Partnersuche Weiblich, jung, ledig. Punkt.

Noch nie einen Freund, kein einziges Mal Sex: Hannah ist 27 Jahre alt - und verwundert. Während ihre Freundinnen sich verlieben, zusammenziehen, heiraten, bleibt sie allein. Über das Gefühl, von der Liebe übersehen zu werden.

Jung und allein: Wieso finden manche Menschen keinen Partner?
Corbis

Jung und allein: Wieso finden manche Menschen keinen Partner?

Von Dorothea Wagner


Verliebt war sie schon mal. Das heißt, vielleicht war sie auch gar nicht richtig verliebt. Aber im Bauch hat sie damals so ein Ziehen gespürt. Im letzten Semester ihres Studiums ist es passiert, und warum es nach all diesen Jahren ausgerechnet er sein sollte, weiß Hannah* bis heute nicht. Aber das war ohnehin nicht wichtig: Der erste Mann, für den sich die 27-Jährige überhaupt interessierte, war vergeben. Glücklich vergeben. Hannah blieb allein. Wie immer.

Hannah wächst in einer kleinen Stadt in Niederbayern auf, ist in der Schulklasse nicht besonders beliebt, wird aber auch nicht geschnitten oder gemobbt. Kategorie Mittelmaß. Vielleicht trägt sie ja etwas zu oft zu weite Oberteile, überlegt Hannah heute. Ihre Mutter hatte die ausgesucht.

Auf dem Gymnasium lernt sie fünf Mädchen kennen, sie sind bis heute ihre besten Freundinnen. Als Jugendliche schauen sie gemeinsam DVDs oder gehen auf Partys. Hannah hört die Geschichten über die erste, zweite, dritte Liebe, wie sie das erste Mal mit einem Jungen knutschen, sich verknallen, Händchen halten und sich wieder trennen. Hannah tröstet sie mit Schokolade und Taschentüchern. Bei ihr selbst passiert: nichts. Komisch fühlt sie sich deswegen nicht, das kommt erst später.

Die Vertrauensbremse

Nach dem Abitur zieht Hannah nach München, um Politikwissenschaften zu studieren. Die biederen Klamotten lagert sie vorher im Dachboden ein. In der Großstadt und in ihren Seminaren lernt sie viele neue Leute kennen. Ein Mann, der sie interessiert, ist nicht dabei. Die ganzen letzten Jahre fand sie das okay, aber langsam wundert sie sich: Bin ich lesbisch? Vielleicht asexuell? Hannah sucht, überlegt und kommt zu dem klaren Ergebnis: Nein. Sie fühlt sich von Männern angezogen, hat auch Lust auf Sex. Warum lernt sie niemanden kennen?

Hannahs erste Freundin heiratet, zwei andere stecken in Langzeitbeziehungen, die Nächste ist frisch verliebt. Hannah gönnt es ihnen, gönnt es auch allen anderen verliebten Pärchen, die sie im Park, auf der Straße und im Café sieht. Und doch: Manchmal, wenn es ihr zu viel wird, schaut sie in die Luft, nippt an ihrem Tee oder biegt in eine andere Straße ein. Dass sie auch bei den meisten anderen Menschen zu schüchtern ist, um ihnen ins Gesicht zu schauen, fällt nicht auf. Denn auch die schielen an Hannah vorbei. An der kleinen Frau mit dem silbernen Brillengestell und den dunkelblonden, schulterlangen Haaren.

Hannah lernt viele Kommilitonen kennen, doch Freundschaften bleiben oberflächlich. Wenn das Vertrauen zwischen Menschen wächst, erzählen sie sich von der Liebe, von Beziehungen, von Affären. Hannah weiß nicht, was sie dann sagen soll.

Wie fühlt es sich an, verliebt zu sein?

Als sie zum ersten Mal dieses besondere Gefühl im Bauch hat, spricht sie mit niemandem darüber. Es wird ja sowieso nichts draus: Er ist ein guter Freund, der ihr regelmäßig von seiner Fernbeziehung erzählt. Und vielleicht ist genau das der Grund für ihre Gefühle. "Wahrscheinlich fiel es mir deshalb leichter, die Gefühle überhaupt zuzulassen, weil ich wusste, dass sie keine Konsequenzen haben würden." Sie und er, das wird nichts. Trotzdem war es eine gute Erfahrung für Hannah: Sie weiß jetzt, wie es sich anfühlt, verliebt zu sein.

Dabei hat sie sich lange Zeit gar nicht nach einem Freund gesehnt. "Wie soll man auch etwas vermissen, was man nicht kennt?" Doch diese Überzeugung bröckelt: Mittlerweile spürt Hannah, dass man auch eine Erfahrung vermissen kann, obwohl man sie noch nicht gemacht hat. Und dass jemand fehlen kann, obwohl er nie da war. "Eigentlich komme ich gut alleine klar, alles andere fände ich auch schlimm. Aber wenn ich spüre, wie glücklich manche Menschen sind, die eine Beziehung haben, komme ich schon ins Grübeln", sagt sie.

Diesen Gedanken kriegt Hannah seitdem nicht mehr aus dem Kopf: Vielleicht wäre das Leben mit einer Liebe noch ein bisschen schöner. Weil man immer einen vertrauten Menschen hat, wenn es schwierig ist. Und wenn es gut ist. "Bis man sich aus einem nichtigen Grund trennt", sagt sie dann, "um die Sache ein bisschen realistisch zu betrachten."

Hannahs kurze Wunschliste

Trotzdem spürt Hannah keinen Druck, all das Verpasste nachzuholen. Auch nicht die fehlenden sexuellen Erfahrungen. "Wenn ich jetzt jemanden kennenlernen würde, wäre das kein Problem für mich, offen mit diesem Thema umzugehen. Das ist ja die eine Erwartung, die ich an meinen potenziellen Freund stelle, dass er sich nicht von oberflächlichen Dingen abschrecken lässt."

Zumindest in der Theorie hat Hannah damit eine kurze Wunschliste. Umso mehr wundert sie sich, dass ihr bis jetzt nur ein Mann gefallen hat. Und, der wirklich verletzende Gedanke: Warum sich nie jemand für sie interessiert hat. Sich auf der Straße nach ihr umgedreht hat, sie nach einem Seminar auf einen Kaffee eingeladen oder sie auf Facebook angeschrieben hat. Warum sie anscheinend durch jedes Raster fällt.

Vielleicht wäre es anders, wenn Hannah weniger schüchtern wäre. "Aber das sind neben mir doch noch tausend andere Menschen, von denen die meisten trotzdem jemanden finden", sagt sie und kräuselt die Stirn. Ihr scheint irgendeine Eigenschaft zu fehlen, die alle um sie herum zu haben scheinen. Ein Gedanke, den Hannah am liebsten mit einem Vergleich beschreibt: "Ich fühle mich manchmal wie ein Apfel im Supermarkt, der nach Ladenschluss noch in der Kiste liegt, obwohl alle anderen Äpfel verkauft wurden. Und ich weiß nicht, warum gerade ich übrig bleibe."

* Name von der Redaktion geändert



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