Erziehungsfreie Zonen: Die Monster anderer Eltern
Darf man fremde Kinder tadeln, wenn sie sich danebenbenehmen? Nein, lautet häufig die Antwort. Denn Erziehung gilt zunehmend als intime Angelegenheit - mit abstrusen Folgen. Kinder brauchen Grenzen, meint dagegen Frank Patalong. Und die sollten nicht nur die eigenen Eltern setzen.
Meine Frau empfindet viele deutsche Kinder als asozial im Sinn des Wortes: als sozial nicht kompetent, als nicht vorbereitet auf adäquates Verhalten in Gesellschaft. Sie ist Irin, die Gesellschaft, aus der sie kommt, tickt anders in Sachen Erziehung. Manieren sind dort wichtig, Kinder wissen, wann sie sich zurückhalten sollten.
Was sie hier zu oft erlebt, sagt sie, sind aufdringliche, laute, auch arrogante und dominante Kinder, die in jeder Situation die volle Aufmerksamkeit aller Erwachsenen einfordern und deren Kommunikation unterbinden. Kinder, die elementare soziale Regeln nie gelernt haben: Grüßen, Jacke aufhängen, korrekt essen, laufende Gespräche nicht lautstark unterbrechen, Respekt vor dem Eigentum anderer zeigen, anderen auch einmal den Vorrang lassen, höflich sein, bescheiden.
Meine Frau sieht in solchen Verhaltensweisen nützliche Fähigkeiten. Kindern das alles nicht zu vermitteln, hält sie für unterlassene Hilfeleistung. "Damit tut man den Kindern keinen Gefallen", sagt sie.
"Wir Erwachsenen wollen uns unterhalten"
Sie hat recht. Aber ist das noch individuelles erzieherisches Versagen, oder nicht schon gesellschaftliches? Drei Szenen aus dem deutschen Kinderalltag zeigen das Problem:
- Kurz vor der Supermarktkasse wirft sich Maximilian, vier Jahre jung, auf den Boden. Er schreit und fordert eine Süßigkeit, die Mutter verweigert sie. Das Kind schreit immer lauter, läuft rot an. Eine Frau Ende 50 findet, die Mutter solle dem Kind doch die Süßigkeit geben. Die Mutter verbittet sich die Einmischung. Ein Streit entsteht, als die Frau selbst versucht, die Süßigkeit für das Kind zu kaufen.
Mutter und Kind verlassen den Supermarkt ohne Süßigkeit, die ältere Dame bekommt Zuspruch von anderen Einkäufern: Sie habe es schließlich nur gut gemeint.
- An einer Supermarktkasse steht ein Mann um die 70, hinter ihm eine Mutter mit sechsjährigem Sohn. Der will etwas haben und probt den Aufstand. Als er es nicht bekommt, tritt er dem Mann vor ihm unvermittelt gegen das Bein. Der dreht sich um und ruft wütend und laut: "Was soll das denn?" Die Mutter darauf: "Ranzen Sie mein Kind nicht an!" Im folgenden Streit verbittet sich die Mutter jede Einmischung in ihre Erziehung. Der alte Mann regt sich auf und sagt ihr, ihrer Göre gehörten Grenzen gesetzt. Sie beantwortet das mit dem Satz: "Kinder müssen sich ausleben!"
- Fünf Männer sitzen an einem Tisch und unterhalten sich. Ein achtjähriges Mädchen betritt den Raum, ihr ist langweillig. Fast umgehend beginnt sie, an der Kleidung ihres Vaters zu zupfen, ihm aufs Bein zu schlagen, seine Aufmerksamkeit einzufordern. Als sie nicht genug davon bekommt, spricht sie einfach dazwischen, versucht die Männer zu übertönen. Einer der Männer beugt sich daraufhin zu dem Mädchen herab und sagt ruhig, aber sehr bestimmt: "Pass mal auf, Spatz: Du kannst gerne hier bleiben, aber dann musst du ruhig sein. Wir Erwachsenen wollen uns unterhalten."
Wir haben verlernt, sicher zu bewerten und zu reagieren
Es fällt uns nicht schwer, diese drei Szenen zu beurteilen. Natürlich setzt das Kind in der ersten Szene seine Mutter erfolgreich unter sozialen Druck. Prinzipiell wissen wir, dass die Mutter in dieser Situation unsere Solidarität braucht, und nicht das Kind. In der Praxis aber sieht das oft anders aus. Wir lieben glückliche Kinder, doch schreiende, weinende Kinder nerven uns. Und Hand aufs Herz, wie oft haben Sie schon so etwas gedacht: Hat die Mutter nicht schon versagt, weil sie das Kind nicht unter Kontrolle hat?
Auch die zweite Szene scheint klar, spätestens, als der Satz mit dem "ausleben" fällt: Die Mutter versagt erzieherisch auf ganzer Linie. Andererseits: Was wäre gewesen, wenn der alte Mann den Jungen in einem Reflex auch nur leicht angefasst hätte? Wer hätte die Sympathien dann auf seiner Seite?
Szene drei: Natürlich muss ein Kind wissen, dass man nicht einfach das Gespräch anderer unterbricht. Aber wäre es nicht Aufgabe des Vaters gewesen, das Mädchen zurechtzuweisen? Hat ein Dritter überhaupt das Recht, so etwas zu tun? Ist das nicht eine Einmischung, die man 1950 erwartet hätte, heute aber als unangemessen empfindet? Wie reagieren Sie auf Menschen, die die Kinder anderer Leute zurechtweisen? Und wie, wenn es um Ihr eigenes Kind geht?
Ich war Zeuge dieser Szenen. Was mich daran irritiert: Wie unzuverlässig unser sozialer Kompass mittlerweile funktioniert, wenn es um Kinder geht. Wir scheinen unsere gemeinsamen Bewertungsmaßstäbe verloren zu haben. Wir "wissen" nicht mehr prinzipiell: So und so muss es sein.
Die Frage ist nicht, ob das Kind etwas Süßes bekommen sollte oder nicht. Es sollte lernen, sich nicht schreiend auf den Boden zu werfen, um seinen Willen durchzusetzen. Die Frage ist nicht, ob ein Getretener ein Kind wütend anbrüllen oder anfassen darf oder nicht. Das Kind muss wissen, dass es nicht einfach jemanden treten darf, weil es gefrustet ist. Die Frage ist nicht, ob ein "Fremder" einem Kind sein Fehlverhalten vorhalten darf. Das Kind muss wissen, wie es sich in sozialen Situationen angemessen verhält.
Um all das zu lernen, braucht es erzieherisches und eben kein widersprüchliches Feedback - und das nicht nur von seinen Eltern.
- 1. Teil: Die Monster anderer Eltern
- 2. Teil: Das soziale Minenfeld - Erziehung als Nicht-Einmischungszone?
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