Entlarvende Schriften Auch deutsche Piusbrüder hetzen gegen Juden

Antisemitische Äußerungen finden sich auch in Veröffentlichungen der deutschen Piusbrüder. Bei der Auswertung Hunderter Texte stieß das TV-Magazin "Report Mainz"auf Belege dafür. Auch dem SPIEGEL liegen solche Dokumente vor. Der Zentralrat der Juden ist empört.


Mainz - Laut "Report Mainz" heißt es zum Beispiel in einer im Jahr 2000 verbreiteten Schrift der Piusbruderschaft: "Es unterliegt keinem Zweifel, dass jüdische Autoren an der Zersetzung der religiösen und sittlichen Werte in den zwei letzten Jahrhunderten einen beträchtlichen Anteil haben."

Piusbruder Williamson: Eingetroffener Fluch
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Piusbruder Williamson: Eingetroffener Fluch

An anderer Stelle werde formuliert: "Das Ausleihen von Geld gegen hohe Zinsen und der so betriebene Wucher (...) machten die Juden verhasst." Der Distriktobere der Piusbruderschaft für Deutschland, Pater Franz Schmidberger, sagte in einem Interview des ARD-Magazins: "Ein bisschen etwas Wahres ist da schon dran." Anliegen der Bruderschaft sei es aber, "mit allen Menschen, auch mit den Juden, ein friedliches Zusammenleben zu pflegen".

Doch daran kann man zweifeln.

"Das jüdische Volk war einmal das auserwählte", heißt es nach SPIEGEL-Informationen in der allerneuesten Februar-Titelgeschichte des "Mitteilungsblattes für den deutschen Sprachraum". "Bei seiner ersten Ankunft hat sich aber die Masse des Volkes dem Messias verweigert." Deswegen sage die Bibel: "Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder." Es wurde erst Ende vergangener Woche veröffentlicht - lange Zeit nach dem Eklat um Holocaust-Leugner Williamson.

Im deutschen Piusbrüder-Zentralorgan heißt es weiter: "Und dieser furchtbare Fluch ist eingetroffen. Die Juden wurden aus ihrem Land vertrieben, vielmals abgelehnt und noch bis in unsere Zeit verfolgt." Deshalb müsse "das Judentum als Volk sich zu Christus bekehren". So sei die "allgemein theologische Lehre", denn: "Einmal wird die Barmherzigkeit Gottes auch über den Starrsinn und die Blindheit des jüdischen Volkes triumphieren."

Das sei keine ethnische, sondern eine religiöse Aussage, rechtfertigte Schmidberger nun die entsprechende Passage gegenüber "Report Mainz": Schon der Heilige Paulus spreche "von einem Schleier, der über dem jüdischen Volk liegt (...) und dass sie so gehindert sind, den Erlöser, den Messias anzuerkennen und anzunehmen".

Der Papst und die Piusbruderschaft
Papst
Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .
Römische Kurie
Die wichtigste politische Einrichtung der römischen Kurie ist das Staatssekretariat , das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der Kardinalstaatssekretär – derzeit Tarcisio Bertone . Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die neun Kurienkongregationen , die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur , die Apostolische Pönitentiarie und die Rota Romana .
Außerdem setzt der Heilige Stuhl Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die Apostolische Kammer , die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls .
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das Vatikanische Archiv , die Vatikanische Bibliothek und Radio Vatikan .
Piusbrüder
Die Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche . Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt Religionsfreiheit und Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum Schisma . Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation auf.
Antisemitismus
Leitende Brüder der konservativen Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden kollektiv schuld am "Gottesmord" , der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des Antisemitismus .
Indem Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof Richard Williamson : Er hatte in einem TV-Interview den Holocaust und die Existenz von Gaskammern geleugnet.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, erklärte dazu: "Ich habe mit Erschrecken feststellen müssen, dass diese Piusbruderschaft antisemitisch eingestellt ist." Zwar nicht im Sinne Williamsons, "aber Williamson ist die Spitze eines Eisberges und die Piusbruderschaft stellt sozusagen das Meer dar, in dem dieser Eisberg schwimmt".

Grundlage des Gedankengutes der Priesterbruderschaft seien sehr alte Vorurteile gegen Juden: "Auf der Grundlage dieses religiös motivierten Ansatzes, der nun Jahrhunderte alt ist, ist der eliminatorische Antisemitismus gewachsen. Und wir haben diesen Gedanken das nationalsozialistische Menschheitsverbrechen zu verdanken."

Bei den Recherchen zu den Piusbrüdern kam auch heraus, dass Schmidberger im Oktober 2001 in einem Vortrag sagte, eine Kreuzschändung, bei der dem Heiland etwa ein Arm abgerissen werde, sei objektiv eine schwerere Sünde als die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York. Im Interview bestätigte er diese Äußerung und verteidigte sie - Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, bezeichnete sie dagegen als inakzeptabel.

jdl/AP



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