Enzyklika: Papst rechnet mit Liberalismus ab

Aus Rom berichtet Alexander Smoltczyk

Der Papst schaltet sich in die Rezessionsdebatte ein: Pünktlich zum G-8-Gipfel stellt er die neue Sozialenzyklika "Caritas in veritate" vor. Dringend nötig sei eine Art permanenter Krisengipfel. Außerdem will er ein globales Steuerungsgremium jenseits der Uno - und jede Menge Liebe.

Rom - Diesmal ist das Timing göttlich: Kurz bevor die weltlichen Weltführer sich zum G-8-Gipfel in L'Aquila sammeln, kurz bevor Barack Obama am Freitag erstmals den Vatikan betritt, legt Papst Benedikt seine Sozialenzyklika vor. "Caritas in veritate" heißt sie, "Liebe in Wahrheit", und ist eine Generalabrechnung mit den Götzen Liberalismus, Profit und der allgemeinen Haltung, "niemandem etwas schuldig zu sein außer sich selbst".

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Papst Benedikt XVI.: Enzyklika als Antwort auf die globale Finanzkrise

Streckenweise liest sich diese päpstliche Kritik der Ökonomie wie ein Referentenentwurf aus der Grundsatzabteilung des Wieczorek-Zeul-Ministeriums. Ein Entwurf, verfasst in schlafloser Nacht. Auch der Papst hat offensichtlich das Vertrauen in die bestehende Ordnung verloren. "Dringend nötig", um die Weltwirtschaft zu steuern, sei "das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität" jenseits von Uno und WTO.

Wer darf sich Idealismus leisten - wenn nicht der Papst?

Denn: "Die ganzheitliche Entwicklung der Völker und die internationale Zusammenarbeit erfordern, dass eine übergeordnete Stufe internationaler Ordnung von subsidiärer Art für die Steuerung der Globalisierung errichtet wird." Benedikt XVI. schwebt eine Art ständiger Krisengipfel vor, "um die Weltwirtschaft zu steuern", die Ökonomien zu sanieren, "den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren".

Ein solches von allen anerkanntes Gremium, schreibt Benedikt, müsse befugt sein, "gegenüber den Parteien, den eigenen Entscheidungen wie auch den in den verschiedenen internationalen Foren getroffenen abgestimmten Maßnahmen Beachtung zu verschaffen." Kurzum, es geht um nichts geringeres als eine Weltregierung pro bono contra malum.

Das klingt blauäugig. Aber wer dürfte sich Idealismus in der Öffentlichkeit noch leisten, wenn nicht der Hausherr im Vatikan? Benedikt verabschiedet sich mit dieser, seiner dritten Enzyklika, jedenfalls von allen Neo-Cons und stellt sich an die Seite der neuen US-Administration.

Wie Obama, der ehemalige Community Organizer, hält der Papst das Geflecht des Sozialen für zu empfindlich, um es den rauen Kräften des Marktes auszusetzen. Es bedarf keines Sozialklempnertums ("Die Kirche hat keine technischen Lösungen anzubieten und beansprucht keineswegs, sich in die staatlichen Belange einzumischen", heißt es gleich zu Beginn), sondern der "Caritas". Der demütig und überzeugt vorgebrachten Nächstenliebe.

"Die ,Stadt des Menschen' wird nicht nur durch Beziehungen auf der Grundlage von Rechten und Pflichten gefördert, sondern noch mehr und zuerst durch Verbindungen, die durch Unentgeltlichkeit, Barmherzigkeit und Gemeinsamkeit gekennzeichnet sind", schreibt der Papst. Das ist das Prinzip der Subsidiarität, die Obama am Herzen liegt.

Benedikt XVI. überholt Johannes Paul II.

Jene Hilfe, die einsetzt, wenn "die Person und die sozialen Subjekte es nicht aus eigener Kraft schaffen", wie es in der Enzyklika heißt. Das sei das wirksamste Gegenmittel zu jeder Form eines bevormundenden Sozialsystems: "Die Subsidiarität achtet die Würde der Person, in der sie ein Subjekt sieht, das immer im Stande ist, anderen etwas zu geben."

Kirchenpolitisch brisant ist, wie ausdrücklich sich Benedikt XVI. auf "den großen Papst" Paul VI. bezieht, den Reformpapst der Nachkonzilszeit. Dessen Enzyklika "Populorum progressio" von 1967 sollte "die Schritte der Menschheit auf dem Weg zu einer Einigung" erleuchten.

Die Liberalismus-trunkene Phase "Centesimus Annus" (1991) seines Vorgängers aus Polen wird nur gestreift. Kein Wort mehr davon, dass der freie Markt "das wirksamste Instrument für den Einsatz der Ressourcen und für die beste Befriedigung der Bedürfnisse" zu sein scheine.

Dieser Schein ist nach zig Billionen verbrannten Ressourcen und angesichts ganzer Staaten, die von der unsichtbaren Hand des Marktes zermalmt werden, doch sehr erklärungsbedürftig. Benedikt XVI. geht wieder einmal hinter Johannes Paul II. zurück, um ihn zu überholen.

Den Ackermännern dieser Welt rät der Papst dringend zur Umkehr: Die Unternehmensführer dürften "nicht allein auf die Interessen der Eigentümer achten", sondern müssten auch auf "alle anderen Personenkategorien eingehen, die zum Leben des Unternehmens beitragen."

Es sei eine "kosmopolitische Klasse von Managern zu beobachten, die sich oft nur nach den Anweisungen der Hauptaktionäre richtet, bei denen es sich normalerweise um anonyme Fonds handelt, die de facto den Verdienst der Manager bestimmen." Es geht nicht darum, "ethische Fonds" aufzulegen oder Finanzmakler in "business ethics" zu schulen.

"Die gesamte Wirtschaft und das gesamte Finanzwesen" müssen ethisch sein, "und das nicht nur durch eine äußerliche Etikettierung, sondern aus Achtung vor den ihrer Natur selbst wesenseigenen Ansprüchen."

Es gibt "Platz für alle auf dieser unserer Erde"

Die Gewerkschaften, so der Papst, sollen sich, gemäß katholischer Soziallehre, aus der Politik heraushalten und "vor allem zugunsten der ausgebeuteten und nicht vertretenen Arbeitnehmer Sorge tragen, deren bittere Lage dem zerstreuten Blick der Gesellschaft oft entgeht".

Dann liest er den Arbeitnehmervertretern die Leviten. Die Gewerkschaften dürften nicht nur auf die Interessen der eigenen Mitglieder schauen. "Der globale Rahmen, in dem die Arbeit ausgeübt wird", verlange auch, den Blick auf die Nichtmitglieder und die Produzenten in den Entwicklungsländern zu richten. Ausdrücklich lobt der Papst die Konsumentenverbände: "Es ist gut, dass sich die Menschen bewusst werden, dass das Kaufen nicht nur ein wirtschaftlicher Akt, sondern immer auch eine moralische Handlung ist."

Attacke auf Ökokolonialismus

In der Entwicklungspolitik lobt die Enzyklika das Werkzeug Mikrokredite, um die Eigenverantwortung zu fördern. Davon könnten auch die reichen Länder lernen. Internationale Organisationen müssen sich "nach der tatsächlichen Wirksamkeit ihrer oft viel zu kostspieligen bürokratischen Verwaltungsapparate fragen".

Der Papst prangert zudem Ökokolonialismus in allen Formen an. Die zuerst gekommenen, reichen Länder sollen ihren Energiehunger beschneiden und den ärmeren Zutritt einräumen: "Das Aufkaufen der nicht erneuerbaren Energiequellen durch einige Staaten, einflussreiche Gruppen und Unternehmen stellt nämlich ein schwerwiegendes Hindernis für die Entwicklung der armen Länder dar."

Trotzig beharrt Benedikt dagegen auf der These, dass Bevölkerungswachstum ein Faktor der Entwicklung sei: "Große Nationen haben auch dank der großen Zahl und der Fähigkeiten ihrer Einwohner aus dem Elend herausfinden können." Es gebe "Platz für alle auf dieser unserer Erde".

Ein Geburtenrückgang dagegen stürze die Sozialhilfesysteme in die Krise. Ohne die "Caritas" aber ist alles nichts: "Ohne Wahrheit, ohne Vertrauen und Liebe gegenüber dem Wahren gibt es kein Gewissen und keine soziale Verantwortung: Das soziale Handeln wird ein Spiel privater Interessen und Logiken der Macht, mit zersetzenden Folgen für die Gesellschaft, um so mehr in einer Gesellschaft auf dem Weg zur Globalisierung und in schwierigen Situationen wie der Augenblicklichen."

Subsidiarität, Verantwortung, Vermeidung von Monopolen. Und ein globales Regelwerk - das alles ist guter alter Ludwig Erhard, ins 21. Jahrhundert übersetzt. Gewiss kein "Attac"-Manifest und keine Agenda zum Umbau der Kapitalmärkte und der Mortgage backed securities im Besonderen. Aber es ist ein kirchenpolitisch wegweisender Text zur Frage was man den Mächtigen der Welt noch durchgehen lassen kann und was nicht. Und in jedem Fall eine reiche Fundgrube ihre Redenschreiber in L'Aquila.

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