Entscheidende Minuten 2011: Kuss und gut
Selten war das Jahr 2011 so idyllisch wie am 29. April, der Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton. Ein Großereignis, Millionen Zuschauer, gut choreografierte Romantik. Doch im entscheidenden Moment um 14.27 Uhr kam den beiden eines in die Quere: ihr Pflichtbewusstsein.
Der Moment, auf den sie alle so lange gewartet haben, ist schnell vorbei, zu schnell. Stunden hatten sie ausgeharrt, manche gar Tage, in Zelten, in Decken, mit dem Klappstuhl auf dem Bürgersteig und einer Thermoskanne zwischen den Knien. Britischer Frühling eben. In Jogginghose und Fleecepulli waren die Fans des Königshauses gerüstet für die großen Gefühle.
Und dann das, um 14.27 Uhr: Die Weltöffentlichkeit stoppt 0,7 Sekunden Kuss auf dem Balkon des Buckingham Palace. So lange braucht ein Mensch normalerweise, um zu schlucken. Kaum angefangen, schon vorbei. Kates, die jetzt Catherine genannt werden wollte, und Williams Lippen hatten sich kaum berührt, da stoben sie schon wieder auseinander. Weiterwinken, grinsen, staunen.
Es ist dieser Moment auf dem Balkon, dieser Kuss, der kaum einer war, den die Massen vor dem Buckingham Palace herbeigesehnt hatten. Und der ihnen doch nicht reicht, nicht reichen kann. Das sollte es gewesen sein? Ein Kuss ist bei einer Hochzeit so etwas wie das Siegel der Stiftung Warentest. Taugt der Kuss, taugt der Inhalt.
Ist er lang und innig, ist das Paar wohl noch sehr verliebt (wie sonst könnte man alles um sich herum vergessen?). Ist er kurz und verstohlen, ist das Paar entweder nicht mehr ganz so glühend verliebt oder von Natur aus recht rational (wer sonst könnte alles um sich herum vergessen?). William und Kate hätten rund 500.000 Menschen vor dem Palast und Hunderte Millionen an den Fernsehern vergessen müssen, um zu denken, sie seien unter sich. So verliebt ist man selten. Hier schien das Motto eher: Form follows function.
Der Protest der Massen folgt prompt.
Der ganze Tag gleicht einer einzigen großen Show (hier das Minutenprotokoll des Tages), schon das Ankleiden der Braut im Goring Hotel, dessen Zufahrt komplett abgesperrt worden war. Nur bedeutungsschwer dreinblickende Menschen in riesigen Karossen wurden durchgewinkt. Allen anderen blieb ein Blick über das Absperrgitter und die Gewissheit: Hinter irgendeinem der mit Gardinen abgeschirmten Fenster zieht Kate Middleton das Kleid an, das aus ihr Her Royal Highness Catherine Elizabeth, Duchess of Cambridge, Countess of Strathearn, Baroness Carrickfergus machte. Und allein der Gedanke an einen Moment, der Geschichte schreibt, muss all den Hunderten gereicht haben, die schon an diesem frühen, viel zu kalten Aprilmorgen an der Absperrung stehen.
Es fällt nicht schwer, den Tag romantisch zu finden. Prinzen und Prinzessinnen, schöne Kleider, eine große Kirche, viel Pathos, getragene Musik, eine schmucke Brautjungfer, eine Flugzeugparade, eine spontane Fahrt mit dem Oldtimer, Kate und William auf Tellern, Tassen, Mützen, Fahnen, Brillen, Gläsern, Servietten, Toastern.
Eigentlich ist die Trauung banal, überraschend ist sie ohnehin nicht. Die britischen Zeitungen hatten sie seit Jahren herbeigeschrieben, eigentlich seit sich die beiden an der Universität von St. Andrews kennengelernt hatten. William und Kate sind eine Projektionsfläche für die Erwartungen von Millionen Klatschzeitungslesern weltweit. Über die beiden weiß man wenig, denn sie fallen wenig auf - er ist bei der Armee, ihre Eltern sind mit einem Versandhandel für Partyzubehör reich geworden. Ansonsten: sehr unauffällig. Vielleicht müssen sie das auch sein, denn sie haben ein großes, schmutziges Erbe zu tragen.
Ihre Elterngeneration hat die Monarchie in den neunziger Jahren an den Abgrund geliebt, mit Reitlehrern, Jugendfreundinnen, Millionären. Sie aber sind sauber, durchdacht, als Paar schon vor der Hochzeit durchoptimiert. Sie durchschauen das Spiel, das ihre Beziehung nach außen ist, sie verstehen es zu spielen. Mit der Ehe haben sie sich knapp neun Jahre Zeit gelassen, die Hochzeit ist nicht nur Vergnügen, sie ist zugleich Amtsantritt.
William und Catherine sind die Hoffnung einer Monarchie in der Linie von Queen Elizabeth. Immer das Empire vor Augen, nie nur den Zeh der Geliebten. Und so scheint auch dieser Kuss auf dem Balkon mehr Pflicht als Freude.
Die Untertanen aber protestieren, dieses 0,7-Sekunden-Küsschen scheint den Briten wie Hohn, so etwas geben Franzosen sich auf die Wange, rechts, links, rechts. Und zwar zu jeder Begrüßung. Hier scheint es, als sei der Kuss schlicht verrutscht und versehentlich auf dem Mund gelandet. Und William und Catherine tun pflichtbewusst, wie das Volk geheißt. Zweiter Anlauf: 1,5 Sekunden. Ein Knutscher für die Ewigkeit.
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