Erziehungsfreie Zonen Die Monster anderer Eltern

Schmollender Junge: Kindern Grenzen setzen, auch wenn es nicht die eigenen sind?
Corbis

Schmollender Junge: Kindern Grenzen setzen, auch wenn es nicht die eigenen sind?

2. Teil: Das soziale Minenfeld - Erziehung als Nicht-Einmischungszone?


Das Schlimmste aber ist, dass wir als Gesellschaft die Erziehung zur Intimsache erklärt haben, statt daran teilzunehmen. Natürlich sollte man nicht als Unbeteiligter in die Erziehung anderer Leute hineingrätschen. Aber was spricht dagegen, Kindern unmissverständlich zu signalisieren, ob sie sich gut oder schlecht verhalten?

So gehört seit einigen Jahren ein afrikanisches Sprichwort zum Standard-Repertoire vieler Politiker, Kirchenleute und Sozialarbeiter, wenn sie das Ideal einer funktionierenden, kinderfreundlichen Gesellschaft beschwören: "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen."

Gemeint ist: Wir alle sollten teilnehmen an der Erziehung der Kleinen, auf dass diese ihren Platz finden in der Gesellschaft. In der Realität gibt es aber einen virtuellen Schutzkreis um jedes Kind, der einem verminten Gelände gleicht. Es ist eine Nicht-Einmischungszone - und eine der wenigen Normen, die die meisten von uns in Bezug auf die Kindererziehungsfrage noch teilen: Man mischt sich nicht ein in die Erziehung fremder Kinder.

Wer das trotzdem wagt und "miterziehend" wirkt, ohne durch seine berufliche Position dazu ermächtigt zu sein, läuft Gefahr, sich zum sozialen Paria zu machen. Der richtige Konsens darüber, dass Erziehung erst einmal Privatsache ist, hat uns fälschlich dazu gebracht, auch ehrliche, intuitive Interaktionen mit den Kindern anderer Leute einzustellen, sie fast zu tabuisieren - weil jedes Feedback an das Kind als Botschaft an oder Angriff auf die Eltern missverstanden wird.

Kokereien, Kläranlagen, Kinder

Wir haben den Umgang mit dem Kind verlernt. Das zeigt auch dieses Beispiel: Im Bundesrat ist eine Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes verabschiedet worden. Es definiert mit einem neu eingefügten Absatz erstmals, dass "Geräuscheinwirkungen, die von Kindertageseinrichtungen, Kinderspielplätzen und ähnlichen Einrichtungen wie beispielsweise Ballspielplätzen durch Kinder hervorgerufen werden, [...] im Regelfall keine schädliche Umwelteinwirkung [sind]."

Eigentlich sollte uns dieses Gesetz zutiefst beschämen. Erstens, weil es überhaupt nötig geworden ist; und zweitens, weil man Rechte von Kindern nur im Rahmen eines Gesetzes in den Griff bekommen hat, über das normalerweise Fragen wie Kokerei-Abgase, Kläranlagen-Gerüche oder Kraftfahrstraßenlärm geregelt sind. Kinderlärm ist zwar eine Umwelteinwirkung, "im Regelfall" aber "keine schädliche". Gut, dass das mal einer gesagt hat.

Das Gesetz schützt nun Kinder (und ihre Eltern) davor, rechtlich belangt zu werden, wenn sie sich normal verhalten - nämlich laut. Nötig wurde es, weil bis zu einem Drittel aller aktenkundigen Nachbarschaftsbeschwerdesachen auf Anzeigen wegen Kindergeräuschen entfallen.

Wir sind mitverantwortlich, wenn Monster heranwachsen

So bizarr ticken wir inzwischen als Gesellschaft: Wir halten die Klappe, wenn Kinder öffentlich zu Monstern mutieren, und beschweren uns, wenn sie sich normal verhalten.

Stattdessen haben wir das einzelne Kind zu einem schützenswerten Sanktum erklärt, als stünde es auf der Roten Liste. Es kann nichts falsch machen, es darf alles, es muss sich ausleben, Kritik ist nicht angesagt, die Interessen Erwachsener zählen nicht.

Zum einen die kinderfeindliche Enge des öffentlichen Raums, in dem sich Kinder immer weniger frei bewegen dürfen, zum anderen das erzieherische Vakuum in Situationen, in denen ihnen eigentlich Grenzen gesetzt werden müssten, sind zwei Seiten derselben Medaille: Sie sind Zeichen dafür, wie fremd uns der Umgang mit kleinen Menschen geworden ist, wie artifiziell wir mit Erziehung umgehen.

Im Idealfall erzieht das ganze Dorf mit und vermittelt damit nicht nur Grenzen, sondern auch Sicherheiten: Dem Kind solches Feedback nicht zu geben, ist unverantwortlich. Eine Gesellschaft, die das vergisst, erzieht sich ihre Monster selbst.



insgesamt 794 Beiträge
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Seite 1
boeseHelene 26.04.2011
1. .
ich kenn das auch so aus Italien und Spanien die Menschen dort sind sehr kinderfreudlich aber es wird einfach erwartet, dass die Kinder gut erzogen werden, da achtet auch die ganze Familie drauf und es gibt für die Eltern nichts peinlicheres als schlecht erzogene Kinder kein Kind dort würde sich wie hier oft gesehen im Supermarkt auf den Boden werfen und brüllen.
Nicola54 26.04.2011
2. ...
Es geht ja nicht nur darum, sich unhöftlich verhaltende Kinder in ihre Grenzen zu verweisen. Man darf noch nicht mal freundlich und normal mit einem Kind sprechen, sofort erntet man strenge Blicke und die Eltern, in der Regel die Mutter, mischt sich umgehend in das Gespräch ein. Fragt man das Kind etwas, antwortet die Mutter. Wie soll so ein normales soziales Klima entstehen. Das Signal an die Kinder: ich bin kein eigenständiges Wesen, sondern meine Eltern sind der einzige Bezugspunkt nach außen. So lernen die Kinder auch keinen Respekt vor anderen Menschen.
Poisen82, 26.04.2011
3. ---
Dies ist doch nur die Ernte, dessen Saat in den 70er und 80er Jahren ausgebracht wurde.
mimas1789 26.04.2011
4. Natürlich
Meine Kinder haben öfter Besuch von Schulfreunden. Für diese gelten dann die gleiche Regeln wie für meine Jungs. Da unterscheide ich nicht. Und meinen Ansagen wird Folge geleistet. Ansonsten gibt es Sanktionen. Sowohl für meine Kinder als auch für die Gastkinder. Und es funktioniert. Und wenn ich unterwegs bin und fremde Kinder verhalten sich nicht korrekt dann schreite ich ein. Auch bei mir fremden Kindern. Auch wenn die Eltern daneben stehen. Einmischen ist erlaubt. Anfassen nicht.
Frieden ist alles 26.04.2011
5. Ein furchtbarer Artikel
Zitat von sysopDarf man fremde Kinder tadeln, wenn sie sich daneben benehmen? Nein, lautet häufig die Antwort. Denn Erziehung gilt zunehmend als intime Angelegenheit - mit abstrusen Folgen. Kinder brauchen Grenzen, meint dagegen*Frank Patalong. Und die sollten nicht nur die eigenen Eltern setzen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,756703,00.html
Ein furchtbarer Artikel.Schlimmer können Vorurteile als Journalismus getarbt nicht verbreitet werden. Allein dieser Satz "Wir halten die Klappe, wenn Kinder öffentlich zu Monstern mutieren, und beschweren uns, wenn sie sich normal verhalten." zeigt für mich deutlich wie voreingenommen der Autor gegenüber Kindern ist.Kinder als "Monster" zu bezeichen,kommt der Geschechte vom Wechslebalg sehr nahe.Ich fürchte mich vor menschen die einen solch verzerrten Blick auf KInder haben. Das es auch bei Kindern notwendig ist seine eigenen Grenzen zu kennen und sich entsprechend zu verhalten ist für mich nachvollziebar. Der Arktikel geht ein weiteres mal nicht auf die Ursachen des Verhaltens der Kinder ein.Es wird nicht die Frage gestellt wie es dazu kommen konnte,das das Mädchen so sehr nach Bonbons schreit,oder das der Junge den Mann tritt.So entsteht ein klischeehaftes Bild,bei der es darum geht das Kind masszuregelen und alles tieferliegende wird ausser acht gelasen.Eine sehr oberflächliche Sichtweise.Ein Artikel der sicher nicht hilfreich ist wenn es um Verständnis für Kinder geht,der aber gängigen Vorurteilen entsprechen dürfte.
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