiger Tumore, so die These. Nimmt eine Frau die Pille, unterdrückt das den Eisprung - dadurch kann das Tumorrisiko sinken. Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Einnahme der Pille und einem geringeren Risiko von Eierstock- und Gebärmutterkrebs nahelegen. Allerdings bringt die Pille auch Nebenwirkungen mit sich, sie erhöht etwa das Risiko von Thrombosen. Ob die positiven oder negativen Effekte überwiegen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Die Empfängnisverhütung darf nicht das Ziel sein

Fest steht, dass die Enthaltsamkeit, zu der sich die weltweit 95.000 Ordensschwestern verpflichtet haben, Gesundheitsrisiken birgt. Bereits vor rund 300 Jahren berichtete der italienische Mediziner Bernadino Ramazzini, Nonnen litten unter einer "verfluchten Pest", die zum Tode führe - Brustkrebs. Der Unterschied war damals besonders augenfällig, da Frauen allgemein mehr Kinder bekamen als heute und der Kontrast zwischen Ordensfrauen und Frauen, die nicht im Kloster lebten, besonders groß war.

Eine allzu große Provokation ist die Forderung der beiden Wissenschaftler am Ende nicht: Denn innerhalb der katholischen Kirche fällt der Widerstand deutlich geringer aus als möglicherweise erwartet. In seiner Enzyklika "Humanae Vitae" aus dem Jahr 1968 erklärte Papst Paul VI., nur die Enthaltsamkeit sei ein adäquates Verhütungsmittel. Aber auch schon damals stellte er klar, dass die Kirche therapeutische Maßnahmen, "die zur Heilung körperlicher Krankheiten notwendig sind", nicht für unerlaubt halte, "auch wenn daraus aller Voraussicht nach eine Zeugungsverhinderung eintritt".

Die Einnahme empfängnisverhütender Arzneimittel ist aus kirchlicher Sicht also keineswegs verboten, so lange sie nicht zur Empfängnisverhütung eingenommen werden.

Die deutsche Bischofskonferenz verweist auf die päpstliche Enzyklika: "Bei der Einnahme der Pille ist aus katholischer Sicht die Motivation entscheidend - zur Verhinderung einer Schwangerschaft darf sie nicht eingesetzt werden, zur Heilung von Krankheiten schon."

Die australische Bischofskonferenz erklärte, es spreche nichts gegen eine Anwendung der Pille aus medizinischen Gründen. "Dabei gibt es überhaupt kein ethisches Problem", sagte der Generalsekretär Brian Lucas laut dem Fernsehsender TVNZ. Es gebe eine "Reihe von Gründen", weshalb eine Ordensfrau sich ein Hormonpräparat verschreiben lassen könnte.

han/Reuters/kna

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