Erdbebengebiet Haiti Im größten Obdachlosenheim der Welt

Haiti droht nur wenige Wochen nach dem verheerenden Erdbeben die nächste Katastrophe. Die überfüllten Flüchtlingslager sind völlig unzureichend auf die nahende Regenzeit vorbereitet - Nothelfer befürchten einen massiven Ausbruch von Krankheiten.

Aus Port-au-Prince berichtet

SPIEGEL ONLINE

Lesly Mullin breitet die Arme aus, sein weiß-grünes T-Shirt mit der Nummer 19 ist ein paar Nummern zu groß, er sieht müde aus, steht wortlos da und seine Geste sagt: Das alles hier ist verloren.

Ein paar Wände in Blau, die anderen in Rosa, viel ist nicht geblieben von seinem Haus in St. Martin, einem Viertel in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Er geht trotzdem oft hierher. Läuft die wenigen Stufen hoch, die von dem schmalen Weg auf das kleine Grundstück führen, tritt auf die Betonklumpen, die den Boden übersähen, und schaut auf die Ruine.

Seine Großmutter hat das Haus gebaut, hier wurde Mullin geboren, zuletzt wohnte der 42-Jährige mit seiner Frau und ihren vier Kindern Clifford, Steve, Stephanie und Gary hier. Dann kam das Beben. Es verwüstete am 12. Januar die Stadt. Gary, gerade einmal zwei Jahre alt, starb in den Trümmern.

"Das ganze Land blutet", sagt Mullin.

Er muss nicht weit gehen, um die anderen Geschichten von Tod und Zerstörung zu hören, die Haiti zu einem Land der Trauer gemacht haben. Ein Schritt aus dem beige-blauen Zelt genügt, in dem er seit Wochen mit seiner Familie die Nächte verbringt.

Port-au-Prince ist ein monströses Obdachlosenheim

"Das hier ist unser Platz", sagt er. Die wenigen Quadratmeter reichen so eben für seine Notunterkunft. Um sie herum steht ein enges Labyrinth aus Wellblechhütten, Zelten, Stofftüchern und Plastikfolien, die über Holzpfähle gespannt wurden. Unicef steht auf den Planen, USAID oder UNHCR. Zwischen den provisorischen Bleiben ist oft nur ein Fußbreit Platz.

Es gibt Hunderte dieser Lager. Neben Trümmerwüsten, an Straßenrändern, auf Fußballfeldern, die meisten von ihnen noch ohne Latrinen, ohne Strom sowieso. Port-au-Prince ist ein monströses Obdachlosenheim.

Das wohl größte Camp hat sich auf dem Champs de Mars ausgebreitet, dem zentralen Platz in Haitis Hauptstadt, direkt gegenüber dem zerstörten Präsidentenpalast. Rund 30.000 Menschen leben allein dort. Und trotzdem hat nach Angaben des Roten Kreuzes erst die Hälfte der rund 1,3 Millionen Obdachlosen Zuflucht in einer Notunterkunft gefunden. "Der Bedarf ist noch immer riesig", teilte Gregg McDonald, der zuständige Koordinator der Hilfsorganisation, am Sonntag in Port-au-Prince mit.

Die Helfer warten darauf, dass die Regierung endlich offizielle und besser geeignete Plätze für Notunterkünfte ausweist, auch die Uno macht Druck, aber bislang ist nichts geschehen. Von ihrem Präsidenten René Préval haben die Haitianer lange nichts mehr gehört. "Ein Phantom", so spotten manche über den Mann, der nach dem Beben seinen provisorischen Amtssitz im Chefzimmer der Kriminalpolizei eingerichtet hat und kaum zu sehen ist. Keine Ansprachen im Fernsehen, keine Besuche in den Zeltstädten.

"Wenn der Regen kommt, gibt es in den Camps Krankheiten ohne Ende"

Dabei bräuchten die Menschen einen Staatschef, der einen Weg aus der Katastrophe weist - und eine weitere zu verhindern hilft. Aber eben die könnte bald folgen: "Wenn der Regen einsetzt, kommt es in den Camps zu Krankheiten ohne Ende", sagt Rüdiger Ehrler von der Welthungerhilfe. Tuberkulose, Typhus, Diphterie, Malaria, das sind die Sorgen der Nothelfer.

Ehrler gehört zum sogenannten Emergency Response Team der Welthungerhilfe. Kaum gab es die ersten ausführlichen Meldungen über das heftige Erdbeben, war der 57-Jährige schon auf dem Weg ins Katastrophengebiet. "Projekte auf die Schiene setzen", so beschreibt er seinen Job. Fast täglich sah er Camps entstehen, sie wuchsen schnell und unkontrolliert. Etliche Lager sind von Überschwemmungen bedroht, dann würden sie zu einer Brutstätte für Krankheitserreger.

Es gäbe bessere Plätze, leerstehende Lagerhallen etwa, sie sind allerdings im Besitz einiger wohlhabender Haitianer. "Es entsteht aber der Eindruck, dass die Regierung diesen Leuten nicht auf die Füße treten will", sagt Ehrler. "Eigentlich müssten wir diese Flächen einfach besetzen."

Zerstörerischer Raubbau an der Natur

Den Hilfsorganisationen bleibt nicht mehr viel Zeit: Erste heftige Niederschläge gab es bereits in den vergangenen Tagen. Haitis Regenzeit beginnt normalerweise Ende März, Anfang April. Ausgerechnet in diesem Jahr setzt sie offenbar früher ein.

Der Regen entfaltet schon lange zerstörerische Kraft in Haiti, weil das Land massiven Raubbau an der Natur betrieben hat. Jahrhundertelang wurde der tropische Wald gerodet. Einst machte er 90 Prozent des Staates aus, heute sind es nur noch zwei. Der Boden kann die Feuchtigkeit kaum aufnehmen, auf heftige Schauer folgen oft Erdrutsche und Überschwemmungen.

Von ihrer Regierung versprechen sich die Erdbebenopfer kaum Hilfe. "Préval tut nichts für sein Volk", sagt Lesly Mullin. Viele Obdachlose hoffen deshalb auf die Arbeit von Menschen wie Ehrler oder Per Andersson.

Andersson hat sich die Baseballkappe tief in die Stirn gezogen, in der Brusttasche seines rot-gelb-blau karierten Hemds trägt der 60-Jährige ein Notizbuch. "Ich muss bald raus aus Haiti, ist mir schon wieder zu zivilisiert", sagt Andersson zum haitianischen Fahrer, als das Auto an einem Marktstand mit Äpfeln und Bananen vorbeirauscht.

Nur ein Spruch, Andersson grinst.

Er kann zynisch sein, aber vor allem ist der Schwede ein engagierter Helfer. Somalia, Irak, Liberia, Sudan, Tschad: Wenn Menschen Not leiden, kommt Andersson. "Ich werde das mein ganzes Leben lang tun", sagt er. In Port-au-Prince kümmert sich der Ingenieur vor allem um die Wasserversorgung. Prüft die Ausgabestellen, spricht mit haitianischen Kontaktpersonen wie Marnity Beberly über die Probleme.

"Habt ihr die Reinigungstabletten verwendet?"

"Ja."

"Sind noch genügend davon da?"

"Sie reichen noch für eine Woche."

"Morgen werden endlich auch die Latrinen geliefert", sagt Andersson.

Ein alter Mann mit Krückstock winkt Andersson herbei, die Hüfte schmerzt, der Mann kann kaum mehr laufen und fragt nach einem Arzt. Andersson notiert Namen und Telefonnummer. Im Armenviertel Cité L'Eternel geht er an einer Hütte vorbei, durch die Dachplane sind nur ein paar Nägel ins Holz geschlagen. "Die reißt euch der Wind weg", sagt Andersson und zieht wieder sein Notizbuch heraus. "Skizze mitbringen, die zeigt, wie man Plastikplanen anbringt", schreibt er hinein.

Andersson spürt Fortschritte trotz aller Schwierigkeiten. "Es wird täglich besser", sagt er. Demnächst sollen auch die 10.000 Moskitonetze für die Familien eintreffen, um die sich seine irische Organisation Concern Worldwide kümmert.

Aber die Angst vor dem großen Regen bleibt. Elke Leidel, Leiterin von Concern Worldwide in Haiti, hofft, dass die Regierung bald brauchbare Plätze für die Notunterkünfte anbietet. Sie weiß, dass sonst auch die Hilfsorganisationen in die Kritik geraten werden - auch wenn ihnen die Hände gebunden sind, weil sie nicht gegen den Willen eines souveränen Staates handeln können. "Die sitzen hier auf ihrem Geld und tun nichts - das würde die internationale Presse schreiben, sollte es Bilder von überschwemmten Obdachlosenlagern geben."

Es ist auch ein Kampf um die Glaubwürdigkeit. Aber vor allem einer um das Leben der Menschen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ivanar 10.03.2010
1. Haiti muss UNO-Protektorat werden
Die Situation in Haiti unterscheidet sich dadurch von anderen Regionen, die von Naturkatastrophen betroffen waren, dass es mit einem reinen Wiederaufbau nicht getan ist. Die Lage in Haiti war schon vor der Katastrohe katastrophal. Es fehlt an den Erfahrungen eines funktionierenden Staatswesen, auf die nun zurueckgegriffen werden muesste. Finanzielle Unterstuetzung allein reicht nicht aus. Im Falle Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg reichte diese, neben dem politischen Willen, es endlich zu integrieren anstatt auszugrenzen, aus, eben weil auf die Erfahrungen eines funktionierenden Staatswesens zurueckgeriffen werden konnte. Haiti braucht einen kompletten Neuanfang als Staat, die notwendige Autoritaet hierzu kann nur die UNO zur Verfuegung stellen. Man muesste bezueglich der Entwicklung staattragender Strukturen jeweils fuer die einzelnen Bereiche Patenschaften an hilfswillige Laender vergeben, wie man dies in aehnlicher Weise bereits schon bei den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien getan hat. Patenschaften fuer Verwaltung, Polizei, Gesundheitswesen und all die anderen Bereiche, die einen funktionierenden Staat ausmachen. Diejenigen, die eine Patenschaft uebernehmen, stellen Personal zum Aufbau der Strukturen zur Verfuegung, diejenigen Laender ohne direkte Patenschaft die notwendigen finanziellen Ressourcen. Nur auf diese Weise kann die Hilfe fuer Haiti langfristig von Erfolg gekroent sein.
robin66 10.03.2010
2. Ein guter Vorschlag!
Zitat von ivanarDie Situation in Haiti unterscheidet sich dadurch von anderen Regionen, die von Naturkatastrophen betroffen waren, dass es mit einem reinen Wiederaufbau nicht getan ist. Die Lage in Haiti war schon vor der Katastrohe katastrophal. Es fehlt an den Erfahrungen eines funktionierenden Staatswesen, auf die nun zurueckgegriffen werden muesste. Finanzielle Unterstuetzung allein reicht nicht aus. Im Falle Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg reichte diese, neben dem politischen Willen, es endlich zu integrieren anstatt auszugrenzen, aus, eben weil auf die Erfahrungen eines funktionierenden Staatswesens zurueckgeriffen werden konnte. Haiti braucht einen kompletten Neuanfang als Staat, die notwendige Autoritaet hierzu kann nur die UNO zur Verfuegung stellen. Man muesste bezueglich der Entwicklung staattragender Strukturen jeweils fuer die einzelnen Bereiche Patenschaften an hilfswillige Laender vergeben, wie man dies in aehnlicher Weise bereits schon bei den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien getan hat. Patenschaften fuer Verwaltung, Polizei, Gesundheitswesen und all die anderen Bereiche, die einen funktionierenden Staat ausmachen. Diejenigen, die eine Patenschaft uebernehmen, stellen Personal zum Aufbau der Strukturen zur Verfuegung, diejenigen Laender ohne direkte Patenschaft die notwendigen finanziellen Ressourcen. Nur auf diese Weise kann die Hilfe fuer Haiti langfristig von Erfolg gekroent sein.
Das könnte so klappen. Die haitianische Regierung muß nur noch entscheiden, welcher Staat welche Aufgabe übernimmt. Vielleicht kann selbst diese Aufgabe an ein Land delegiert werden, aber Haitis Regierung muß die Kontrolle einigermaßen behalten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.