England Grafschaft will Prostituiertenbesuche im Pflegeheim verbieten

Menschen mit Behinderung haben Bedürfnisse, auch sexuelle. Um diese zu befriedigen, erlaubte ein Pflegeheim in England den Bewohnern, Prostituierte zu empfangen. Jetzt gibt es Probleme: Die Behörden der Grafschaft East Sussex empfinden diese Form der ganzheitlichen Pflege als "unangemessen".

Chaseley-Heim in Eastbourne: Ganzheitliche Pflege gewährleisten
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Chaseley-Heim in Eastbourne: Ganzheitliche Pflege gewährleisten


Eastbourne - In der Chaseley-Residenz im englischen Seebad Eastbourne werden Menschen mit neurologischen Erkrankungen betreut - von Rückenverletzungen über Schlaganfälle oder Gehirnschäden bis zu Multipler Sklerose und Parkinson. Die 55 Bewohner werden umfassend bei Laune gehalten: In dem idyllisch gelegenen Anwesen gibt es ein Kino, einen Fitnessbereich, barrierefreie Computerarbeitsplätze, eine Sonnenterrasse und einen Billardtisch. Es gibt Physio-, Sprach- und Verhaltenstherapie.

Und es gibt einen unkonventionellen Zusatzservice, der seinesgleichen sucht.

Unter der Bezeichnung "besondere Besuche" firmieren hier Stippvisiten von Sexarbeiterinnen. Das Pflegepersonal selbst bringt die Prostituierten auf die Zimmer der Interessenten. Um etwaige Störer abzuhalten, werden rote Socken an die Türklinken gehängt. Auch eine eher schlüpfrige Art der Gruppenaktivität soll es bereits gegeben haben: Zeitungsberichten zufolge wurden zwei Stripper aus London geladen, um Damen wie Herren eine Stunde lang mit lasziven Tänzen zu unterhalten. Das Ganze habe gerade einmal 100 Pfund (117 Euro) gekostet, meldete die "Daily Mail'' - gezahlt habe der Chaseley Trust, der die Einrichtung verwaltet.

Solche Dienste sind offenbar seit langem Standard in dem Heim, das vor allem von Ex-Soldaten bewohnt wird. Ein Sprecher der Grafschaft East Sussex jedoch erklärte, die Behörden seien erst jetzt auf die fragwürdige Praxis aufmerksam geworden und hätten nun eine Untersuchung eingeleitet, weil man befürchte, dass wehrlose Heimbewohner Ausbeutung und Missbrauch ausgesetzt würden. Man habe die örtliche Zweigstelle der Multi-Agency Safeguarding Adults Policy and Procedures damit beauftragt, den Fall unter die Lupe zu nehmen, hieß es. Die unabhängige Londoner Agentur setzt sich für die Rechte und den Schutz von Pflegebedürftigen ein.

Schäferstündchen mit Therapiefunktion

Die Leiterin des Altenheims, Sue Wyatt, bestätigte, dass Huren im Haus willkommen seien. Sie würden über einen Mittelsmann bestellt, der beide Parteien miteinander in Kontakt bringe. Bezahlt würden die Call Girls von den Interessierten selbst. "Die Leute haben Bedürfnisse. Wir respektieren unsere Bewohner als Individuen, deshalb helfen wir dabei, solche Besuche möglich zu machen", so Wyatt.

Der britischen "Sun" zufolge sollen körperlich oder geistig Behinderte aus sexuellem Frust in der Vergangenheit das Personal belästigt oder begrapscht haben. Das Personal würde durch die Besuche der Prostituierten entlastet, das Konzept sei in gewisser Weise therapeutisch. Die ehemalige Leiterin des Heims, Helena Barrow, verteidigte laut "Daily Mail" das Vorgehen: "Wenn ein Bewohner eine Sexarbeiterin anruft und sie bittet, vorbeizukommen, weil er sexuell frustriert ist oder keinen Partner hat, dann ist das seine Sache", sagte sie. Es sei die Aufgabe des Personals, dafür zu sorgen, dass solche Menschen ein normales Leben führen könnten. "Und wenn sie das Personal bitten, die Nummer der Sexarbeiterin zu wählen, weil sie es selbst nicht können, dann sehe ich darin nichts Falsches."

"Sexarbeiter sind gesetzlich befugt, mit Menschen Sex zu haben, das Pflegepersonal darf das mit unseren Bewohnern nicht. Wenn wir den Menschen unsere Unterstützung versagten, würden wir sie nicht ganzheitlich betreuen."

Auch Tuppy Owens von der Interessenvertretung "Allianz für sexuelle Gesundheit und Behinderung" hat wenig Verständnis für die Befürchtungen der Behörden in East Sussex: "Viele Menschen mit Behinderungen leben in permanenter sexueller Frustration. Ich halte es für illegal, dass ihnen ihre Menschenrechte aberkannt werden."

Der Chaseley Trust wurde 1946 gegründet, nachdem eine gewisse Lady Michaelis die Immobilie und 50.000 Pfund zur Verfügung gestellt hatte. Ursprünglich sollte die Einrichtung blinde Kriegsveteranen beherbergen. Noch heute sind viele Ex-Soldaten unter den Bewohnern, das Haus steht aber Menschen aus allen Berufsgruppen offen.

ala

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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
Senore 29.01.2013
1. Gut
Zitat von sysopGoogle Street ViewMenschen mit Behinderung haben Bedürfnisse, auch sexuelle. Um diese zu befriedigen, erlaubte ein Pflegeheim in England den Bewohnern, Prostituierte zu empfangen. Jetzt gibt es Probleme: Die Behörden der Grafschaft East Sussex empfinden diese Form der ganzheitlichen Pflege als "unangemessen". http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/england-east-sussex-will-prostituierte-im-pflegeheim-verbieten-a-880292.html
Ich kann diese Regelung nur gutheißen! Jeder Mensch hat Bedürfnisse, auch Behinderte. Wer sind wir einem Menschen die Erfüllung dieser Bedürfnisse zu verweigern. Es muss natürlich sichergestellt sein dass die Bewohner weder finanziell ausgebeutet, noch gegen ihren Willen sexuell missbraucht werden. Solange das sichergestellt ist sollte man die Begegnungen nicht verhindern, sondern als Teil der Fürsorge sogar eher fördern.
caecilia_metella 29.01.2013
2. Menschenrecht auf Prostituierte?
Gibt es das auch schon? Ich würde dann doch deutlicher und weniger weltfremd schreiben: Mänschenrecht. (Vorsicht, es könnte Ihre wohlerzogene Tochter sein.) Ist das eigentlich eine demokratische Behörde? Oder eine, die man der Monarchie zuordnen sollte?
AusVersehen 29.01.2013
3.
Zitat von sysopGoogle Street ViewMenschen mit Behinderung haben Bedürfnisse, auch sexuelle. Um diese zu befriedigen, erlaubte ein Pflegeheim in England den Bewohnern, Prostituierte zu empfangen. Jetzt gibt es Probleme: Die Behörden der Grafschaft East Sussex empfinden diese Form der ganzheitlichen Pflege als "unangemessen". http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/england-east-sussex-will-prostituierte-im-pflegeheim-verbieten-a-880292.html
Als ob behinderte Menschen es nicht schon schwer genug hätten. Jetzt will man ihnen sogar schon verbieten Sex zu haben. Ich bin mir sicher in kirchlichen Pflegeheimen in D sieht es nicht anders aus. Der Mensch ist prädistiniert dafür, aus Gründen einer wahnsinnigen Moralvorstellung anderen Leuten ihre eigene kranke Meinung aufzwingen zu wollen und dabei besonders gerne Unmenschlichkeit walten zu lassen.
marthosch 29.01.2013
4. Sex gehört zum Leben
Solange diese Menschen ihren Willen äussern können ist es ein Menschenrecht auch Sexualität leben zu dürfen. Leider wird es immer verklemmte Moralapostel geben die glauben sie müssten den Anderen ihre Vorstellung einer Lebensführung aufzwingen. Hoffentlich macht dieses Beispiel Schule. Auch alte und behinderte Menschen haben sexuelle Bedürfnisse die befriedigt sein wollen. Solange niemand missbraucht oder ausgebeutet wird spricht nichts dagegen.
gerd33 29.01.2013
5. Ist nun einmal so ....
Zitat von sysopGoogle Street ViewMenschen mit Behinderung haben Bedürfnisse, auch sexuelle. Um diese zu befriedigen, erlaubte ein Pflegeheim in England den Bewohnern, Prostituierte zu empfangen. Jetzt gibt es Probleme: Die Behörden der Grafschaft East Sussex empfinden diese Form der ganzheitlichen Pflege als "unangemessen". http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/england-east-sussex-will-prostituierte-im-pflegeheim-verbieten-a-880292.html
Die Problematik kenne ich seit meinem Medizinstudium. Es ist aber traurig, dass die Sexualität von Behinderten und Senioren tabuisiert und stigmatisiert wird. Prostitution in Pflegeeinrichtungen entlastet das Personal, vermeidet anzügliche Bemerkungen gegenüber dem Pflegepersonal und ist für ältere Prostituierte eine Möglichkeit, ein kleines Zubrot zu verdienen. Klar ist natürlich, dass die überwiegend kirchlichen bzw. katholischen Träger einen solchen Service verbieten möchten und den Heimbewohnern statt dessen mit gemeinsamen Gebeten helfen wollen. Grundsätzlich haben Heimbewohnner auch Menschenrechte - und dazu gehört nun einmal auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.
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