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Ernährungspsychologe Ellrott: "Der Mann 2.0 kann auch Gemüse grillen"

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Vegeratischer Grillteller: "Veganismus ist durchaus sexy"

Fleischverzicht liegt voll im Trend, sogar vegane Ernährung findet immer mehr Anhänger. Im Interview erklärt der Ernährungspsychologe Thomas Ellrott, warum Vegetarismus sexy ist - ein politisch verordneter Veggie-Day aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ellrott, in einer aktuellen Wahlumfrage liegen die Grünen nur noch bei zehn Prozent. Viele sehen einen Grund für das Tief in der Forderung, einen Veggie-Day einzuführen. Halten Sie das für plausibel?

Ellrott: Darin steckt auf jeden Fall etwas Wahres. Ehrlicherweise muss man sagen, dass die Forderung nach einem einzigen vegetarischen Tag in der Woche eine Nichtigkeit ist. Der Veggie-Day ist aber ein Symbol für Bevormundung, und die kommt bei vielen Leuten schlecht an.

SPIEGEL ONLINE: Vegetarismus ist stark in Mode - man hätte annehmen können, die Grünen würden für ihre Forderung nach einem Veggie-Day Zustimmung ernten. Das Gegenteil ist der Fall. Warum sind die Menschen so empfindlich, wenn man in ihr Essen reinregiert?

Ellrott: Das Phänomen ist in der Psychologie gut bekannt, man spricht von "reaktantem Verhalten". Das tritt immer dann ein, wenn die Freiheiten des Verbrauchers stark beschnitten werden, er aber die Möglichkeit hat, sich zu wehren. Eigentlich ist es kein Problem, einmal in der Woche auf Fleisch zu verzichten. Doch weil er von außen dazu gedrängt wird, überhöht er die Bedeutung dieser Fleischmahlzeit massiv.

SPIEGEL ONLINE: Gerade Männer wehren sich heftig dagegen, wenn man ihnen ihr Fleisch wegnehmen will. Spricht aus ihnen der alte Mammut-Jäger?

Ellrott: Ja, das ist tatsächlich die Folge klassischer Rollenmuster, die seit Jahrtausenden gefestigt sind. Zu diesem Rollenmuster gehört es einfach, dass die Männer das Beutetier erlegen, zerteilen und Fleischmahlzeiten gegebenenfalls auch zubereiten. Außerdem brauchen Männer durch ihre höhere Körper-Magermasse mehr Protein. All das führt dazu, dass auch moderne Männer noch in dieser Rolle stecken. Das sieht man vor allem daran, dass fast immer nur Männer am Grill stehen. Damit zeigen sie Rollenkonformität, das heißt die Zugehörigkeit zu ihrem Geschlecht.

SPIEGEL ONLINE: Früher war Fleisch ein Reiche-Leute-Essen, heute findet man die Vegetarier vor allem unter Besserverdienern und Akademikern. Ist hoher Fleischkonsum in ein paar Jahren ein reines Unterschichtenphänomen?

Ellrott: Davon kann man eigentlich heute schon sprechen. Aber es wird auch nicht mehr lange dauern, bis der Trend zum häufigeren Fleischverzicht und zum Fokus auf Klasse statt Masse bei der Fleischqualität von oben nach unten schwappt. Es gibt immer einige wenige Vorreiter, und irgendwann ist ihr Verhalten dann der Standard.

SPIEGEL ONLINE: Veganismus galt vor ein paar Jahren noch als Ausweis totaler ideologischer Verblendung, nun ist er Trend. Was ist da passiert?

Ellrott: Vegetarismus ist heute viel flexibler. Heute dürfen Vegetarier auch mal Fleisch essen, was treffend "Flexitarismus" getauft wurde. Wenn man vor zehn Jahren Veganer wurde, musste man auch gleich die Weltanschauung mitkaufen. Heute ist das anders, man muss nicht mehr zwangsläufig zu einer bestimmten sozialen Gruppe gehören, um diese oder jene Form von Vegetarismus zu praktizieren. Und weil er nicht mehr nur mit Zwanghaftigkeit und Genussfeindlichkeit assoziiert wird, ist selbst Veganismus heute durchaus sexy.

SPIEGEL ONLINE: Fast jeder kennt die Streitfrage, ob auch der als Vegetarier gelten kann, der Fisch isst. Warum ist Essen so emotional besetzt?

Ellrott: Essen hat eine ganz hohe soziale Emblematik. Weil man mit dem Essen seine Lebenseinstellung und Persönlichkeit zeigen kann, gibt es Menschen, die Ernährung religiös überhöhen und es zu ihrem Lebensinhalt machen, immer das Richtige zu essen. Das ist dann auch oft verbunden mit einem hohen Missionsdruck auf andere. Und dadurch, dass wir mindestens dreimal am Tag essen und unser gesellschaftliches Zusammenleben untrennbar mit Essen zusammenhängt, ist es weit mehr als die Aufnahme von Nährstoffen. Essen ist ein Teil der Kommunikation und des Sozialverhaltens.

SPIEGEL ONLINE: Und mein Essverhalten in der Gemeinschaft ist immer eine Botschaft - vor allem dann, wenn ich nichts esse.

Ellrott: Richtig. Dann hört man sofort: "Bist du auf Diät?" oder "Geht's dir nicht gut?" oder "Schmeckt dir mein Essen nicht?"

SPIEGEL ONLINE: Bleibt noch die Frage: Wie halten Sie es mit dem Fleisch?

Ellrott: Ich esse gerne mal Fleisch, wenn wir mal mit den Nachbarn grillen, gehört das natürlich dazu. Aber ich lege auch gerne Fisch oder Gemüse auf den Grill. Beim Gemüse muss ich allerdings noch meine Technik perfektionieren. Es ist nämlich gar nicht so einfach, das richtig gut hinzukriegen. Aber es ist möglich, und so stelle ich mir den Mann 2.0 vor: Der kriegt nicht nur Fleisch hin, der kann auch richtig gut Gemüse grillen.

Das Interview führte Hendrik Steinkuhl

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1. JaJa, sehr spaßig
TheDude_123 15.09.2013
Zitat von sysopCorbisFleischverzicht liegt voll im Trend, sogar vegane Ernährung findet immer mehr Anhänger. Im Interview erklärt der Ernährungspsychologe Thomas Ellrott, warum Vegetarismus sexy ist - ein politisch verordneter Veggie-Day aber nicht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ernaehrungspsychologe-ellrott-ueber-veggie-day-und-fleischverzicht-a-921380.html
Grillen mit Vegetariern ist (leider auch nach eigener Erfahrung) nicht wirklich spaßig, sondern eher nervig und albern, ohne lustig zu sein. Im Grunde genommen mag man mit solchen Menschen eigentlich nicht mal im gleichen Raum sein :-).
2.
epic_fail 15.09.2013
--Ziztat--Vegetarismus ist heute viel flexibler. Heute dürfen Vegetarier auch mal Fleisch essen, was treffend "Flexitarismus" getauft wurde. Wenn man vor zehn Jahren Veganer wurde, musste man auch gleich die Weltanschauung mitkaufen. Heute ist das anders, man muss nicht mehr zwangsläufig zu einer bestimmten sozialen Gruppe gehören, um diese oder jene Form von Vegetarismus zu praktizieren. Und weil er nicht mehr nur mit Zwanghaftigkeit und Genussfeindlichkeit assoziiert wird, ist selbst Veganismus heute durchaus sexy. --Zitat-- Aha! Heute dürfen Vegetarier auch mal Fleisch essen. Das ist sexy. Ist man bei SPON jetzt wieder auf BILD-Niveau? Tolles Interview.... wirklich!
3. Kommentar
veremont 15.09.2013
"SPIEGEL ONLINE: Vegetarismus ist stark in Mode ..." Ausschließlich in den Medien. "Ellrott: Ich esse gerne mal Fleisch, wenn wir mal mit den Nachbarn grillen, gehört das natürlich dazu. Aber ich lege auch gerne Fisch oder Gemüse auf den Grill." Fische sind natürlich keine Tiere, die wachsen in Algenteppichen.
4. Schwachsinn
mahoe51 15.09.2013
Was bei der Beurteilung von Psychologen heraus kommt, sieht man an den Folgen des entflohenen Häftlings. Seit Urzeiten ist der Mensch auf Fleisch fixiert. Selbst in den früheren Jahren wurde Einfluss auf die Ernährungsgewohnheit genommen mit mäßigen Erfolg. Einmal in der Woche Fisch, oder am Samstag ist Suppentag, wobei dies ja nun nicht ausschließt, dass die Suppe mit Fleisch ist. Jetzt versucht man mit irgendwelchen Begründungen und Schuldzuweisungen den Menschen einzureden, dass sie schuld seien am Untergang der Erde. Ich kann mich da nur wiederholen -Schwachsinn.
5. symphatischer Typ,
RudiLeuchtenbrink 15.09.2013
Ernährungspsychologe Ellrott über Veggie-Day und Fleischverzicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ernaehrungspsychologe-ellrott-ueber-veggie-day-und-fleischverzicht-a-921380.html)[/QUOTE] vor allem ist der Autor sehr glaubhaft. Ich esse jetzt auch weniger Fleisch als vor Jahren. Zum Beispiel Wild statt Gans zu Weihnachten, auf Fleisch verzichten würde ich nie.
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Zur Person
  • B. Ellrott
    Thomas Ellrott, 47, leitet das Institut für Ernährungspsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Der studierte Mediziner wirbt für einen entspannteren Umgang mit Essen und lehnt es ab, einzelne Lebensmittel als gesund oder ungesund zu klassifizieren. Zu Ellrotts Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Vorbeugung und Therapie von Fettleibigkeit und die Einflussfaktoren auf das Essverhalten.


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