Erbstreit im indischen Adel Schwerreich, bildschön, todtraurig

Die Inderin Gayatri Devi, einst Maharani von Jaipur, war eine Figur aus märchenhafter Zeit: Sie lebte in unermesslichem Reichtum und galt als eine der schönsten Frauen der Welt. Doch sie verlor früh ihren Mann und ihren Sohn. Nach ihrem Tod flammt nun ein alter Erbstreit auf. Der indische Adel ist am Ende.

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Von , Islamabad


Islamabad - Dies ist die Geschichte einer der letzten großen indischen Adelsfamilien. Es ist eine Geschichte von Reichtum und Schönheit, von Großzügigkeit und Weltläufigkeit, aber auch von unstillbarer Geldgier. 60 Jahre nach der Entmachtung des Adels in Indien dokumentiert die Familie, um die es in dieser Geschichte geht, dessen endgültiges Ende.

Im Clan des Maharadschas von Jaipur sind Haltung und Würde längst dahin - es geht nur noch ums Geld, darum, wer das bekommt, was die Familie einst besaß. Darüber wird hemmungslos öffentlich gestritten. Selbst die indische Presse - üblicherweise durchaus aggressiv in der Berichterstattung - scheint peinlich berührt und reportiert eher vorsichtig zurückhaltend. Eine Liste der Besitztümer existiert nicht, man kann nur schätzen, worum da gekämpft wird: um Schlösser, Häuser und Juwelen im Wert von vermutlich mehr als 400 Millionen Dollar.

Im Mai noch, an ihrem neunzigsten Geburtstag und zwei Monate vor ihrem Tod, soll Gayatri Devi, die dritte Ehefrau des Maharadschas von Jaipur, Man Singh II., mündlich ihren letzten Willen formuliert haben. Demnach, behauptet der Anwalt der beiden Enkel, seien die Enkelkinder "ihre einzigen natürlichen Erben und haben daher Anspruch auf das Eigentum der Familie". Lalitya Kumari, 24, und Devraj Singh, 21, waren jedoch Zeitungsberichten zufolge von ihrem eigenen Vater Jagat Singh, dem 1997 an Alkoholismus verstorbenen einzigen Kind Gayatri Devis, enterbt worden, nachdem dieser sich von der Mutter der beiden, einer thailändischen Prinzessin, getrennt hatte.

Aber auch ein Stiefsohn von Gayatri Devi aus der ersten Ehe ihres Mannes und zwei weitere aus der zweiten Ehe beanspruchen das Erbe. Es sind also komplizierte Familienverhältnisse, die eine Einigung erschweren. Dass der Maharadscha mit allen drei Frauen gleichzeitig zusammen lebte, macht die Sache nicht einfacher.

"Wenn er mich hat, braucht er keine weitere Frau mehr"

Gayatri Devi, die am 29. Juli nach langer Krankheit in Jaipur starb, war die in London geborene Tochter eines Prinzenpaars aus dem nordostindischen Bengalen. Sie wuchs in einem Schloss auf, in dem mehrere hundert Bedienstete für das Wohl der Herrschaft sorgten. Das Mädchen begleitete seinen Vater auf die Jagd, stolz erzählte sie später in Interviews, dass sie mit zwölf Jahren ihren ersten Panther schoss. Sie besuchte eine von Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore gegründete Schule in dem kleinen Reich ihrer Eltern, studierte in London und Lausanne und verbrachte, wie alle reichen Inder, die Sommer in Europa und Amerika.

Zum Entsetzen ihrer Eltern verliebte sich Gayatri im Teenageralter in den sieben Jahre älteren Maharadscha von Jaipur, der schon mit zwei Frauen verheiratet war - aus familienpolitischen Gründen, wie Gayatri erfuhr: Die beiden Gattinnen stammten aus großen Adelsfamilien, mit der ersten war der Maharadscha bereits mit zwölf Jahren verheiratet worden. Maharadscha Man Singh II. war ein Schönling, ein Lebemann, ein Partylöwe und vor allem ein begnadeter Polospieler. Die Frauen an seinem Hof hielten streng die Purdah ein, lebten also hinter hohen Mauern und verließen die Gemächer nur in Verhüllung, versteckt vor den Blicken der Öffentlichkeit, insbesondere denen der Männer.

Auch das gefiel Gayatris Eltern nicht. Sie hatten ihre Tochter frei erzogen - an diesem konservativen Hof würde sie doch nicht glücklich werden! Gayatri wies Warnungen ihrer Familie, der Mann könnte nach einer Hochzeit mit ihr durchaus noch weitere Frauen heiraten, selbstbewusst zurück: "Wenn er mich hat, braucht er keine weitere Frau mehr", sagte sie. Zu diesem Zeitpunkt traf sie sich schon regelmäßig mit ihrem künftigen Mann - heimlich, in London.

"Schnell, schnell, ich möchte reiten gehen!"

Im Mai 1940 heirateten sie, Gayatri Devi wurde "Ihre Hoheit, die Dritte Maharani von Jaipur". Es war seine erste Hochzeit aus Liebe, wie sie regelmäßig betonte. Devi erhielt von ihrem Mann, den sie "Jai" nannte, einen Bentley, ein Haus in den Bergen, Schmuck und das Versprechen, dass sie so frei leben dürfe, wie sie wolle - mit regelmäßigen Reisen nach Europa und Amerika, Reitturnieren und Shopping-Touren nach Delhi. Das Guinness-Buch der Rekorde verzeichnete das Fest als teuerste Hochzeit der Welt. In Europa, wo der Zweite Weltkrieg tobte, wurde dieses Ereignis, großartiger als jede bisher dagewesene königliche Trauung, kaum wahrgenommen.

Devi, gerade mal 21 Jahre alt, zog nach Jaipur, in den Wüstenstaat Rajasthan im Nordwesten Indiens, und richtete sich im Rambagh-Palast neben den beiden anderen Frauen ein. "Ich glaube, es ist einfacher, mit den anderen Frauen des Ehemannes zurechtzukommen, wenn sie einen offiziellen Status als Ehefrau haben, als mit einer Geliebten", beschrieb sie diese Zeit.

Sie genoss ihr neues Leben, lernte den Kosmos ihres Mannes kennen, die Welt des Polosports. Sie jagte, erlegte im Laufe der Jahre 26 Tiger, bevor die diesen Zeitvertreib "aus Mitleid mit den Tieren" aufgab, wie sie dem "Time"-Magazin sagte.

Im internationalen Jet-Set war die grazile, stilsichere Frau mit den Rehaugen eine Erscheinung, die auffiel. Die "Vogue" sollte sie später zu den "zehn schönsten Frauen der Welt" zählen, sie sei "ein Traum in Sari und Juwelen". Auch Clark Gable und der Modefotograf Sir Cecil Beaton schwärmten von ihrem Aussehen. Sie hatte sich verändert. Vor ihrer Hochzeit, gestand sie, sei sie "immer etwas burschikos" gewesen. "Wenn ich morgens aufstand, sagte ich mir immer: Schnell, schnell, ich möchte reiten gehen! Ich hatte keine Zeit, in den Spiegel zu gucken und mir eine Augenbraue auszuzupfen."

Devi engagierte sich für die Armen und Benachteiligten in Jaipur, sie gründete dort die Gayatri-Devi-Schule für Mädchen, damit die lernten, selbstbewusst wie sie selbst durchs Leben zu gehen. Doch die Maharani spürte auch, wie der gesellschaftliche Einfluss des Adels in Indien schrumpfte.

"Kapriziös, anspruchsvoll, selbstherrlich, verführerisch, launenhaft"

Das offizielle Ende kam 1947, als die britische Kronkolonie Indien unabhängig wurde. Der neue Premierminister Jawaharlal Nehru und seine Kongresspartei rangen den Adelsherrschern aus über 560 indischen Reichen die Macht ab - sie sollten auf ihre Ländereien verzichten und die Autorität gewählten Regierungen übertragen, aber im Gegenzug ihre Titel behalten dürfen und auf Lebenszeit staatliche Zahlungen erhalten. Viele wehrten sich, manche murrten. "Es war wie die Französische Revolution, bloß dass keiner guillotiniert wurde", bemerkte der amerikanische Regisseur James Ivory.

Am Ende gaben alle nach. Viele verarmten, doch die Jaipur-Familie blieb eine der reichsten des Landes. Maharadscha Singh durfte das Amt des obersten Verwalters - Rajpramukh - von Rajasthan übernehmen, bis es 1956 ebenfalls abgeschafft wurde. Auch seine Familie musste sparen. Der Maharadscha entschied, den Rambagh-Palast in ein Hotel umzuwandeln. Devi war entsetzt: Sie sollte die Räume und den Pool und den Garten mit Touristen teilen?

Die Zeiten seien nicht mehr so, dass Adlige in Schlössern leben, beschied ihr der pragmatische Gatte. Fortan lebten sie etwas weniger glamourös in kleineren Residenzen. "Viele Adlige warfen meinem Mann vor, mit der freiwilligen Umwandlung des Schlosses in ein Hotel zum Niedergang des Adels beizutragen", klagte sie. Devi lebte nun zurückgezogen in der geschlossenen Gesellschaft von Jaipur, nahm an Diners in kleiner Runde in großen Häusern teil und gab feine Partys. Zu ihren Besuchern zählten Jackie Kennedy, mit der sie oft verglichen wurde, Königin Elizabeth II. und Königin Beatrix ebenso wie der junge Mick Jagger, Omar Sharif und Nikita Chruschtschow.

Der Schriftsteller Kishore Singh, der mit Devi einen Bildband über Jaipur gestaltete, sagte über sie: "Gayatri Devi war alles, was man von einer königlichen Persönlichkeit erwartet: kapriziös, anspruchsvoll, selbstherrlich, verführerisch, extrovertiert, oh, und ganz sicher launenhaft."

Die Menschen liebten ihre Maharani

Der von Nehru und später seiner Tochter, der Premierministerin Indira Gandhi, propagierte Sozialismus ging Devi gewaltig auf die Nerven. Deshalb trat sie 1960, mit Zustimmung ihres Mannes, inzwischen Botschafter Indiens in Spanien, in die Swatantra-Partei ein, die sich für freie Marktwirtschaft einsetzte und vor allem von Industriellen, Geschäftsleuten und Adligen unterstützt wurde. Zwei Jahre später kandidierte sie für das Parlament, das Unterhaus Lok Sabha, und die Wähler von Jaipur bescherten ihr einen Sieg mit 78 Prozent der Stimmen - und damals somit einen erneuten Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde als "bestes Wahlergebnis aller Zeiten" in einer Demokratie. Die Menschen liebten ihre Maharani, die sie "Rajmata" nannten, Königinmutter.

Gefühle, welche die herrische Regierungschefin Indira Gandhi nicht teilte, die sich plötzlich von einer schöneren, intelligenteren, jüngeren Frau herausgefordert sah. Im Parlament musste Devi sich immer wieder anhören, wie Gandhi gegen die Privilegien der Adligen wetterte.

1970 starb ihr Mann an einem Herzinfarkt während eines Polospiels. Devi, die ihren Wahlkampf trotzdem fortsetzte und 1971 zum dritten Mal gewann, war jetzt der Rachsucht Gandhis offen ausgeliefert. Die Premierministerin ließ, entgegen den alten Vereinbarungen, alle Adelstitel abschaffen und strich ebenso die staatliche Apanage, die immerhin 0,2 Prozent des Staatshaushalts ausmachte. Ihren drohenden Machtverlust vor Augen, rief Gandhi zudem auf zweifelhafter rechtlicher Basis den nationalen Ausnahmezustand aus - und ließ viele ihrer Gegner verhaften.

Letzte Tage im "Lilly Pool"

Gayatri Devi, die Grande Dame Indiens, landete für fünf Monate im Gefängnis. Offiziell wurde ihr ein marginales Steuervergehen vorgeworfen, der Prozess wurde ihr aber nie gemacht. Devi berichtete später, Freunde hätten sie auch dort mit Kaviar und Zeitschriften versorgt. Aber es muss eine schlimme Zeit für sie gewesen sein, denn nach ihrer Entlassung zog sie sich nun, grollend und zutiefst verletzt, aus der Politik und aus dem öffentlichen Leben zurück. Sie lebte nun in der Villa "Lilly Pool", ganz in der Nähe des Rambagh-Palasts. Der Hitze des Sommers entkam sie, wie immer, durch Reisen in die USA und nach Europa.

Die ersten Scharmützel ums Erbe hatten schon nach dem Tod des Maharadschas begonnen. Mitte der achtziger Jahre lieferten sich der älteste Sohn aus erster Ehe auf der einen Seite und die beiden Söhne aus zweiter Ehe sowie Devi einen Rechtsstreit. Der Erstgeborene, Bhawani Singh, genannt "Bubbles", weil bei seiner Geburt so viel Champagner geflossen war, beanspruchte die Rolle des Alleinerbes und berief sich auf "Familienregeln". Die anderen Clanmitglieder behaupteten, er habe die trotz Niedergang des Adels immer noch reichlich vorhandenen Reichtümer im Namen der Familie übernommen und dürfe nicht alleine darüber verfügen. "Bubbles" wehrte sich: Es sei ja nicht so, dass er alles besitze und der Rest der Familie auf der Straße sitze, sagte er in Interviews.

Beigelegt sind die Streitereien bis heute nicht, es geht um zu viel: Als beispielsweise das Metropolitan Museum in New York 1986 eine Ausstellung mit dem Titel "Kostüme des königlichen Indien" eröffnete, kamen etwa 40 Prozent aus den Kleiderschränken von Gayatri Devi. In wessen Besitz diese Kostbarkeiten, der Schmuck, die Juwelen, die Landgüter und Häuser nun übergehen sollen, ist offen.

Gayatri Devi scheint zu Lebzeiten geahnt zu haben, dass nach ihrem Tod die Familie endgültig zerbrechen würde. Vor drei Jahren, schon 87 Jahre alt, sagte sie in einem Interview: "Jaipur ist ruiniert. Jeder denkt nur noch ans Geld."



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