Homophobie in Baku Bitte nicht stören!

Wer in Aserbaidschan schwul ist oder lesbisch, geht in Deckung. Zu groß sind Hass, Unwissenheit und religiöse Vorbehalte. Doch mit den Sängern aus aller Welt strömen zum Eurovision Song Contest auch viele homosexuelle Fans nach Baku.

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Schriftsteller Alekper Alijew: "Die autoritäre Regierung wünscht keine Störungen"
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Schriftsteller Alekper Alijew: "Die autoritäre Regierung wünscht keine Störungen"


"Schwule? Die hasse ich! Ich kenne keinen, will auch keinen kennenlernen. Für uns sind das keine Menschen." Der Aserbaidschaner, der das sagt, ist nicht dumm. Er hat studiert, ist der Demokratie und der europäischen Aufklärung wohlgesonnen. Aber er ist auch Muslim. Ein weltlicher, zeitgemäßer, wie er sagt. Namentlich genannt werden will er nicht.

Der Eurovision Song Contest (ESC) und die schwule Gemeinde gehören zusammen wie Abba und Waterloo, wie Nicole und der Föhn-Pony, Lordi und ihre Zombie-Masken. Allerdings nicht in Aserbaidschan. Hier ist Schwulsein ein Schimpfwort, ein Druckmittel der Regierung, um Oppositionelle - homosexuell oder nicht - in Misskredit zu bringen.

Regimekritische Journalisten werden heimlich beim Masturbieren gefilmt und in Beiträgen des regierungstreuen TV-Senders Lider als schwul vorgeführt. Dem Führer der Volksfront-Partei, Ali Karimli, sagt man nach, dem männlichen Geschlecht zugeneigt und mithin als Politiker untragbar zu sein.

Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf Homosexuelle, allerdings in den seltensten Fällen zu einer Anzeige der Täter: Die Angst vor den korrupten Behörden ist größer als vor den Schlägern.

Der bekannte Künstler und Dichter Babi Badalow hat Aserbaidschan vor langer Zeit verlassen - und nicht die geringste Absicht, je "in dieses dumme Land" zurückzukehren. "Ich liebe die Kultur, die Tradition, aber ich will die tränenreichen, unglücklichen Jahre, die ich dort verbracht habe, einfach vergessen", sagt er. "Nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans 1991 kam die Religionsfreiheit und mit ihr eine Zunahme der schwulenfeindlichen Übergriffe. Seitdem ist die Homophobie in der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung gewachsen - und es ist kein Ende abzusehen."

Anfang der Achtziger ging Badalow nach St. Petersburg, wo erst im Februar ein Gesetz gegen "Schwulen- und Pädophilie-Propaganda" erlassen wurde. Seitdem kann dort schon das Schwenken einer Regenbogenfahne mit hohen Geldstrafen geahndet werden. Dennoch ist Russland in Sachen schwuler Emanzipation Aserbaidschan sogar einige Schritte voraus.

"Das neue Gesetz ist eine Reaktion auf die heftigen Proteste der schwul-lesbischen Community in Petersburg. In Baku gibt es solche Aktionen aber gar nicht", sagt Ruslan Baluchin von der Interessenvertretung für sexuelle Minderheiten LGBT. "Allein das Gerücht über eine mögliche Gay-Pride-Parade während des ESC hat einen Sturm der Entrüstung und des Zorns in der Bevölkerung entfacht."

Doppelleben statt Coming Out

Zwar wurde in Aserbaidschan im Jahr 2000 ein noch aus Sowjetzeiten stammendes Gesetz abgeschafft, das homosexuelle Aktivitäten unter Strafe stellte. Auch gibt es in der Hauptstadt viele Schwule und Lesben, die arbeiten und relativ unbehelligt leben können. Der Großteil ihres gesellschaftlichen Lebens spielt sich allerdings jenseits der Öffentlichkeit ab: Außer einer Cruising Area im Zentrum gibt es keine offiziellen Treffpunkte, Veranstaltungen oder Organisationen. Einige prominente Homosexuelle machen ihre Orientierung öffentlich, die Mehrheit allerdings behält sie für sich.

Auf dem Land ist die Intoleranz größer als in der Stadt. Deshalb flüchten viele aus dem bedrängenden und für sie bisweilen gefährlichen provinziellen Umfeld. Coming-outs in der Familie sind selten, viele Betroffene führen ein perfekt durchorganisiertes Doppelleben. Die Gründe dafür sind offensichtlich. Die in Brüssel ansässige International Lesbian and Gay Association (Ilga) berichtete 2006 von einer Transsexuellen, die von ihrem eigenen Vater über Jahre bestialisch gefoltert wurde, nachdem dieser erfahren hatte, dass sie sich prostituierte.

"Wenn meine Familie davon erführe, würde sie mich töten oder lebendig verbrennen", sagte eine lesbische Frau stellvertretend für viele auf die Frage nach einem offenen Umgang mit ihrer Sexualität.

Gründe für Übergriffe auf sexuelle Minderheiten gibt es viele: Religion, Erziehung, die konservative Grundhaltung der Aserbaidschaner. "Am schlimmsten aber ist die Unwissenheit", sagt Ruslan Baluchin.

"Wenn es ums Geschäft geht, sind alle religiösen Bedenken vergessen"

Ein Restaurant im Zentrum Bakus. Alekper Alijew scherzt mit einem gesprächigen Garderobier, der aussieht wie ein farbenblinder Zirkusdirektor. Im hinteren Teil des Souterrains gibt es eine Art Separée, einen mit Felsstein verkleideten Rückzugsraum mit zwei kleinen Tischen. Im Hintergrund dudelt Fahrstuhlmusik. Alijew trägt Basecap und Kapuzenjacke, ist wohlerzogen und unaufdringlich weltgewandt.

Im Jahr 2008 sorgte der Schriftsteller für einen veritablen Skandal: In seinem Buch "Artusch und Zaur" erzählt er die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Männern. Das allein hätte als Grund für die Schließung von Buchläden, die Konfiszierung aller gedruckten Exemplare und das Verbot des Romans gereicht. Aber Alekper Alijew setzte noch einen drauf: Seine Helden kommen aus Aserbaidschan und Armenien, zwei durch den Berg-Karabach-Konflikt verfeindete Nationen, die sich seit vielen Jahren bis aufs Blut bekämpfen. Der Aufschrei im Land war groß.

Müssen nun schwule und lesbische ESC-Besucher aus dem Ausland Angst haben, wenn sie nach Baku kommen? "Nein, sie können sich vollkommen sicher fühlen", sagt Alijew. "Nicht, weil die Aserbaidschaner so tolerant wären, sondern weil die autoritäre Regierung keine Störungen wünscht. Wer auf Schwule losgeht, wird vom Alijew-Clan fertiggemacht." Aserbaidschan wolle sich als aufgeschlossenes, weltliches Land präsentieren. "Mit Dutzenden politischen Häftlingen, dafür aber mit 'freien' sexuellen Minderheiten", so Alekper sarkastisch.

Auch zum Eurovision Song Contest wird es keine Schwulenparade geben

Sorgen bereitet dem Schriftsteller die zunehmende Radikalisierung der Gläubigen im Land. "Es ist bei uns genauso gefährlich, gegen den Islam zu agitieren wie gegen die Regierung", sagt er. "Aserbaidschan wird Iran immer ähnlicher."

Der Einfluss der Islamischen Republik sei immens - auch wenn sich der aserbaidschanische Präsident und überzeugte Atheist Ilham Alijew säkular gebärde. Das Tragen von Kopftüchern ist in aserbaidschanischen Schulen untersagt, es gibt keine religiösen Formate im Fernsehen, ab und zu werden Moscheen geschlossen. "Im Süden Aserbaidschans schicken unsere Landsleute ihre Kinder in iranische Schulen, lassen sie dort studieren."

Am Mittwoch behauptete Iran, die aserbaidschanische Regierung beleidige den Islam, weil sie Kundgebungen von Homosexuellen erlaubt habe. Tatsächlich gab es noch nie eine Schwulendemonstration im Land. In Wahrheit ist Teheran verstimmt, weil das ölreiche Aserbaidschan im Februar mit dem Erzfeind Israel einen milliardenschweren Rüstungsdeal abschloss und offenbar versprach, der israelischen Luftwaffe Zugang zu mehreren Militärflugplätzen in Aserbaidschan zu verschaffen.

Auch zum Eurovision Song Contest wird es keine Schwulenparade geben, da ist sich LGBT-Aktivist Ruslan Baluchin sicher. "Dafür bräuchte man die Erlaubnis der Stadt - und die werden wir nicht bekommen."

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insgesamt 41 Beiträge
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Extrameter 25.05.2012
1. Schwulenparade
Wozu brauchen die Menschen in Aserbaidschan eine Schwulenparade. Die braucht kein Mensch auf dieser Welt. Die Schwulen sollen und müssen die gleichen Rechte wie die Heterosexuellen haben - überall auf der Welt. Ich brauche weder eine Schwulen noch eine Heterosexuellen Parade.
symolan 25.05.2012
2.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWer in Aserbaidschan schwul ist oder lesbisch, geht in Deckung. Zu groß sind Hass, Unwissenheit und religiöse Vorbehalte. Doch mit den Sängern aus aller Welt strömen zum Eurovision Song Contest auch viele homosexuelle Fans nach Baku. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,834781,00.html
Es gibt tatsächlich Leute, die freiwillig wegen ESC nach Baku fahren?? Für mich wär das ja am TV schon Folter...
Europa! 25.05.2012
3. Religionsfreiheit
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWer in Aserbaidschan schwul ist oder lesbisch, geht in Deckung. Zu groß sind Hass, Unwissenheit und religiöse Vorbehalte. Doch mit den Sängern aus aller Welt strömen zum Eurovision Song Contest auch viele homosexuelle Fans nach Baku. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,834781,00.html
"Mit der Religionsfreiheit kamen die Übergriffe" - ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen könnte, wenn er nicht so traurig wäre. Es gibt nur eine einzige Form der Religionsfreiheit: die Befreiung von jeglicher Religion.
borisHB 25.05.2012
4. Brauchen != dürfen
@Extrameter: Es ist in einer Demokratie nicht die Frage, ob jemand nur das machen darf, was jemand anderes braucht. Da es in Baku sicherlich diverse Paraden gibt, müssen nach Deiner Logik eben auch Schwule eine machen dürfen. Egal, ob jemand anders das braucht.
Reqonquista 25.05.2012
5. Beleidigt
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWer in Aserbaidschan schwul ist oder lesbisch, geht in Deckung. Zu groß sind Hass, Unwissenheit und religiöse Vorbehalte. Doch mit den Sängern aus aller Welt strömen zum Eurovision Song Contest auch viele homosexuelle Fans nach Baku. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,834781,00.html
Ich fühle mich in meinen religiösen Gefühlen beleidigt, wenn Schwule gejagt werden. Weltweit sollte alle Gleichgesinnten aufstehen und dagegen protestieren. Wenn Allah die Schwulen nicht gewollt hätte, so würde es keine geben! Da es sie gibt, liebt er sie auch!
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