Erzbischof Georg Gänswein Diener zweier Päpste

Benedikt XVI. feiert Geburtstag. Sein Privatsekretär Georg Gänswein hat nun der Welt verraten, wie er bei dessen Rücktritt weinte - und was der Ex-Papst mit seinem Nachfolger Franziskus gemeinsam hat.

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Umringt von Diplomaten, Journalisten und Vatikan-Eminenzen steht er im Garten einer römischen Botschaftsvilla und diskutiert, locker und lässig. "Ist der toll", raunt eine Diplomatengattin ihrer Nachbarin zu. Das findet nicht nur sie. "Faszinierender als Hugh Grant" sei der, jubelte die italienische Klatschillustrierte "Chi". "Der" heißt Georg Gänswein und zog schon vor Jahren die Aufmerksamkeit und die Blicke auf sich. Damals war er ein schlichter Ehrenkaplan, Privatsekretär eines als konservativ verschrienen deutschen Kardinals: Joseph Ratzinger.

Als dieser 2005 Papst wurde, übernahm Gänswein sein Privatsekretariat. Und als Benedikt XVI. begann, über seinen Rücktritt nachzudenken, gehörte Gänswein zu den vier Personen, die in das über Monate gehütete Geheimnis eingeweiht waren. Anfangs wollte er Benedikt umstimmen: "Nein, Heiliger Vater, das dürfen Sie nicht!" Doch er habe schnell eingesehen, dass dessen Entscheidung unumstößlich war, sagt Gänswein.

Am Donnerstag ist Ratzinger 88 Jahre alt geworden, und natürlich gibt Gänswein die passenden Radio-, Fernseh- und Print-Interviews. "Benedikt XVI. denkt über seinen Tod nach und bereitet sich darauf vor", enthüllt er dazu beispielsweise. Auch nach dem Rücktritt vom päpstlichen Amt ist Gänswein Benedikts Privatsekretär geblieben. Beide wohnen im Kloster Ecclesiae, mitten in den vatikanischen Gärten.

Zum Papst nur über Gänswein

Aber Gänswein ist auch Präfekt des Päpstlichen Hauses geblieben, als ein neuer Chef dort einzog: der Argentinier Jorge Maria Bergoglio, Papst Franziskus. Für den erledigt und organisiert Gänswein nahezu alles, was wichtig ist. Auch für das zusätzliche Amt gilt: Wer zum Papst möchte, muss zuerst an ihm vorbei - egal, ob es um eine Audienz für US-Präsident Barack Obama oder die deutsche Kanzlerin Angela Merkel geht. Gänswein sichtet die Post und entscheidet, was der Papst sehen sollte.

Es ist schon ein Knochenjob, alles Mögliche für einen Papst zu erledigen. Der Diener zweier Päpste hat praktisch rund um die Uhr zu tun. Tennisspielen? Seit eineinhalb Jahren nicht mehr. Musizieren? Völlig aufgegeben. Stattdessen: Morgens um 7.45 Uhr die Messe mit Benedikt, Briefe schreiben, Bücher besorgen; nachmittags ein kleiner Spaziergang mit ihm; abends um 19.30 Uhr, wenn es geht, Abendessen. Dazwischen und danach: Dienst für Franziskus.

"Ich habe mir den Doppeljob nicht ausgesucht, der kam eben auf mich zu", sagte er vorigen Herbst in einem Interview im "SZ"-Magazin. "Ich nehme jetzt die beiden Realitäten, wie sie sind, und versuche, das zusammenzuschweißen".

Der schönste Mann im Vatikan weint

Inzwischen ist Gänswein zum Erzbischof avanciert; locker, fröhlich und freundlich ist er geblieben. Und der 58-Jährige gilt noch immer als der "unbestritten schönste Mann im Talar, der je im Vatikan zu sehen war" - so beschrieb ihn einmal die Schweizer "Weltwoche", und das bestätigen heute noch viele, die ihm begegnen. Vor allem, wenn sie weiblich sind.

Und noch immer fragen ihn fast alle, wie es denn "damals genau war", als Benedikt sein Amt aufgab. Dann erzählt der Zeitzeuge, wie etwa heute in der römischen Tageszeitung "La Repubblica", dass er an jenem 28. Februar 2013 geweint habe, als er Benedikt im Hubschrauber auf seinem Weg vom Vatikan nach Castel Gandolfo begleitete. Dort, im päpstlichen Sommersitz in den Bergen südlich von Rom, hatte der emeritierte Katholikenführer eine Weile gewohnt, ehe er sein Kloster-Refugium in den vatikanischen Gärten beziehen konnte.

Gänswein beteuert, dass der Rücktritt keine Flucht vor den Wirren im Kirchenstaat war, die im Zuge der Vatileaks-Affäre an die Öffentlichkeit kamen. Sondern die Einsicht, dass ihm, Benedikt, die Kräfte fehlten, um das Papstamt ordentlich auszuüben. Er habe nicht wie sein Vorgänger Johannes Paul II. die letzten Jahre krank und machtlos verbringen wollen.

Zudem schildert Gänswein, wie er an jenem 13. März 2013 im Vatikan den ersten Auftritt des neuen Papstes erlebte, als der seinen "Brüdern und Schwestern" einfach einen "guten Tag" zurief. Und wie Franziskus ihn gleich danach bat, doch schnell seinen Vorgänger ans Telefon zu holen. Was aber nicht gleich gelang, weil im Castel Gandolfo alle im großen Saal vor dem Fernseher saßen und keiner den Hörer abnahm.

Drei theologische Hardliner

Und nur, wenn man ernsthaft weiterfragt, offenbart sich hinter der lebenslustigen Fassade ein Katholik, der nicht weniger orthodox ist als sein Mentor Benedikt XVI. - und als dessen Nachfolger Franziskus. Denn in der Substanz, im Inhalt, sagt Gänswein, sei der Übergang vom einen zum andern "nahtlos" gewesen. Nur die Präsentation sei anders und damit die Wahrnehmung: Der eine habe mit roter Samtmütze auf dem Kopf strenge Verdikte verkündet, der andere laufe in Billigkleidung umher und treffe sich gern mit Obdachlosen und Straftätern.

Doch die Botschaft - und auch die Kritik an der Kirche und ihrem Personal - sei bei beiden gleich, so Gänswein. Nur: Benedikt sei dafür kritisiert worden, Franziskus würde bejubelt.



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 16.04.2015
1. ...
Und der 58-Jährige gilt noch immer als der "unbestritten schönste Mann im Talar, der je im Vatikan zu sehen war" - so beschrieb ihn einmal die Schweizer "Weltwoche", und das bestätigen heute noch viele, die ihm begegnen. Vor allem, wenn sie weiblich sind. Was sollen solche boulevardesken, verkitschten Homestories ohne Inhalt, die nur die schlimmsten, z.B. sexistische (siehe oben), Klischees bedienen? Ich möchte als Leser eines vormals herausragenden Nachrichtenmagazins xxx nochmal gute Recherche, harte Fakten, interessante Analysen usw. und nicht völlig unkritische Hofberichterstattung (gilt auch für Berichte aus der "Berliner Republik"). Merkt ihr nochwas? Hat es neulich nicht erst einen Beitrag in eigener Sache zur Erhöhung der Qualität gegeben?
udo46 16.04.2015
2.
Ach, was. Der emeritierte Papst wurde bei seiner Einführung genauso bejubelt wie der neue. Bei Benedikt kam die Ernüchterung nur schneller als beim jetzigen. Benedikt war kein Blender, Franziskus ist einer. Daher dauert die Ernüchterung über ihn etwas länger. Dass beide vom gleichen erzkonservativen Schrot und Korn sind, konnte jeder, der nicht vor lauter frömmelnder Begeisterung die Augen verschloss, von Anfang an erkennen. Und Gänswein würde nicht von beiden als enger Vertrauter akzeptiert worden sein, wenn er nicht vom selben Geist wäre wie die beiden Pontifexe. Also Freunde von der Reformfraktion: Es ist Zeit, die Show des Franziskus als das zu erkennen, was sie ist: reiner Populismus. Damit kann man noch ein Stück weit die schlichten Gemüter hinters Licht führen, aber nicht mehr lange. Und nicht nur in Europa!
Zaphod 16.04.2015
3. Vor dem Licht
Ein Papst, der katholische Ansichten vertritt, führt niemanden hinters Licht, sondern macht genau das, was von ihm erwartet wird. Dagegen würde ein weichgespühlter "Reformpapst", der womöglich evangelischer als eine deutsche Landesbischöfin wäre, die gesamte Weltkirche hinters Licht führen. Die katholische Kirche und die gesamte Menschheit dürfen dankbar sein, dass es stets gelingt, fähige und überzeugende Männer zum Papstamt zu berufen. Der Geburtstag von Papst Benedikt ist jedoch ein Anlass, ihm weiterhin Gesundheit und Lebenkraft zu wünschen, damit er noch lange im Hintergrund dazu beitragen kann, das Licht der Kirche in die Welt strahlen zu lassen!
KingTut 16.04.2015
4. Demut
Zitat von udo46Ach, was. Der emeritierte Papst wurde bei seiner Einführung genauso bejubelt wie der neue. Bei Benedikt kam die Ernüchterung nur schneller als beim jetzigen. Benedikt war kein Blender, Franziskus ist einer. Daher dauert die Ernüchterung über ihn etwas länger. Dass beide vom gleichen erzkonservativen Schrot und Korn sind, konnte jeder, der nicht vor lauter frömmelnder Begeisterung die Augen verschloss, von Anfang an erkennen. Und Gänswein würde nicht von beiden als enger Vertrauter akzeptiert worden sein, wenn er nicht vom selben Geist wäre wie die beiden Pontifexe. Also Freunde von der Reformfraktion: Es ist Zeit, die Show des Franziskus als das zu erkennen, was sie ist: reiner Populismus. Damit kann man noch ein Stück weit die schlichten Gemüter hinters Licht führen, aber nicht mehr lange. Und nicht nur in Europa!
Mit Verlaub, aber ich weiß nicht wo Ihr Problem ist. Sehen Sie es doch mal wie folgt: 1. Im Nahen Osten und in Nigeria werden im Namen einer Religion tausende Menschen bestialisch umgebracht. 2. In Rom hat das Oberhaupt einer anderen Religion ("vom gleichen erzkonservativen Schrot und Korn") Mördern und Drogenhändlern im Gefängnis in Demut die Füße gewaschen und geküsst. Ich überlasse es Ihnen, zu urteilen, worüber Sie sich mehr empören.
al2510 16.04.2015
5. Dankbarkeit für Schönheit ist Gott gefällig
Wenn der Erzbischof gerne angesehen wird, ist es doch ein Grund zur Dankbarkeit. Seine Schönheit ist doch wesentlich verschieden von der eines Hollywood Stars. Man beachte wie jugendlich er wirkt. Liegt wohl am Lebensstil. Das trifft für die Päpste auch zu. Die machen einen Knochenjob noch in einem Alter wo manch anderer schön viele Jahre in Rente sind.
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