Erdbeben in Mexiko Die Rückkehr zur Normalität wird Monate dauern

Nach dem verheerenden Erdbeben in Mexiko-Stadt laufen die Aufräumarbeiten. Rund 1500 Gebäude sind beschädigt, zahlreiche Menschen müssen in provisorischen Unterkünften ausharren. Dennoch loben viele den Einsatz des Zivilschutzes.

REUTERS

Von , Mexiko-Stadt


Im Parque México steht Susana Bautista vor einem grünen Viermann-Zelt und weiß noch immer nicht so recht, wie ihr geschieht. Noch keine 24 Stunden ist es her, da wurde das Zelt in dem Park im Herzen des Stadtteils Condesa von Mexiko-Stadt das neue Heim der 45-Jährigen und ihrer Familie. "Wir haben heute Nacht kein Auge zugetan", sagt sie.

Bautista, ihre Mutter Guadalupe und ihre beiden kleinen Söhne haben Glück im Unglück gehabt. Ihr kleines Art-Déco-Haus in der Straße Amsterdam 62 hat das Erdbeben von Dienstagmittag unbeschädigt überstanden, aber die umstehenden Hochhäuser sind schwer beschädigt, stehen teilweise extrem schief und mussten evakuiert werden. Fielen sie zusammen, würden sie das Haus der Familie Bautista unter sich begraben.

"Kaum waren die Erdstöße vorbei, kam der Zivilschutz und hat uns aufgefordert, unser Haus sofort zu verlassen", sagt Bautista. Sie und ihre Familie konnten gerade noch einen Koffer mit ein paar Kleidungsstücken packen. Die Behörden boten ihnen eine Notunterkunft im angrenzenden Stadtteil Roma an. Aber die Familie wollte nicht so weit weg von ihrem Haus und entschloss sich - wie viele andere in derselben Situation - erst mal in den nahen Park zu kommen.

Susana Bautista und ihre Mutter Guadalupe
Klaus Ehringfeld

Susana Bautista und ihre Mutter Guadalupe

"Schon wenig später kamen Helfer, haben uns das Zelt aufgebaut, andere haben uns Matratzen und Decken gegeben, und nun sind wir hier", sagt Bautista. Mittlerweile ist an der Stelle ein kleiner Zeltplatz mit sechs Behelfsunterkünften entstanden. Daneben hat sich eine riesige Sammelstelle für Hilfsgüter gebildet. Mehrere Tausend Flaschen Wasser, Hunderte Decken, Dutzende Matratzen, Medikamente und Verbandszeug stehen bereit.

Man hat den Eindruck, es könnte für mehrere Erdbeben reichen, zumal es im Stadtteil Condesa, der von dem Beben besonders schwer getroffen ist, oft mehrere solche "Centro de Acopio" pro Straßenzug gibt. "Wir werden hier versorgt, als wäre es ein Hotel", sagt Bautista bitter, als gerade ein junger Mann vorbeikommt und der Familie Sandwiches anbietet. Ein anderer reicht eine Flasche Wasser.

Die Solidarität der Mexikaner kennt nach der Katastrophe, bei der nach neuesten Angaben des Zivilschutzes mindestens 243 Menschen ums Leben kamen, keine Grenzen. Man hat den Eindruck, dass es im Wesentlichen Nachbarschaftsinitiativen, Unis und Schulen sind, die Hilfsgüter sammeln, in den Trümmern nach Überlebenden suchen und Verpflegung für die Rettungsteams bereitstellen. Die Stadtteile Condesa, die angrenzende Roma, die Doctores und Del Valle sind in der 20-Millionen-Metropole am härtesten getroffen. In den Vierteln befindet sich der überwiegende Teil der 38 Gebäude, die in der gesamten Stadt zusammengefallen sind. 37 weitere sind akut einsturzgefährdet.

Hilfsgüter am Parque México im Stadtteil Condesa
Klaus Ehringfeld

Hilfsgüter am Parque México im Stadtteil Condesa

Aber auch die Behörden hätten schnell und effizient reagiert, findet Familie Bautista. "Die Antwort des Katastrophenschutzes war schnell. Kein Vergleich mit 1985." Susana Bautista kann sich noch an das Beben vor 32 Jahren erinnern. Damals brauchte die Regierung mehrere Tage, um zu reagieren. Damals musste die Bevölkerung zunächst selber nach Verschütteten suchen und sich organisieren. Dieses Mal ist es anders. Polizei, Militär, Feuerwehr und Katastrophenschutz waren unmittelbar vor Ort und begannen mit der Räumung von Trümmern und der Versorgung der Opfer des Bebens.

"Eigentlich fehlt es uns hier an nichts", sagt Bautista. Außer der Gewissheit, wann ihr Leben im Zelt im Parque México endet und sie wieder in ihr Haus zurückziehen können. Es wird Monate dauern, bis alle beschädigten Gebäude in Mexiko-Stadt überprüft sind, noch länger, bis die unbewohnbaren abgerissen werden. Nach Angaben der Stadtregierung trugen bei dem Beben der Stärke 7,1 am Dienstag mindestens 1500 Gebäude Schäden irgendeiner Art davon - von bröckelnder Fassade bis zu tiefen Rissen in der Substanz.

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Erdbeben in Mexiko: Der Tag nach der Katastrophe

Vor allem die Hochhäuser mit mehr als fünf Stockwerken und sehr dünner Bausubstanz sind schwer in Mitleidenschaft gezogen. Einige der Gebäude wurden bereits durch das Erdbeben vor 32 Jahren beschädigt, sind aber von den Behörden nie abgerissen worden. Entweder weil das Geld fehlte oder das Know-how, die Schäden richtig einzuschätzen.

Außerdem haben die Behörden über die Jahre die Bauvorschriften wieder gelockert, die nach dem Beben 1985 deutlich verschärft worden waren. Seinerzeit wurde bei Neubauten die Zahl der Stockwerke reduziert, und Sicherheitsexperten mussten die Bebenresistenz der Neubauten zertifizieren. Im Laufe der Jahre allerdings wurden die Vorschriften gelockert oder einfach ignoriert, weil immer mehr Menschen in die Stadt drängten und immer dichter, schneller und billiger gebaut werden musste.

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Hinzu kommt, dass sich ein Großteil der betroffenen Stadtteile auf wackeligem und weichem Grund befindet. Die spanischen Eroberer legten vor 500 Jahren den Tenochtitlán-See trocken, der weite Gebiete vom heutigen Mexiko-Stadt einnahm, und bauten auf dem stark wasserhaltigen Grund die Stadt auf, die heute zu den drei größten Metropolen der Welt gehört. Es war der aus Erdbebengesichtspunkten absolut schlechteste Ort.

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Chilango 22.09.2017
1. Die Normalität ist schon wieder da
Ich hab in der Calle Amsterdam heute geholfen. Wir holten einen Tote und einen lebende Person raus. 3 weitere lebende sind lokalisiert. Als ich Mittagspause machte (es sind genug Leute vor Ort) lief ich durch die Michoacan wo die Leute wie immer in den Cafes und Restaurants sitzen. Entfernung ca. 150m. Das ist schon makaber
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