Entschädigung für Missbrauchsopfer US-Erzdiözese ist pleite

Es ist die Folge des sexuellen Missbrauchs von Kindern: Ein Bistum der katholischen Kirche im US-Bundesstaat Wisconsin hat wegen hoher Schadensersatzforderungen Insolvenz anmelden müssen - 700.000 Gläubige hoffen auf einen Neuanfang.

Milwaukees Erzbischof Listecki: "Eine Insolvenz ist ein dramatischer Schritt"
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Milwaukees Erzbischof Listecki: "Eine Insolvenz ist ein dramatischer Schritt"


Washington - Die Nachricht kam per Videobotschaft: "Eine Insolvenz ist ein dramatischer Schritt, birgt aber auch die Möglichkeit für einen Neubeginn", sagte der Erzbischof von Milwaukee, Jerome Listecki.

Als Folge des sexuellen Missbrauchs von Kindern hat ein US-Bistum der katholischen Kirche wegen hoher Entschädigungszahlungen Insolvenz anmelden müssen. Die Erzdiözese im US-Bundesstaat Wisconsin ist mit ihren knapp 700.000 Gläubigen nicht mehr zahlungsfähig, wie das Bistum mitteilte. Die Entschädigungszahlungen an Opfer überstiegen das Budget der Diözese.

Ihren Finanzunterlagen zufolge sieht sich der Kirchenbezirk 13 Klagen wegen Missbrauchs gegenüber. Versuche, Vergleiche mit Betroffenen auszuhandeln, scheiterten. Ein weiterer Schlag für die Erzdiözese war im November ein Urteil eines Berufungsgerichts in Wisconsin. Es entschied, dass sich Versicherungsunternehmen an der finanziellen Entschädigung von Missbrauchsopfern nicht beteiligen müssen. Die Erzdiözese muss die Schadenersatzforderungen damit allein tragen.

Seit 2002 mussten bereits sieben andere US-Diözesen aus demselben Grund Insolvenz anmelden. Die Skandale hatten die Katholiken in den USA in eine tiefe Krise gestürzt. Die Missbrauchsfälle kamen durch eine Reihe von Berichten des "Boston Globe" ans Licht. 2004 zog ein Report der US-Bischofskonferenz ein erschütterndes Fazit: Von 1950 bis 2004 bestätigten sich 6700 Missbrauchsvorwürfe gegen 4392 US-Priester. Die Opfer waren zwischen elf und 17 Jahren alt. 3300 Priester waren bereits verstorben, von den restlichen wurde gegen 384 ermittelt, 252 wurden verurteilt, hundert kamen ins Gefängnis - nur zwei Prozent der insgesamt Beschuldigten.

Der Gläubigerschutz solle es der katholischen Kirchenprovinz von Milwaukee nun ermöglichen, seine Verpflichtungen gegenüber den Opfern "gerecht zu erfüllen", teilte Erzbischof Listecki mit. Die Erzdiözese wolle "verfügbare Mittel nutzen, um Opfer mit ungelösten Forderungen in einem von einem Gericht überwachten Prozess zu entschädigen".

In den vergangenen 20 Jahren habe das Bistum bereits über 29 Millionen Dollar Entschädigung an Missbrauchsopfer gezahlt, sagte Listecki. Unter anderem sei 200 Opfern geholfen worden, die von 1954 bis 1974 in einer Schule für Gehörlose von einem Priester missbraucht wurden.

Die geordnete Insolvenz soll auch sicherstellen, dass die Arbeit sozialer Kircheneinrichtungen wie Krankenhäuser und Kindergärten weiterlaufen. Der Neubeginn solle helfen, die eigentliche Mission der Kirche fortzusetzen, hofft der Bischof.

wit/dpa/AFP



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jenzy 05.01.2011
1. demut!
ein bisschen weniger gold und edelsteine zur schmückung der schafshirten und derer arbeitsgeräte würde bestimmt auch schon ein wenig weiterhelfen. vermutlich eher werden jetzt eindringliche sonntagsapelle bezüglich der kollekte an die kirchgänger von der kanzel gepredigt und es geht den schafen an die wolle.
jp' 05.01.2011
2. ...
auch wenn das amerikanische schadensersatz system einige nachteile hat ist es bei den missbrauchsfällen ein ganz gutes mittel um gegen die kirche vorzugehen. schliesslich trifft es die kirche genau da, wo es ihr am meißten weh tut. von mir aus kann der vatikan pleite gehen, aber das wird wohl nicht passieren, genauso wenig, wie in deutschland mal konsequenzen aus den missbrauchsfällen gezogen werden.
weltbetrachter 05.01.2011
3. und in Deutschland .. ?
Sind die Opfer in Deutschland eigentlich weniger "wert" ? Oder hat jemand über Entschädigungszahlungen hierzulande schon etwas gehört ?
eulenspiegel 47 05.01.2011
4. Da
sind doch wieder die findigen Anwälte am Werk, die, unter dem Deckmäntelchen der Opferentschädigung, Geld herauspressen, bis zum finanziellen Tod der vermeitlich Schuldigen. Als ließen sich seelische Wunden mit Geld heilen, vor allem nach so lange Zeit.
economist_82 05.01.2011
5. Good News
Das nenne ich mal eine Meldung für die Rubrik "Gute Nachrichten"! Die Opfer sollten angemessen entschädigt werden, egal ob in den USA, Deutschland oder anderswo. Zudem sollte in Deutschland endlich damit Schluss sein, dass Steuergelder an die Kirchen fliessen. Religion ist und bleibt Privatsache eines jeden und sollte auch dementsprechend finanziert werden. Mir zahlt der Staat doch auch nicht meine Tennisstunden am Sonntagmorgen...
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