Elektroschrott-Export "Eure Computer vergiften unsere Kinder"

100.000 Tonnen Elektroschrott werden jedes Jahr aus Deutschland in Drittweltländer verschoben. Ein Großteil landet in Ghana, wo Kinder den Müll nach Wertstoffen durchsuchen, berichtet Öko-Aktivist Mike Anane im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie verbrennen die Geräte - und vergiften sich dabei.


SPIEGEL ONLINE: Herr Anane, jedes Jahr kommen neue, bessere Computer auf den Markt - was passiert mit den alten?

Anane: In den meisten Ländern gelten Umweltschutzgesetze, es gibt Recyclingsysteme für Schrottcomputer - doch die haben große Lücken. Von Jahr zu Jahr wird deshalb mehr Elektromüll in die Dritte Welt verschifft. Die Gründe liegen auf der Hand. Niemand will den Schrott bei sich haben. Also schicken sie ihn zu uns, die Amerikaner vor allem, aber auch die Deutschen, die Niederländer, die Briten. Ich schätze, hier in Ghana kommen inzwischen jeden Monat 500 Container an. Entwicklungsländer haben keine Chance, derartige Massen ohne enorme Schäden für die Umwelt und die Menschen zu entsorgen.

SPIEGEL ONLINE: Wer schafft den Computerschrott ins Ausland?

Anane: Es sind zum einen Leute aus den Recyclingfirmen, die damit viel Geld verdienen. Denn eine saubere Entsorgung in Deutschland etwa ist teuer, es ist viel billiger, die Uraltgeräte per Schiff nach Ghana zu schicken. Dazu gibt es Händler, die solche Deals abwickeln. Die wenigen Computer, die in den Lieferungen noch funktionieren, verkaufen sie dann hier - alles andere werfen sie weg. Im Schnitt sind wohl 80 Prozent der Computer, die hier ankommen, Schrott. Der Rest lässt sich noch brauchen, aber oft nicht mehr lange. Und dann müssen diese Rechner ebenfalls verschwinden.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert damit?

Anane: Eure alten Computer vergiften hier unsere Kinder. Es gibt mehrere Plätze allein in Ghana, auf denen Kinder die alten Rechner auseinanderreißen und die Bildschirme zertrümmern müssen. Dann werfen sie den Kram ins Feuer, damit alles aus Plastik wie zum Beispiel die Kabel-Isolierungen verbrennt. Die Metallreste können sie schließlich verkaufen. Der mit Abstand größte solcher Plätze liegt hier in Accra, in Agbogbloshie.

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Elektroschrott: Digitalmüll für die Dritte Welt
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Kinder?

Anane: Greenpeace-Leute haben vergangenes Jahr Bodenproben in Agbogbloshie genommen. Sie fanden Dioxine, Furane, polychlorierte Biphenyle, Blei, Kadmium - einen hochgefährlichen Giftcocktail, der Krebs auslösen kann, die Leber schädigt, die Nieren, die Gehirne, gerade bei Kindern. Und die Kinder arbeiten dort jeden Tag, sie sind noch sehr jung, manche erst fünf oder sechs Jahre alt. Sie haben keine Schutzmasken, keine Handschuhe und natürlich kein Geld für Medikamente. Sie nehmen die Schwermetalle auf und all die anderen Gifte im Rauch der brennenden Computer. Zudem gibt es dort einen Fluss und eine Lagune, inzwischen regt sich nichts mehr in den Gewässern. In der Regenzeit wird das ganze Gift in den Atlantik gespült, dort gelangt es in die Fische und dann wieder in die Menschen. Denn die meisten dieser Stoffe verschwinden nicht einfach, sondern reichern sich in Lebewesen an.

SPIEGEL ONLINE: Befürworter der Computerexporte argumentieren, die alten Rechner seien doch gut für Entwicklungsländer, weil sie die sogenannte digitale Kluft überbrückten - auch die Armen bekämen so Zugang zum Wissen der globalen Informationsgesellschaft.

Anane: Das ist doch Unsinn. Die meisten Geräte funktionieren ja gar nicht. Wie soll man mit einem Computer ins Internet, der nicht einmal mehr hochfährt? Man kann die digitale Kluft nicht mit Digitalmüll zuschütten.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt einen internationalen Vertrag, die Baseler Konvention. Sie verbietet den Export von Computerschrott in die Dritte Welt. Warum funktioniert das nicht?

Anane: Die USA zum Beispiel haben den Exportbann der Baseler Konvention nie ratifiziert. Und viele andere Länder, etwa die EU-Staaten, haben zwar unterschrieben - setzen das Verbot aber nicht durch. Sie müssten die Container viel wirksamer kontrollieren, die Schiffe stoppen, die Giftexporteure hart bestrafen. All das passiert aber nicht. Und Länder wie Ghana bräuchten viel mehr und besser ausgebildete Kontrolleure, die das Zeug wieder zurückschicken. Sonst werden immer mehr Computer kommen und immer mehr Kinder vergiften.

Das Interview führte Clemens Höges

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
systemfeind 06.12.2009
1. mal die Holländer fragen ...
Zitat von sysop100.000 Tonnen Elektroschrott werden jedes Jahr aus Deutschland in Drittweltländer verschoben. Ein Großteil landet in Ghana, wo Kinder den Müll nach Wertstoffen durchsuchen, berichtet Öko-Aktivist Mike Anane im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie verbrennen die Geräte - und vergiften sich dabei. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,665030,00.html
...denn die liefern den Mist nach Ghana
Domerich, 06.12.2009
2. Nicht verbrennen! - DO NOT BURN
ich bin für ein Laben das sagt: Nicht verbrennen! Problem gelöst.
wilde Socke 06.12.2009
3. Nicht mehr verbrennen
Zitat von Domerichich bin für ein Laben das sagt: Nicht verbrennen! Problem gelöst.
Zustimmung! Wenn die Kinder sich beim Verbrennen vergiften, dann würde ich denen doch einfach mal sagen: "Nicht verbrennen, sonst vergiftet ihr euch!" Die Überschrift müsste heißen: "Weil die Kids in Afrika schlecht informiert sind, verbrennen sie Computer und vergiften sich!" Immer sollen die bösen Europäer schuld sein! Oft sind es aber die verbrecherischen Regierungen, die ihr Volk in Armut halten. Kamerun zum Beispiel, wie beschrieben von Tim Harford in seinem Buch "The Undercover Econonmist". Das Land hat keine ordentlichen Straßen, weil die Verbrecher an der Regierung die Kohle abzocken. Die Bevölkerung wählt die Verbrecher immer wieder, weil sie keinen Bock neue Verbrecher hat. Die alten sind immerhin berechenbar.
Moewi 06.12.2009
4. Titel
Zitat von sysop100.000 Tonnen Elektroschrott werden jedes Jahr aus Deutschland in Drittweltländer verschoben. Ein Großteil landet in Ghana, wo Kinder den Müll nach Wertstoffen durchsuchen, berichtet Öko-Aktivist Mike Anane im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Sie verbrennen die Geräte - und vergiften sich dabei. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,665030,00.html
Die Ausfuhr ist doch verboten? Wenn 500 Container pro Woche ankommen, gehen irgendwo auch 500 Container raus. Normalerweise müsste darauf stehen, wer ihn geschickt hat. Einfach zum Verursacher gehen, so schwer kann das doch (theoretisch) nicht sein.
Hercules Rockefeller, 06.12.2009
5. Wir vergiften niemanden!
Wenn hier jemand jemanden vergiftet, dann die Ghanaesen ihre Kinder, aber niemand sonst. "Wir" könnten Schutzmasken und Handschuhe an jeden Schrottcomputer kleben, sie werden dann von den kinderfreundlichen Ghanaesen für teures Geld weiterverkauft, wie die noch funktionsfähigen Computer eben auch. Ich kann diese Jammerlappen und "Aktivisten" nicht mehr hören, die "dem Westen" anlasten wollen, dass bestimmte Länder auf Menschenrechte pfeifen und ihre Kinder im Dreck arbeiten lassen. Das ist mitnichten ein Problem des Westens, das ist eine einfache Charakterfrage. Wer meint, dass er seine Kinder solche Arbeiten durchführen lassen muss bzw. Kinder für solche Arbeiten beschäftigt, der ist ein Vollidiot. So lange Gehirntransplantationen nicht möglich sind, wird sich daran auch nichts ändern. Wenn der vermeintlich gute Mann also ein Problem mit dieser Verschrottung hat, dann soll er gefälligst in Ghana am Ort des Geschehens "aktiv" werden. Wir hier können daran absolut nichts ändern, abgesehen davon, den Schrott nicht mehr hinzuschicken. Aber warum sollen wir den Schrott nicht mehr hinschicken? Wie sich ein Land organsisiert und seine Bürger schützt, ist Sache des Landes selbst. Auch in Ghana gibt es den ein oder anderen gebildeten Menschen, der eins und eins zusammen zählen könnte und vielleicht erkennt, dass solche Arbeiten für Menschen nicht gut sind und dass es da in der Welt Methoden gibt, solche Arbeiten sicher auszuführen. Nun wird "der Aktivist" einwenden, dass kann sich in Ghana niemand leisten. Gut, wenn er mehr verlangt, dann machen wir das Recycling wieder selber, kommt sich finanziell gleich. Wir merken, es steht dahinter nur ein erneuter Bettelaufruf, wirklich ändern will man gar nichts. Das Geld des Westens ist immer willkommen, die Menschrechte und das Wissen des Westens kann gerne ausser Landes bleiben, es geht ja auch ohne, solange man "dem Westen" ein schlechtes Gewissen für die eigenen Verfehlungen machen kann. Hat von uns jemand eigentlich beklagt, dass wegen der ganzen Niedriglohnländer ohne Menschenrechte und Demokratie hierzulande Kinder immer öfter von Hartz4 leben müssen, weil ihre Eltern keine Jobs mehr kriegen. Ghanaesen, ihr lasst unsere Kinder verhungern! Auf diesem Niveau bewegt sich "Greenpeace" leider immer öfter...
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