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Amazonas-Bischof zur Öko-Enzyklika: "Es geht ums nackte Überleben"

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Abgeholzter Regenwald in Brasilien: Papst sieht Schutz der Natur als urchristliches Anliegen Zur Großansicht
AP

Abgeholzter Regenwald in Brasilien: Papst sieht Schutz der Natur als urchristliches Anliegen

In seiner Öko-Enzyklika fordert Papst Franziskus einen Wandel im Umgang mit der Natur. Amazonas-Bischof Erwin Kräutler hat seine Erfahrungen mit geprellten Ureinwohnern und profitgierigen Umweltsündern eingebracht. Eine gemeinsame Lesung.

Nun ist sie offiziell vorgestellt: "Laudato si", "Gelobt seist du", die Enzyklika von Papst Franziskus. Das knapp 200 Seiten lange Rundschreiben ist ein aufrüttelndes, klar formuliertes Dokument, das weltweite Umweltsünden aufzählt und die Verantwortung von Politik und Wirtschaft anprangert.

Streckenweise verschwindet die Institution katholische Kirche hinter den Appellen an das Individuum, die Erde vor der Zerstörung zu retten. Denn das, da ist sich der Papst sicher, kann jeder Einzelne, ganz konkret, im Alltag. Der Schutz der Natur, des Planeten, ist für Franziskus ein urchristliches Anliegen.

Die grüne Agenda ist klug gewählt: Sie erlaubt es dem Papst, sein Kardinalanliegen, den Kampf gegen die Armut, mit einzubeziehen. Denn es sind die sozial Schwachen, die am meisten unter Umweltausbeutung und Klimawandel leiden.

Im April 2014 lud Franziskus den brasilianischen Bischof Erwin Kräutler zur Privataudienz nach Rom. Sie sprachen über Kräutlers Diözese Xingu im brasilianischen Bundesstaat Pará, wo Tausende Indigene wegen Großprojekten wie dem Belo-Monte-Staudamm zwangsumgesiedelt werden und der Urwald bedroht ist. Kräutler, Spitzname "Amazonas-Bischof", kämpft seit Jahrzehnten gegen die Baumafia und korrupte Beamte. Dafür wurde er mehrfach mit dem Tod bedroht.

Einige seiner Anmerkungen haben nun Eingang in das päpstliche Schreiben gefunden. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 76-Jährige über seine ersten Eindrücke beim Lesen des päpstlichen Rundschreibens.

"Vor allem aber muss die Menschheit sich ändern." (Absatz 202)

SPIEGEL ONLINE: Die Enzyklika von Papst Franziskus ist ein Appell an alle Weltbürger. Wir sollen bessere Menschen werden - im Handeln (nachhaltig), im Innern (moralisch) und im Kontakt mit Anderen (verantwortlich). Ist das eine freundliche Utopie, ein ambitioniertes Fernziel oder eine ganz konkrete Aufgabenstellung?

Bischof Erwin Kräutler: Der Papst meint das sehr ernst und sehr konkret. Er spricht zu allen Menschen, nicht nur zu den Katholiken, das macht die Stärke der Enzyklika aus. Franziskus hat Kardinäle, Bischöfe und Experten um ihre Meinung und Mitarbeit gebeten, diese Aufgeschlossenheit hat dem Text gutgetan.

"Wir haben vergessen, dass wir selbst aus Erde geschaffen sind, unser Körper ist aus dem Elementen des Planeten geschaffen, die Luft ist die, die wir atmen und ihr Wasser belebt und erquickt uns." (Absatz 2)

Kräutler: Besonders berühren mich natürlich die Stellen, in denen von Amazonien und der Bedeutung der tropischen Regenwälder die Rede ist, dort wo der Papst auf die Rechte der indigenen Völker zu sprechen kommt. Für sie hat ihr Land keinen wirtschaftlichen Wert, sondern es ist ein Geschenk Gottes, es ist heiliges Land, in dem ihre Vorfahren ruhen, das ihre Identität ausmacht und ihre Werteskala bestimmt. Bei der ersten Lektüre habe ich sofort gespürt, dass der Papst nicht von einer anonymen Umwelt spricht, etwas außerhalb von uns, sondern genau das feststellt, was ich im Zusammenhang mit den indigenen Völkern Amazoniens seit Jahren vertrete: Die Umwelt ist unsere "Mit-Welt". Ohne sie leben wir nicht.

Ureinwohner am Rio Xingu: Leben im Einklang mit der Natur Zur Großansicht
REUTERS

Ureinwohner am Rio Xingu: Leben im Einklang mit der Natur

SPIEGEL ONLINE: Ihr Widerstand gegen Geschäftemacher, Mafiosi und Umweltsünder hat sie fast das Leben gekostet. Warnt Franziskus eindringlich genug vor der Skrupellosigkeit der Profiteure?

Kräutler: Er nimmt kein Blatt vor den Mund und klagt das heutige Wirtschaftssystem an, das auf Gewinnmaximierung um jeden Preis abzielt und, wie in Brasilien, fast immer ohne Rücksicht auf die Menschenwürde der betroffenen Personen und Völker handelt.

Zur Person
  • DPA
    Der gebürtige Österreicher Erwin Kräutler ist seit 1980 Bischof und Prälat von Xingu, der mit 350.000 Quadratkilometern flächenmäßig größten Diözese Brasiliens. Er kämpft für die Amazonas-Indios und den Erhalt des Regenwaldes und wurde dafür 2010 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Kräutler bekam immer wieder Morddrohungen. 1987 überlebte er einen Anschlag in seinem Auto schwer verletzt, sein Beifahrer wurde getötet. Seitdem steht er unter Polizeischutz. "Man hat mir die äußere Freiheit genommen. Aber die innere Freiheit, das sagen zu können, was ich will, kann mir niemand nehmen."
"Innerhalb des Schemas der Rendite ist kein Platz für Gedanken an die Rhythmen der Natur." (Absatz 190)

SPIEGEL ONLINE: Hat der Papst mit dieser erneuten Kapitalismus-Kritik die Befreiungstheologie wieder hoffähig gemacht?

Kräutler: Ich weiß nicht, ob das sein Anliegen ist. Aber vor seinem lateinamerikanischen Hintergrund und durch die Erfahrungen mit Armut und Ausbeutung kann Franziskus Profitgier nur anprangern. Ich halte folgende Passage für den Grundappell des Papstes:

"Auffallend ist die Schwäche der internationalen politischen Reaktion. Die Unterwerfung der Politik unter die Technologie und das Finanzwesen zeigt sich in der Erfolglosigkeit der Weltgipfel über Umweltfragen. Es gibt allzu viele Sonderinteressen, und leicht gelingt es dem wirtschaftlichen Interesse, die Oberhand über das Gemeinwohl zu gewinnen und die Information zu manipulieren, um die eigenen Pläne nicht beeinträchtigt zu sehen. (…) Das Bündnis von Wirtschaft und Technologie klammert am Ende alles aus, was nicht zu seinen unmittelbaren Interessen gehört."

Dies ist der rote Faden, der die Enzyklika durchzieht. Franziskus verweist damit auf die Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats 2007 in Brasilien. Er war damals Mitglied der Redaktionskommission des Schlussdokuments, in dem es weiter heißt:

"Als Propheten des Lebens wollen wir deshalb darauf bestehen, dass bei den Eingriffen in die natürlichen Ressourcen nicht die Interessen von Wirtschaftskreisen den Vorrang haben dürfen, die zum Schaden ganzer Nationen und sogar der Menschheit auf irrationale Weise die Quellen des Lebens vernichten. Die nachfolgenden Generationen haben das Recht, von uns eine bewohnbare Welt zu bekommen und nicht einen vergifteten Planeten".

SPIEGEL ONLINE: Hat die Enzyklika auf die internationalen Akteure in Wirtschaft und Politik irgendeine Wirkung, die über eine kurze Irritation hinausgeht?

Kräutler: Das wird sich erst noch zeigen. Ich hoffe, dass sie nicht nur eine "irritierende" Wirkung hat, nach der man dann so weiter macht wie bisher, sondern dass sie aufrüttelt. Es geht ja nicht um irgendwelche punktuelle Probleme hier oder dort, sondern es geht um unseren ganzen Planeten. Ich glaube, man kann diese Enzyklika nicht lesen und schlicht ad acta legen. Ich bin auch von ihrem hohen Stellenwert bei der Uno-Klimakonferenz in Paris (30. November bis 11. Dezember) überzeugt.

Papst Franziskus: Umwelt-Enzyklika vorgestellt Zur Großansicht
AFP

Papst Franziskus: Umwelt-Enzyklika vorgestellt

SPIEGEL ONLINE: Franziskus spricht von dem "Drama" einer auf schnelle Ergebnisse ausgerichteten politischen Planung, dem Zwang, kurzfristig Wachstum zu erzeugen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Kräutler: Ich erinnere mich nur zu gut an Brasiliens Ex-Präsidenten Luiz Inácio da Silva, der noch vor ein paar Jahren behauptet hat, Ureinwohner und Nachkommen afrikanischer Sklaven seien Hindernisse für den Fortschritt. Auch Umweltgesetze waren seiner Meinung nach überholt und sollten dem Fortschritt angepasst werden. Der Papst gibt in seiner Öko-Enzyklika nun eine unmissverständliche Antwort auf solche, die Mit-Welt verachtende Behauptungen.

"Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist ein wesentliches, grundlegendes und universales Menschenrecht." (Absatz 30)

SPIEGEL ONLINE: Vehement verweist Franziskus auf die mangelhafte Trinkwasserversorgung in Entwicklungsländern. Hat der Westen den Blick für die großen Probleme des Planeten verloren?

Kräutler: Diese Thematik wird noch viel zu wenig wahrgenommen. Fehlendes Trinkwasser kann Völkerwanderungen bewirken und birgt ein Riesenpotential an internationalen Konflikten in sich. Die Privatisierung dieser Ressource ist wie ein Schlag ins Gesicht der Armen. Aber die Menschen werden sich ihr Wasser holen, koste es was es wolle. Es geht ums nackte Überleben.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Konquistadoren
Skalla-Grímr 18.06.2015
Jetzt treten katholische Funktionäre als moralische Instanzen in Südamerika auf. In der Zeit der Konquistadoren leistete die katholische Kirche dem grausamen Vorgehen der europäischen Eroberer gegen die Ureinwohner Südamerikas Vorschub, die als Nichtchristen als Menschen 2. Klasse angesehen und zum großen Teil ausgerottet wurden. Demzufolge wirken diese für sich genommen vielleicht richtigen Worte im Kontext der Kirchengeschichte schon recht heuchlerisch.
2. Sehr richtig!
wkrüger 18.06.2015
Franziskus sieht es sehr richtig: der Mensch muss im Einklang mit seiner eigenen Natur und der ihn umgebenden Natur leben und diese achten. Natürlich gehört zum Menschsein auch die Kultur, aber nicht gegen die Natur sondern aufbauend auf ihr. Wir glauben oft in unserer Maßlosigkeit, dass wir den Menschen und unsere Umwelt frei und beliebig konstruieren können. Losgelöst von der Natur führt das immer auf Irrwege. Natürlich sind auch medizinische und technische Eingriffe nicht rundweg ab zu lehnen. Jedoch sollten sie nicht der menschlichen Natur und der Schöpfung vollständig entgegen gerichtet sein. Nehmen wir doch die Anregung auf und Leben im Einklang mit unserer eigenen menschlichen Natur und der Schöpfung. Dann ist ein körperlich wie seelisch gesundes Leben für Menschen möglich und auch die erde könnte noch eine gute Zukunft haben, würde nicht ausgebeutet werden.
3. Ein tipp an...
flaffi 18.06.2015
Vielleicht sich mal mit der Geschichte Südamerikas auseinandersetzen Dann steht die katholische Kirche ein bisschen anders da.
4. Ja aber
habkeineahnung 18.06.2015
es interessiert eh niemanden wirklich. Umsatz, Gewinn und Gier gehen vor Umweltschutz. Gute Nacht Menschheit
5. Konquistadoren???
ow2011 18.06.2015
Zitat von Skalla-GrímrJetzt treten katholische Funktionäre als moralische Instanzen in Südamerika auf. In der Zeit der Konquistadoren leistete die katholische Kirche dem grausamen Vorgehen der europäischen Eroberer gegen die Ureinwohner Südamerikas Vorschub, die als Nichtchristen als Menschen 2. Klasse angesehen und zum großen Teil ausgerottet wurden. Demzufolge wirken diese für sich genommen vielleicht richtigen Worte im Kontext der Kirchengeschichte schon recht heuchlerisch.
Das ist fast 500 Jahre her. Wenn Papst Franziskus heute moralisch die Umweltvernichtung moralisch bewertet, ist das sein Recht und als Führer ein großen Kirche, findet sein hoffentlich bei vielen Gehör. Ansonsten gibt es überall viele Beispiele von Menschen, die aufgrund von Geschlecht, Rasse, Alter, Religion, etc. etc.... diskriminiert und bis zum Genozid verfolgt worden sind. Folgt man de Logik, hat niemand das Recht, überhaupt etwas moralisch zu bewerten.
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