Entlassung in Goslar Kaltgestellt statt gleichgestellt

Der Stadtrat von Goslar beruft die Gleichstellungsbeauftragte ab - weil sie sich angeblich zu sehr für Männer einsetzt. Um Abstrafung sei es dabei nicht gegangen, sagt die Bürgermeisterin. In der Stadt ist ein Glaubenskrieg entbrannt.

Abberufene Ebeling: Einseitige Themensetzung?
dapd

Abberufene Ebeling: Einseitige Themensetzung?

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Goslar - Gewalt ist schlecht, wenigstens darin sind sie sich einig. Doch wie man diese Botschaft zur Kinderschutzwoche im September am besten auf Brötchentüten dokumentiert - darüber streitet Goslar. Es gibt einen Vorschlag für den Aufdruck. Er lautet: "Gewalt gegen Frauen und Kinder kommt nicht in die Tüte."

Das schien Monika Ebeling, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, unausgewogen, weil ihrer Ansicht nach so Männer und Väter nur noch als Täter übrig blieben. Zudem stellte sie sich die Frage, warum bei einer Kinderschutzwoche Frauen mit auf den Aufdruck sollten. Nur Kinder - und die Sache wäre wunderbar geschlechtsneutral gewesen.

Also rief Ebeling bei den Sponsoren der Aktion an und wies auf ihre Bedenken hin. Aufgefordert, die Tüten-Aktion zu boykottieren, habe sie nicht, sagt sie. Rüdiger Wohltmann, Linken-Fraktionschef im Stadtrat, meint dennoch, Ebeling habe die Aktion "madig" gemacht.

Die Tüten-Episode ist ein Kapitel der langen Auseinandersetzung, die Ebeling am vergangenen Dienstag ihren Job als Goslars Gleichstellungsbeauftragte kostete. An dem Tag berief der Stadtrat das SPD-Mitglied auf Antrag von Wohltmanns Linken mit 25 zu zehn Stimmen ab. Fünf Ratsmitglieder enthielten sich.

Gleichstellungsarbeit: Eine für alle?

Ebeling musste gehen, weil sie ihre Arbeit nach Ansicht der Kritiker zu einseitig auf Männer konzentrierte und andere Bereiche vernachlässigte. Zudem habe Ebeling mangelnde Team- und Kommunikationsfähigkeit sowie wenig Präsenz in Ausschusssitzungen gezeigt.

Dass Frauen und Männer gleiche Chancen haben sollen - darüber sind alle Beteiligten einig. Doch der Fall Ebeling zeigt, wie unterschiedlich die Auffassungen sind, wenn es darum geht, diesen grundgesetzlich verankerten Auftrag umzusetzen. Im Fokus der Gleichstellungsarbeit zu stehen, bedeutet, benachteiligt zu sein, und sei es auch nur gefühlt. Damit gehen Aufmerksamkeit, Geld und gegebenenfalls der Neid anderer Gruppen einher, die aus dem Blickfeld geraten. Gleichstellungsarbeit - für wenige, für viele oder für alle?

Die Frage nach dem Weltbild

Seit 2008 war Ebeling mit einer halben Stelle Gleichstellungsbeauftragte. Mit einem weiteren Halbtagsjob leitete die 51-Jährige einen Kindergarten. Sie weist die Vorwürfe ihrer Kritiker zurück. "Ich habe meine Arbeit gut gemacht, sie war in der Balance", sagt sie SPIEGEL ONLINE. Dass sie sich ausschließlich um Männerthemen gekümmert habe, liege im Auge der Betrachter. Auch den Vorwurf mangelnder Präsenz findet sie "ein bisschen frech" - angesichts der halben Stelle.

Gleichstellung ist in Deutschland fest verankert. Es gibt ein dichtes Netz von Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, von Beratungsstellen und Gruppen in Gewerkschaften und Institutionen. Die meisten leben davon, für die Gleichstellung der Frau zu kämpfen, schon aus ihrer Geschichte heraus.

Allzu viel Aufmerksamkeit für Männer und Jungen würden das eigene Selbstverständnis und die eigene Arbeit in Frage stellen. Ihre Kritiker, sagt Ebeling, seien der Auffassung, Gleichstellungsarbeit solle sich um Frauen kümmern. "Ich verkörpere ein anderes Weltbild."

Irgendwann den Stöpsel ziehen

"Gleichstellungsarbeit heißt nicht, dass man sich nur Männern widmet. Das hat Frau Ebeling getan", sagt Linken-Fraktionschef Wohltmann. Goslars Bürgermeisterin Renate Lucksch, wie Ebeling SPD-Mitglied, sagt: "Es ging nicht um Abstrafung, sondern um Lösung eines Problems." Ebeling habe ihre Arbeit auf Männer konzentriert, insbesondere auf geschiedene Väter, die ihre Kinder nicht sehen dürfen. "Die haben mit Frau Ebeling eine Ikone gefunden, die sie vor sich hertragen", sagte Lucksch. Man habe Ebeling zu verstehen gegeben, wenn sich nichts ändere, "können wir es nicht durchtragen".

Dass ihre geschlechtsspezifische Fokussierung auf Männer kritisiert werde, wundert Ebeling. Die Schwerpunktsetzung "ist die Freiheit einer Gleichstellungsbeauftragten". Tatsächlich legt die niedersächsische Gemeindeordnung fest, dass Gleichstellungsbeauftragte nicht weisungsgebunden sind.

Und: Hätte sie sich statt um Männer beispielsweise um Migrantinnen gekümmert - "das wäre ohne Probleme durchgegangen". Durch ihre Arbeit für Männer hätten einige "feministisch in den Achtzigern stehengebliebene" Frauen das Gefühl gehabt, "die Pfründe werden ihnen weggenommen".

Dabei muss es ums Prinzip und nicht ums Geld gegangen sein. Der Etat für Gleichstellungsarbeit in Goslar beträgt nur wenige tausend Euro pro Jahr.

"Der Fall Ebeling ist ein Glaubenskrieg und wird auch einer bleiben"

Alteingesessene Feministinnen der Alice-Schwarzer-Generation, die ihre Ideen gegen die aus ihrer Sicht verfehlten Aktionen der Gleichstellungsbeauftragten verteidigen?

"Das ist Quatsch", sagt Ulrike Hoffmann-Bürrig. Sie ist Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros Niedersachsen. Frauen seien nun mal in mehr Bereichen benachteiligt als Männer. Ebelings Abberufung sei ein "normaler Vorgang" und die "Ratsentscheidung nachvollziehbar" - auch wenn sie zugibt, dass ein derartiger Abgang "bei Gleichstellungsbeauftragten selten vorkommt".

Müsste die Community der Gleichstellungsbeauftragten nicht aushalten, dass jemand wie Ebeling andere Schwerpunkte setzt? "Das hält sie ja aus", sagt Hoffmann-Bürrig. Aber es sei zu einfach zu sagen, "man hat sich jetzt jahrelang um Frauen gekümmert, jetzt sind mal die Männer dran".

Das sieht Frank Schober, Fraktionschef der CDU-Fraktion im Stadtrat, anders. Neun der zehn Stimmen für Ebelings Verbleib kamen von männlichen CDU-Stadträten, deren drei weibliche Kolleginnen für die Abberufung stimmten. "Wir waren der Meinung, dass Frau Ebeling ihre Arbeit korrekt gemacht hat", sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Frank Schober. In jedem Fall sei es "vollkommener Quatsch", dass sich Ebeling nur für Männer eingesetzt habe. "Da wird ein Mensch öffentlich geschlachtet."

Es gebe eine ideologische Auseinandersetzung zwischen denen, die Gleichstellungsarbeit als Frauenarbeit begriffen, und jenen, für die sie Arbeit für beide Geschlechter beinhalte. "Der Fall Ebeling ist ein Glaubenskrieg und wird auch einer bleiben."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Pinarello, 21.05.2011
1. Kleine Korrektur.
Zitat von sysopDer Stadtrat von Goslar beruft die Gleichstellungsbeauftragte ab - weil sie sich angeblich zu sehr für*Männer einsetzt. Um Abstrafung sei es dabei nicht gegangen, sagt die Bürgermeisterin. In der Stadt ist ein Glaubenskrieg entbrannt. Entlassung in Goslar: Kaltgestellt statt gleichgestellt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,763832,00.html)
Kleine Korrektur werter SPON, lt. Aussage des Artikels wurde die Frau nicht abberufen, weil sie sich zu sehr für Männer einsetzt, die gute Frau wurde abgesetzt, weil sie sich überhaupt für Männer einsetzt.
Christian Krippenstapel 21.05.2011
2. War doch klar!
Zitat von sysopDer Stadtrat von Goslar beruft die Gleichstellungsbeauftragte ab - weil sie sich angeblich zu sehr für*Männer einsetzt. Um Abstrafung sei es dabei nicht gegangen, sagt die Bürgermeisterin. In der Stadt ist ein Glaubenskrieg entbrannt. Entlassung in Goslar: Kaltgestellt statt gleichgestellt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,763832,00.html)
Und da ist sie wieder, die häßliche Fratze des Feminismus: "Gleichstellung" meint Bevorzugung, "Emanzipation" meint Chauvinismus und "Rechte der Frau" meint Entrechtung von Männern und Kindern. Und wehe irgendjemand kommt auf die Idee, am Dogma der armen, unterdrückten, geknechten Frau zu kratzen! Na, das Ergebnis erleben wir ja gerade. Merke: Frau = Opfer, Mann = Täter, Gewalt = männlich, Frau = gut. SO sieht es aus und nicht anders! Um das mit Leben zu füllen seid Ihr da, liebe "Gleich"-stellungsbeauftragte, klar?
MaxiScharfenberg 21.05.2011
3. Tabu
Zitat von sysopDer Stadtrat von Goslar beruft die Gleichstellungsbeauftragte ab - weil sie sich angeblich zu sehr für*Männer einsetzt. Um Abstrafung sei es dabei nicht gegangen, sagt die Bürgermeisterin. In der Stadt ist ein Glaubenskrieg entbrannt. Entlassung in Goslar: Kaltgestellt statt gleichgestellt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,763832,00.html)
Für Rechte der Männer darf man sich in diesem Land nicht einsetzen. Es wird dadurch das Tabu verletzt, dass nicht darüber gesprochen werden darf, dass die modernen Frauen dadurch emanzipiert sind, dass sie die vermeintlichen Vorrechte der Männer und die der Frauen gleichermaßen zum eigenen Vorteil auszunutzen pflegen. So, wie es gerade passt. Maxi Scharfenberg
JensS 21.05.2011
4. -
Tja. Diese Gleichstellungsbeauftragte war wahrscheinlich gut informiert und ihr war eben die Tatsache bekannt, daß Frauen in Punkto häusliche Gewalt den Männern in nichts nachstehen: http://www.buergerimstaat.de/1_03/gewalt.htm Wenn man das weiß, dann kommen einem Brötchentüten die so tun als wären nur Frauen und Kinder Opfer und Männer nur die Täter, ziemlich verlogen vor.
BrucyLee 21.05.2011
5. Dass das Gleichstellungsverständnis der Linken
durch ihre Verhaftung in der DDR Tradition etwas verschroben ist, wundert Niemanden. Dass die SPD und eventuell auch andere das mittragen, ist ein Armutszeugnis !!!
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