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Entschädigung für Heimkinder: "Da müssen wir uns schämen"

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Mit 120 Millionen Euro aus einem Hilfsfonds sollen Hunderttausende Menschen entschädigt werden, die als Kinder in Heimen misshandelt wurden. Die Opfer sind verbittert: Es könnte noch Jahre dauern, bis die Summen ausgezahlt werden - für viele kommt das Geld bereits zu spät.

Nonnen des Vincenzheims Dortmund: "Kollektive Verantwortung" Zur Großansicht
Archiv Vincenzheim

Nonnen des Vincenzheims Dortmund: "Kollektive Verantwortung"

"Man hat etwas erreicht, aber nicht das, was man will", so sei das ja oft in der Politik, sagte die SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier, Moderatorin der Pressekonferenz des Vereins ehemaliger Heimkinder, als sie nun - nach langjährigem Ringen um Wiedergutmachung und Entschädigung - ihr Fazit zog.

120 Millionen Euro, so das Verhandlungsergebnis des Runden Tisches Heimerziehung, sollen in einen Finanztopf für die Opfer von Misshandlung in Kinderheimen fließen. Andere Staaten hätten ihren Opfern mehr gegeben, meinte Matthäus-Maier, "da müssen wir uns schämen".

Der Weg hin zu diesem Dezembermontag 2010, an dem der Abschlussbericht nach zweijähriger Beratung vorgelegt wurde, war lang: Vor sieben Jahren hatte eine SPIEGEL-Reportage das Thema auf die Agenda gesetzt, 2006 erschien das SPIEGEL-Buch "Schläge im Namen des Herrn" mit Berichten von Betroffenen und machte ihr Schicksal weithin bekannt.

Dann nahm sich erstmals in seiner Geschichte der Petitionsausschuss des Bundestags vor, in Form von Anhörungen dem vergessenen Problem nachzugehen. Er begann trotz erheblichen Unwillens der Kirchen, des Familienministeriums und der Unionsparteien mit einer ersten, offiziellen Bestandsaufnahme des Unrechts an Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

"Kollektive Verantwortung der ehemaligen Betreiber"

Nach zwei Jahren empfahl er seine Arbeit an den Runden Tisch weiter, dieser empfiehlt nun seine Vorschläge dem Bundestag und den Länderparlamenten. Das wird mindestens noch zwei weitere Jahre dauern.

Mit anderen Worten: Die Geduld der Heimkinder wird weiter arg strapaziert, die Chance, noch zu Lebzeiten in den Genuss einer Entschädigung zu kommen, verringert sich weiter.

Es gibt aber Dinge, die erreicht worden sind, von denen die Heimkinder vor sieben Jahren nicht annahmen, dass sie sich jemals für sie ändern würden.

Die erste Frau, die dem SPIEGEL damals von ihren schlimmen Jahren bei den "Barmherzigen Schwestern" im Dortmunder Vincenzheim berichtete, war Gisela Nurthen. Sie hatte noch gesagt, sie wage nicht über ihre Erlebnisse zu sprechen, weil ihr sowieso niemand Glauben schenke. Das ist vorbei. Der Runde Tisch mit all seinen Vertretern von Orden, Kirchen oder Landesjugendämtern erklärt ausdrücklich, "den Schilderungen der Heimkinder wird geglaubt".

Antje Vollmer, die das Gremium moderierte, bekannte: "Es gab sehr viele Orte des Bösen, in denen auf allen Stufen Unrecht geschehen ist." Und sie hielt fest: "Es gab ein System der Heimerziehung und heute muss es dafür eine kollektive Verantwortung der ehemaligen Betreiber geben."

"In zwei Jahren haben wir wohl immer noch nichts"

Im "System Heimerziehung" sei den Kindern Unrecht und Leid zugefügt worden. Dieses Unrecht, heißt es nun als Empfehlung, "wird von hoher Stelle in Staat und Kirche öffentlich als Unrecht anerkannt. Von denselben Stellen wird öffentlich eine Bitte um Verzeihung ausgesprochen." Die in der damaligen Heimerziehung geschehenen Grundrechtsverletzungen "werden ausdrücklich als Menschenrechtsverletzungen anerkannt". Gedenktafeln sollen angebracht, eine zentrale Gedenkstätte geschaffen werden, Ausstellungen und Aufarbeitungen aller Art erfolgen. Heimerziehung war ein Unglück, kein persönlicher Makel.

So weit so gut, sagen die "Ehemaligen"; sie durften die Präsentation des Berichts außerhalb des Saals der Bundespressekonferenz verfolgen. Doch Zufriedenheit herrscht bei ihnen nicht. "Es sind doch alles nur Empfehlungen", sagt ein Betroffener. "Wir dürfen weiter warten, denn ehe die versprochene Stiftung mit ihren Anlaufstellen in Bundesländern arbeiten kann, bedarf es der Beschlüsse sämtlicher Länderparlamente. 2011 sind aber etliche Landtagswahlen, in zwei Jahren haben wir wohl immer noch nichts."

Der Vertreter der Bundesländer auf der Pressekonferenz will es auch nicht beschönigen: "Das letzte beteiligte Länderparlament bestimmt, wann die Stiftung wirklich gegründet wird." Viele Ehemalige haben die durchaus berechtigte Angst, all das nicht mehr zu erleben. Gisela Nurthen ist, wie viele andere Mitstreiter, inzwischen bereits verstorben.

"Mit gar nichts wollte ich nicht zurückfahren"

Die seit Monaten von Betroffenen kritisierte Antje Vollmer hat versucht, die Gemüter zu beruhigen: Anträge auf finanzielle Leitungen können ab sofort vorläufig bei der Anlaufstelle des Runden Tisches gestellt werden. Bis Februar gibt es sie noch, die Länder hätten "signalisiert", die Stelle noch bis in den Sommer weiter zu finanzieren. Die Länder müssten jetzt nur "zügig die Beratungen aufnehmen, zügig die Mittel bereitstellen". Wenn 120 Millionen Euro nicht reichen, müsse nachgeschossen werden, "es gibt keine festgeschriebene Obergrenze für den Fonds".

Die Heimvertreter bemängeln zu Recht, dass die Firmen, für die die Kinder zwangsweise arbeiten mussten, bisher nicht in den Fonds einzahlen. Vollmer verspricht immerhin, "keine bürokratischen Nachweise" seien nötig. Die Betroffenen müssten ihre Berechtigung nur "einigermaßen glaubhaft" machen.

Was das einmal konkret bedeuten wird? Vieles ist im Vagen und Ungefähren geblieben. Die Gefühlslage unter den Ex-Heimkindern, die beim dramatischen Ringen um die letzte Fassung des Abschlussberichts am Runden Tisch mit dabei waren, schwankte, wie ein Beteiligter sagt, "zwischen Nötigung und Erpressung".

Die Vereinsvorsitzende, Monika Tschapek-Güntner, sagte, sie habe das Gefühl gehabt, bei den Verhandlungspartnern auf eine Haltung nach dem Motto "Wenn ihr das nicht wollt, gibt es gar nichts!" zu stoßen. Ihr Mistreiter Jürgen Beverförden ergänzt: "Mit gar nichts wollte ich nicht zurückfahren." Es klingt wie eine Entschuldigung.

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insgesamt 126 Beiträge
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1. Wer zahlt die 120 Millionen Euro Entschädigung?
Knackeule 13.12.2010
Der SPON-Artikel von Peter Wensierski enthält viel weinerliches BlahBlah, woher aber die vorerst vereinbarten 120 Millionen Euro Entschädigung ("wenns nicht reicht, wird nachgeschossen") kommen, wird nicht erklärt. Ich fürchte, da ist auch der Steuerzahler mit dabei. Dabei ist doch klar, dass Verursacher, Täter und Nutznießer hier herangezogen werden müssen, also vor allem die Kirchen, die diese Heime eingerichtet und betrieben haben.
2. ..
KV491 13.12.2010
Gerade haben wir des Kniefalls von Warschau gedacht. Vom nötigen Kniefall der höchsten Kirchenrepräsentanten beider Konfessionen wegen der Verbrechen an den Heimkindern sind wir noch weit entfernt. Solange es kein umfassendes und bedingungsloses Schuldeingeständnis gibt - verbunden mit einer angemessenen und schnellen Entschädigungslösung - verbleibt dieser Schandfleck auf dem Ansehen beider Kirchen. Solange die Kirchen nicht zugeben, bis heute nicht zu wissen, wie es zu diesen Verbrechen kommen konnte und deswegen auch bis heute nicht gewährleisten zu können, dass sich nicht Ähnliches wiederholt, sind wir keinen Schritt weiter. Höchste Anerkennung gebührt den ehemaligen Heimkindern, die den Anfang vom Ende dieser Verbrechen mit ihren Aussagen überhaupt erst möglich gemacht haben.
3. Auskünfte wären hilfreich
NormanR, 13.12.2010
Wo kann man Ansprüche anmelden? Was für Unterlagen werden benötig?? Dies hat noch keiner angesprochen/gesagt!! In der Tagesschau sagte Fr. Matthäus-Meier: die irische katholische Kirche zahlte 200 Mio Euro, obwohl viel weniger Katholiken in Deuschland. Und hier: ev. 20 Mio, kath. 20 Mio. Bißle sehr mickelig, wenn man bedenkt, daß die Mehrheit der Heime damals in kirchlicher Hand waren und was die Kirchen für Steuergelder kriegen jährlich. Nämlich 17 Mia. Euro!!! Schande über Euch Kirchen.
4. Staatliche Heime waren nicht besser
Rübezahl 13.12.2010
Zitat von sysopMit 120 Millionen Euro*aus einem Hilfsfonds*sollen Hunderttausende Menschen entschädigt werden, die als Kinder in Heimen missbraucht wurden. Die Opfer sind verbittert: Es*könnte noch Jahre dauern, bis die Summen*ausgezahlt*werden - für viele kommt*das Geld bereits zu spät. * http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,734388,00.html
Ich habe die Erzieherin, die mich durch andere Kinder, jeden Sonnabend unter die eidkalte Dusche zwang und damit quälte,später im Leben aufgesucht. Doch da stand eine alte Frau vor mir- ich hätte ihr trotzdem eine "Kleben" sollen. Nur ich konnte es nicht. Auch die staatlichen Jugendheime haben sich Verfehlungen vorwerfen zu lassen. Nicht umsonst bin ich damals weggelaufen.
5. Kirche = organisiertes Verbrechen
abfallverwertung 13.12.2010
In der Tat müssen sich Staat und Kirche schämen. Wie wäre es, wenn man die illegale Kirchensteuer nicht der Kirche gäbe, sondern den Opfern der Kirche? Das wäre doch mal was Sinnvolles, außer den christlichen Verbrecherverein zu fördern.
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