Erziehungsdebatte: Freiheit ohne Grenzen?

Der SPIEGEL-ONLINE-Beitrag "Die Monster anderer Eltern" hat eine breite Debatte ausgelöst: Welche Verantwortung trägt die Gesellschaft bei der Erziehung von Kindern? Autor Frank Patalong dokumentiert die Diskussion in Forum und Web.

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Corbis

Trotzköpfchen: Kinder brauchen Freiheiten - aber auch Grenzen

Über 500 Beiträge allein in den ersten 24 Stunden, in einem kontrovers und sachlich geführten Diskurs, der auch nach mittlerweile knapp 800 Beiträgen nicht beendet ist - das sieht man selten in einer Forendiskussion. Wir erlebten das als Reaktion auf den Artikel "Die Monster anderer Eltern".

Das Thema polarisiert. Für die einen ist es eine "konservative" Debatte, bei der es vor allem um disziplinarische Fragen geht. Andere empfinden die Diskussion als befreiend: Für sie geht es um ein breites gesellschaftliches Thema, ums soziale Miteinander, um Alltagskultur. Das Thema Kindererziehung ist dabei nur ein Aspekt unter vielen.

Die Interaktion mit Kindern ist offenbar in mehrfacher Hinsicht ein Angst-Thema: Angst der Eltern vor anderen Erwachsenen und deren mal berechtigter, mal unberechtigter Kritik; Angst davor, dass Kommunikation mit fremden Kindern fehlgedeutet werden könnte; Angst, dass ein in Sachen Erziehung vertretener Standpunkt anecken und als "konservativ" oder "gestrig" wahrgenommen werden könnte; Angst, in autoritäre Verhaltensmuster zurückzufallen und dem Kind damit zu schaden.

Vor allem ist immer die diffuse Angst der Eltern vor potentiell gefährlichen Erwachsenen im Spiel: Es gehört zu unserem durch und durch ängstlichen Weltbild, dass wir glauben, Erwachsene stellten für unsere Kinder eine immer größere Gefahr dar.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik des BKA dagegen zeigt, dass das höchste Risiko für Kinder, Opfer von Misshandlungen zu werden, in Deutschland ausgerechnet in den sechziger Jahren bestand. In der Erinnerung vieler ist das die "gute alte Zeit", als Wertedebatten noch überflüssig schienen.

Ohne irgendetwas an der heutigen Situation beschönigen zu wollen: Unsere Wahrnehmung der Gefährlichkeit der Welt ist aus dem Lot, was zu teils irrationalen, für die Kinder kontraproduktiven Schutzreaktionen führt.

Normale Interaktion wird unterbunden

SPIEGEL-ONLINE-Leserin "Nicola54" schreibt dazu im Forum: "Man darf noch nicht mal freundlich und normal mit einem Kind sprechen, sofort erntet man strenge Blicke und die Eltern, in der Regel die Mütter, mischten sich umgehend in das Gespräch ein. Fragt man das Kind etwas, antwortet die Mutter. Wie soll so ein normales soziales Klima entstehen? Das Signal an die Kinder: ich bin kein eigenständiges Wesen, sondern meine Eltern sind der einzige Bezugspunkt nach außen. So lernen die Kinder auch keinen Respekt vor anderen Menschen."

Leser "Senfkorn" ergänzt: "Es geht ja nicht nur ums Maßregeln. Strahlt einen ein Kind aus seinem Einkaufswagen heraus in der Schlange vor der Kasse freudig an und man lächelt zurück, erntet man oft böse Blicke der Eltern, meist Mütter."

Ein weiteres Indiz für unser gesellschaftliches Klima, das wir gemeinsam erst schaffen. Überzogene Schutzreflexe, wie sie Leser "Senfkorn" schildert, sind bedauerlich. Aber auch für sie gibt es Gründe.

Viele Diskutanten im SPIEGEL-ONLINE-Forum schildern Situationen, in denen ihre Kinder von Erwachsenen in nicht akzeptabler Form angegangen wurden. Daraus mag ein Reflex entstehen, das Kind grundsätzlich abzuschotten. Denn auch das im "Monster"-Artikel angesprochene "miterziehende Dorf" geht ja von einem Ideal aus, das in unserer Gesellschaft nicht immer und überall gegeben ist.

Leser Roelf Bleeker-Dohmen schrieb uns dazu per Leserbrief:

"Ich bin ganz bei Ihnen und Ihrer Frau, was die Vorbereitung von Kindern 'auf adäquates Verhalten in Gesellschaft' angeht. Was aber die Frage der Einmischung in die Erziehung anderer Eltern angeht: Gerade weil hier kein gesellschaftlicher Kompass (mehr?) vorhanden zu sein scheint, werden sich die Eltern in einer familienübergreifenden Erziehung wechselseitig in ihren Maßnahmen kritisieren - sich einmischen hieße dann auch, dass Ihre Beispielmutter ('Kinder müssen sich ausleben!') sich in die Erziehung derer einklinkt, die Wert auf klare Grenzen legen.
Für die Kinder bedeutet das ein Mehr an widersprüchlichem Feedback. Wenn unsere eigenen Kinder die Zustände in anderen Familien beschreiben, verfalle ich ins Kirchturmdenken: Was bei anderen gilt, interessiert mich nicht, hier gelten unsere Regeln. Wenn schon das ganze Dorf erziehen soll - müssen sich die Dorfbewohner dann nicht erst über die Regeln einig sein?"

Der positive Einfluss eines außenstehenden Erwachsenen, der einem Kind Feedback zu seinem Handeln gibt, wirkt nur dann, wenn dieser Erwachsene "richtig tickt", also eine ähnliche Werteorientierung hat. Auch das im Forum immer wieder eingebrachte Argument, dass Kinder vor allem am Modell ihres erwachsenen Umfelds lernten, ist völlig richtig.

Was wir nicht vorleben, werden Kinder auch nicht tun

Wir diskutieren also auch über Selbsterziehung: Wenn wir uns über nicht adäquates Verhalten beim Nachwuchs beklagen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir maßgeblich dazu beigetragen haben - als Eltern oder Außenstehende. Denn auch unsere "erwachsenen" Umgangsformen sind widersprüchlich und nicht immer ideal.

Kindererziehung ist kein Dressurakt, der allein über Handlungsanweisungen funktionieren könnte. Kinder lernen durch Beobachtung des Handels ihrer Vorbilder, aber eben auch anhand der Reaktionen auf ihre eigenen Handlungen. Dieses Element fällt heute aber oft weg - weil "man" sich nicht traut oder die Erwachsenen stattdessen die Dinge unter sich ausmachen.

Leser "WolfHai" entwirft in einem Forumsbeitrag seinen "idealen Ablauf" einer Reaktion auf unser Szenario " Kind tritt fremden Mann, Frau verteidigt Kind gegen dessen Ärger":

0. Kind tritt Mann.
1. Mutter sieht das (oder wird von Mann darauf hingewiesen).
2. Mutter verhindert Fortdauern dieses Verhaltens.
3. Mutter entschuldigt sich bei Mann.
4. Mutter nimmt Kind ins Gebet.
5. Mutter verlangt, dass das Kind sich entschuldigt.
6. Kind entschuldigt sich bei Mann.
7. Mann nimmt Entschuldigung an.
8. Mann bedankt sich bei Mutter für erfolgreiche Intervention.
9. Mutter bedankt sich bei Mann für sein Verständnis.

"Das ist doch nicht so schwierig", schreibt "WolfHai" weiter. "Es gehören aber mindestens zwei (Mann und Mutter) zu dieser Kooperation."

Klingt tatsächlich einfach und kultiviert, weckt aber sofort Widerspruch im Forum: Das Kind zur Entschuldigung zu nötigen sei nicht angebracht, schreibt einer. "WolfHai" sieht das anders: "Ich halte die Entschuldigung des Kindes für gut, weil es dem Kind klar macht, dass es in seiner Beziehung zu dem Mann etwas zu reparieren gibt und es seine Aufgabe ist, das zu tun. Es kann dann vielleicht auch lernen, dass es dadurch zur Entspannung kommt. Es kann sich zudem in Formen des Umgangs einüben."

So kann man das sehen. Solche Formen der Interaktion schaffen das Rüstzeug, das Kinder für ihr späteres Leben brauchen: Verhaltensregeln, die sicherstellen, dass sie - auch und gerade später als Erwachsene - nicht unangenehm auffallen, aus der Rolle fallen, sich selbst Chancen verbauen. Die sicherstellen, dass sie sich auch in ungewohnten Situationen angstfrei bewegen können. Die gewährleisten, dass sie über ihr Auftreten niemanden verschrecken, sondern im Idealfall andere für sich einnehmen. So etwas lernt ein Kind nicht am Modell, sondern über Feedbacks von Erwachsenen.

Im Forum hat die Diskussion eine andere Wendung genommen. Dort geht es um die Schulen, um Disziplin, auch um Gewalt und asoziales Verhalten, die Ohnmacht vieler Lehrer und das Desinteresse mancher Eltern. Es ist eine andere Diskussion, bei der es eher um Jugendliche geht. Dass sie in einem Forum entstand, in dem es zuerst um elementare Fragen der Erziehung ging, ist aber wohl kein Zufall.

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1. Erziehung
tomtomtomtomtom 18.05.2011
"Man kann Kinder nicht erziehen, die machen einem eh alles nach..." (angeblich ein Zitat von Karl Valtentin und leider wahr)
2. Kids
feuercaro1 18.05.2011
Das Problem ist, dass gewisse Grundselbstverständlichkeiten uns abhanden gekommen sind, was Kindererziehung angeht. Wie beide Artikel zutreffend feststellen, ist stattdessen eine große Unsicherheit getreten. Schauen sie sich 10 gleichaltrige Kinder aus der gleichen Stadt an und sie werden mindestens drei völlig verschiedene Erziehungsstile vorfinden. Diese Kinder interagieren später in der Schule und werden natürlich versuchen, jedes für sich, bei ihren Erziehenden den größtmöglichen Freiraum zu ergattern. Der Verlust des Konsens macht folglich immer mehr Erziehenden schwer zu schaffen. Es wäre allen Kindern und ihren Erziehenden zu wünschen, dass es wieder Regeln gibt, an die sich alle halten müssen. um als sozial integriert zu gelten.
3. Heutige Eltern sind für mich absolut unfähig..
Fensterladen 18.05.2011
Kindern adäquates "Sozialverhalten" beizubringen meiner Beobachtung nach! Da dürfen fremd eLeute angefasst, im Reestaurant endlos belästigt und nicht mal ne Stunde lautstark gesprielt sondern 10 Stunden am Stück lauthals rumgeplärrt werden in kleinen Gärten...wie sollen bitte so Kinder ERLEBEN, dass es auch noch ANDERE Lebewesen auf der Welt gibt,a uf die man Rücksicht nehmen muss, wenn Eltern da nicht eingreifen! Das Beispiel im Artikel mit der "Entschuldigung" zeigt es und ist simple, aber selbst zu so simplen sachen sidn Eltern wohl mehrheitlich nicht mehr in der LAge. Solceh Kinder werden später gesellschaftliche Versager, berufliche Versager, weil SPÄTER im Leben eben dann die Grenzan ganz plöstlzich und massiv plötzlich auftauchen! Alld ies ist nachträglich später nicht mehr zu reparieren, finde ich. Das ERSTE, was in sogenannten Eliteschulen gelehrt wird, und da versagt eben jeder Mittelstandsnachwuchs später und bleibt auf der Strecke, dem von seinen Eltern leider als Kleinkind niemals irgendwelche Verhaltensregeln zu Mitmenschen beigebracht wurden, weil das Kind sich ja "grenzenlos ausagieren" drüfen muss! Wer diesen Schwachsinn ind ie Welt gesetzt hat, täte mich echt interessieren...Die Elite und ihr Nachwuchs lacht sich derweil eins und bleibt unter sich!
4. stimmt, wenn die Eltern ihnen ZEIGEN, dass man keinerlei Rücksicht
Fensterladen 18.05.2011
Zitat von tomtomtomtomtom"Man kann Kinder nicht erziehen, die machen einem eh alles nach..." (angeblich ein Zitat von Karl Valtentin und leider wahr)
auf Nachbarn, andere Menschen generell, Tiere, etc. nehmen muss, dann lernt das Kind eben das! Und wird zum gesellschaftlichen VERSAGER später beruflich und privat in Beziehungen...aber da hilft ja dann wieder Komasaufen...und Hartz 4......
5. Beitrag bestätigt lediglich Mehrheitsmeinung.
leasingnehmer 18.05.2011
Zitat von sysopDer Beitrag "Die Monster anderer Eltern" hat eine breite Debatte verursacht: Welche Verantwortung trägt die Gesellschaft bei der Erziehung von Kindern?*Autor Frank Patalong dokumentiert die Diskussion in Forum und Web. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,759246,00.html
Seien wir ehrlich. Kinder nerven. Kinder sind laut. Die meisten sind unangepasst. Jedenfalls die der anderen. Eigentlich wandelt sich nicht viel. Unsere Kinder sind vermutlich genauso wie die Jugend schon vor 2500 Jahren. Und die Jugend ist der wertvollste Schatz jeder Gesellschaft und jeder Kultur. Es wandelt sich vorwiegend die Wahrnehmung der Gesellschaft. Da die Mehrheit keine Kinder mehr hat (was von der zunehmenden Alterung, aber durchaus auch von ökonomischer Intelligenz des Einzelnen in dieser Gesellschaft zeugt), verlangt diese von Eltern wiederum, dass sie ihre Kinder für Lautsein und mangelnde Anpassung etc. möglichst effektiv sanktionieren. Nur zu verständlich. Sind ja nicht die eigenen. Da wäre man wohl großzügiger. Nämlich aus Eigenliebe.
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