Vatileaks-Enthüller über Kindesmissbrauch in der Kirche "Der Papst protegiert Vertuscher"

Er enthüllte Finanzskandale im Vatikan und stand dafür vor einem Kirchengericht. In seinem neuen Buch beschreibt Emiliano Fittipaldi, wie Kindesmissbrauch in höchsten Kirchenkreisen vertuscht wird.

Vatileaks-Enthüller Fittipaldi: "Missbrauch in der Katholischen Kirche ist weiter virulent"
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Vatileaks-Enthüller Fittipaldi: "Missbrauch in der Katholischen Kirche ist weiter virulent"

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Zur Person
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    Emiliano Fittipaldi, Jahrgang 1974, arbeitet als investigativer Journalist beim italienischen Nachrichtenmagazin L'Espresso. In seinem Buch "Avarizia" (Geiz) enthüllte er illegale finanzielle Transaktionen im Vatikan und musste sich im Rahmen des Vatileaks-2.0-Skandals vor Gericht verantworten - wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente. Die Richter des Kirchenstaates sprachen ihn im Juli 2016 aus Mangel an Beweisen frei. Sein neues Buch "Lussuria" (Wollust) prangert die systematische Vertuschung von Missbrauchstaten in der Kirche an.

SPIEGEL ONLINE: Was ist geblieben von dem Versprechen des Papstes, bei Kindesmissbrauch null Toleranz walten zu lassen?

Emiliano Fittipaldi: Sehr wenig. Die Zahl der in Rom gemeldeten Missbrauchsfälle ist meinen Recherchen zufolge in den ersten drei Amtsjahren des Papstes auf 1200 gestiegen. Das sind fast doppelt so viele Sexualstraftaten wie in den Jahren 2005 bis 2009. Von 587 Fällen, die 2014 bei der Glaubenskongregation angezeigt wurden, betrafen mehr als 500 Kindesmissbrauch. Das Phänomen ist weiter virulent.

SPIEGEL ONLINE: Vermutlich ist aber auch die Anzeigebereitschaft nach den weltweiten Skandalen gestiegen.

Fittipaldi: Möglich. Aber auch die 2014 von Franziskus eingesetzte Kinderschutzkommission hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Nur drei- oder viermal haben sich die Mitglieder überhaupt getroffen. Viel herausgekommen ist dabei nicht. Sie haben es noch nicht einmal geschafft, eine verpflichtende Anzeige bei Missbrauchsverdacht durchzusetzen. Die Kommission hat ohnehin nur beratende Funktion, sie kann nur Maßnahmen vorschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Mitglied der Kinderschutzkommission, der Brite Peter Saunders, wurde bereits beurlaubt. Er hatte den mächtigen Kurienkardinal George Pell der Vertuschung bezichtigt und ihn einen "hartherzigen Soziopathen" genannt.

Fittipaldi: Der Australier Pell stand im Zentrum meiner Recherchen. Im Gegensatz zu Saunders erfreut er sich größter Beliebtheit und bekleidet weiter sehr wichtige Posten. Er ist Mitglied im Kardinalsrat, der eine Reform der Kurie ausarbeiten soll, außerdem Präfekt des Wirtschaftsrates. Schon 2008 wurde ihm von Missbrauchsopfern Vertuschung vorgeworfen. Er soll dem Opfer eines verurteilten pädophilen Serientäters ein Schweigegeld angeboten haben. Im Sommer 2016 wurde Pell selbst von mehreren Personen angezeigt wegen Verdachts auf sexuelle Belästigung in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Er hat die Vorwürfe stets vehement bestritten.

SPIEGEL ONLINE: Über Ihr neues Buch ließ er verlauten, es sei "ein besonders schäbiges und veraltetes Werk", das lediglich Beschuldigungen gegen ihn aufwärme, um seinen Ruf zu ruinieren. Tatsächlich hatten Sie dieses Mal keinen Zugriff auf Geheimdokumente, sondern haben sich offener Quellen bedient.

Fittipaldi: Aber auch die wollen gesichtet und interpretiert werden. Die Dokumente der australischen Royal Commission, die sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche ermittelt, zeigen: Pell hat Missbrauchsopfer auflaufen lassen, die Taten trotz besseren Wissens heruntergespielt und Beschwerden nicht adäquat behandelt.

Kardinal George Pell im März 2016 in Rom
REUTERS

Kardinal George Pell im März 2016 in Rom

SPIEGEL ONLINE: Sie illustrieren das an dem schockierenden Fall der Familie Foster aus dem australischen Bundesstaat Victoria. Die beiden Töchter Emma und Katie wurden Anfang der Neunzigerjahre Opfer eines notorischen Missbrauchstäters und zerbrachen an dem Trauma. Emma setzte ihrem Leben 2008 mit einer Überdosis Heroin ein Ende, ihre Schwester wurde alkoholkrank und ist nach einem schweren Autounfall 1999 gelähmt (Lesen Sie hier den Bericht der Royal Commission über den Fall).

Fittipaldi: Der damalige Erzbischof Pell hatte ein Treffen mit der Familie zunächst verweigert. Später soll er eine Entschädigung von umgerechnet 30.000 Euro angeboten haben, mit dem Hinweis: "Wenn Ihnen nicht gefällt, was wir tun, können Sie uns ja verklagen." Die Fosters nahmen das Geld an, bekamen später in einem Zivilprozess rund 533.000 Euro zugesprochen. Die Kirche hatte sich zuvor noch erfolgreich gegen solche Rechtsansprüche versichert und musste die Summe noch nicht einmal selbst berappen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben errechnet, dass die Diözese Melbourne zwischen 1996 und 2008 etwa 300 Opfer mit durchschnittlich etwa 20.000 Euro entschädigt hat.

Fittipaldi: Das machte im Jahr 2013 gerade mal 0,7 Prozent des Vermögens der Diözese Melbourne aus - lächerlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum zögert die Kirche Zahlungen hinaus oder versucht, die Summen so niedrig wie möglich zu halten?

Fittipaldi: Die Kirche zahlt nur, wenn es gar nicht anders geht. Die Verjährung ist ein großes Problem, es ist bekannt, dass Opfer von Sexualdelikten aufgrund ihrer Traumatisierung, der Scham und der Verdrängung erst nach sehr langer Zeit den Mut und die Kraft finden, Anzeige zu erstatten. Es war ein Verdienst des späteren Papstes Joseph Ratzinger, dass die Verjährungsfrist auf 20 Jahre ab Volljährigkeit erhöht wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Papst Franziskus? Immerhin hat er 2016 auf Anregung der Kinderschützer verfügt, dass Bischöfe bei Vertuschung von Sexualdelikten in Zukunft aus dem Amt entlassen werden können.

Fittipaldi: Wenn sie denn der Vertuschung überführt werden. Und wenn sich das zuständige Dezernat für solche Sanktionen starkmacht. Nein, der Papst schützt und protegiert Vertuscher. Ob er das aus Unwissenheit tut oder weil er ihr Verhalten nicht als Verbrechen empfindet - darüber will ich nicht spekulieren. Ich stelle anhand meiner Informationen fest: Die Vatikan-Propaganda in Sachen Missbrauch ist falsch. Es müssen konkretere Maßnahmen ergriffen werden, um Sexualverbrechen in der Kirche einzudämmen. Franziskus ist eine moralische Autorität, er sollte bei belastbaren Beweisen für Missbrauch nicht auf Entscheidungen der weltlichen Gerichte warten, sondern selbst tätig werden. Aber selbst der Papst kann innerhalb seiner Kirche nicht alles allein entscheiden. Es gibt Machtverhältnisse, die auch er akzeptieren muss.

SPIEGEL ONLINE: Warum verschleiert die Kirche weiter? Ist sie unfähig zu erkennen, dass die jahrhundertelang gelernte Intransparenz heute schädlich ist?

Fittipaldi: Die Angst vieler Geistlicher vor großen Skandalgeschichten in den Medien ist riesig. Sie glauben aus alter Gewohnheit, dass nur ein funktionierendes Schweigesystem die Kirche vor Enthüllungen schützen kann. Das funktioniert aber nicht mehr lückenlos, mit gravierenden Folgen: Immer mehr Katholiken verlassen die Kirche. In Italien allerdings scheinen Verdrängung und Vertuschung noch immer zu greifen: Obwohl mehr als 200 kirchliche Sexualstraftäter bekannt sind, gegen die ermittelt wird oder die bereits verurteilt wurden, bleibt ein Skandal wie in den USA oder Belgien aus.

SPIEGEL ONLINE: Ein Skandal war, dass Sie sich nach Ihren Vatileaks-2.0-Enthüllungen wegen Geheimnisverrats vor einem Kirchengericht verantworten mussten. Wie war das für Sie?

Fittipaldi: Surreal. Ich hatte das Gefühl, in einer Parallelwelt gelandet zu sein. Interessanterweise habe ich mein neues Buch geschrieben, während ich im Vatikan vor Gericht stand. Nachts sprach ich mit Missbrauchsopfern und tagsüber saß ich auf der Anklagebank - nur wenige Meter von Geistlichen entfernt, die nachweislich Sexualdelikte vertuscht haben. Absurd.



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