Tafeln in Not "Wir sind am Limit"

Das Vorgehen in Essen hat große Aufregung ausgelöst - dabei gibt es mehrere Tafeln, die den Zugang für Flüchtlinge erschweren oder deutsche Rentner bevorzugen. Sie alle müssen irgendwie den Mangel verwalten.

Bei der Essener Tafel
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Bei der Essener Tafel

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Man kann Renate Kampe nicht vorwerfen, dass sie nichts versucht hätte. Die 79-Jährige leitet die Tafel in der Stadt Marl in Nordrhein-Westfalen. Seit einem halben Jahr bekommen alleinstehende Männer dort keine Berechtigungsausweise mehr. "Wir haben nicht genug Ware", sagt Kampe.

Knapp wurde es, so erzählt Kampe, als sich 2015 auch in Marl die Turnhallen mit Menschen füllten, für die man keine andere Bleibe fand. Plötzlich hätten viele Flüchtlinge vor ihrer Tafel gestanden. Anfangs habe man ihnen nach Feierabend die Reste gegeben. Später sei die stark gewachsene Kundengruppe geteilt worden: Fortan durften alle - Flüchtlinge wie Stammkunden - nur noch alle zwei Wochen kommen, damit es reichte. Das ging eine Weile gut.

"Vor einem halben Jahr haben wir dann gemerkt: Es reicht nicht mehr", sagt Kampe. Man entschied sich, alleinstehende junge Männer nicht mehr aufzunehmen. Dass dies nur für ausländische Männer gelte, dementiert Kampe. Aber sie räumt ein, dass die Regelung de facto fast nur ausländische Männer betrifft. "Alleinstehende junge deutsche Männer gibt es bei uns so gut wie gar nicht", sagt sie. Abgewiesene Antragsteller würden gebeten, alle vier Wochen wieder nachzufragen.

Renate Kampe
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Renate Kampe

Seit der Aufregung um die Essener Tafel, die vorerst nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu aufnimmt, ist die Situation der Tafeln bundesweit zum Thema geworden. Ehrenamtler aus diversen Städten berichten von Nöten, viele haben andere Lösungen gefunden als ihre Essener Kollegen, auch der Vorsitzende der Tafeln in Deutschland hält deren Vorgehen für "unglücklich". Dennoch haben mehrere Tafeln in ihrer Not entschieden, Menschen auszuschließen.

"Vorrang haben Rentnerinnen und Rentner"

"Unsere Kapazitäten sind begrenzt. Wir sind wie viele andere Tafeln am Limit", sagt Alfred Zellner, Leiter der Tafel im bayerischen Zwiesel. Für ihn ist der Fall klar: "Vorrang haben die Rentnerinnen und Rentner." Das seien fast alles Einheimische. "Und die Senioren sind oft besonders bedürftig. Da gibt es teilweise Omas, die nach Abzug von Miete und Nebenkosten mit 40 bis 50 Euro im Monat über die Runden kommen müssen."

Erst nach den Rentnern seien die Familien und anschließend die alleinstehenden Männer und Frauen dran - die erhielten dann mitunter etwas weniger. Zuletzt habe man sich zu einem weitergehenden Schritt entschieden: "Aktuell bekommen bei uns Flüchtlinge keine weiteren Berechtigungsscheine mehr."

Man habe die Zahl der Flüchtlingsfamilien unter den Kunden bis auf weiteres auf 17 begrenzt, sagt Zellner. Da in den Familien jedoch zumeist fünf bis sieben Kinder lebten, seien bereits heute ein Drittel der 300 regelmäßigen Tafel-Besucher Flüchtlinge. Mit der Begrenzung wolle man garantieren, "dass auch alle einheimischen Bedürftigen etwas bekommen", sagt Zellner, "wir wollen Sozialneid verhindern." Die Tafel begrenze die Zahl der Flüchtlinge nicht gern. "Aber wir haben einfach nicht genug Lebensmittel zur Verfügung."

Im niederbayerischen Regen dürfen Flüchtlinge und Deutsche an zwei Tagen in der Woche zur Tafel kommen. "Da sind dann etwa 80 Prozent Ausländer und 20 Prozent Deutsche da", sagt Tafel-Leiter Peter Brückl. Wegen des Andrangs sei "natürlich auch geschubst und gedrängt" worden. Es seien immer weniger Deutsche gekommen.

Brückl und sein Team liefern daher am dritten Öffnungstag nur noch nach Hause - das Angebot richtet sich ausschließlich an Deutsche. "Das Anstellen mit den vielen ausländischen Männern, viele davon Flüchtlinge, wollen halt nicht alle", sagt Brückl. So könne man auch die Alten und Alleinerziehenden bedienen. "Die Ausländer, die zur Tafel kommen, sind alles Männer. Die können ja anders als ein Teil der Rentner auch problemlos zu Fuß zu uns kommen."

Im brandenburgischen Guben hatte man 2016 einen ähnlichen Schritt gewagt. Die Tafel öffnete an zwei Tagen in der Woche ausschließlich für EU-Bürger, an den anderen ausschließlich für Flüchtlinge. Wegen Engpässen habe man sich damals nicht anders zu helfen gewusst, sagt Sylvia Schneider, Leiterin der Tafeln Forst und Guben. Nach lauter Empörung im Internet - unter anderem hieß es, Deutsche würden benachteiligt - beendete sie die Regel wieder.

Unverständnis für Merkels Kritik

Überall in Deutschland suchen Lebensmittelausgaben nach Maßnahmen, um dem Andrang Herr zu werden. Immer wieder müssen sie dabei einzelne Gruppe bevorzugen. In Bochum-Wattenscheid etwa kommen Rentner zuerst dran, wie die dortige Tafel auf Nachfrage bestätigt.

Im oberbayerischen Hallbergmoos gibt die Tafel Lebensmittel auch an Flüchtlinge aus - aber nur an anerkannte. "Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht", sagt Tafel-Chefin Tanja Voges. Das Klima zwischen Einheimischen und anerkannten Flüchtlingen, die in die Tafel kommen, sei wirklich gut.

Auch die Münchner Tafel nimmt Geflüchtete einem Sprecher zufolge erst auf, "sobald sie anerkannt sind". Aufnahmestopps für Flüchtlinge oder gar alle Migranten lehnen sie an der Isar jedoch strikt ab. "Wir werden nicht anfangen, Bedürftige unterschiedlicher Herkunft gegeneinander auszuspielen", so der Sprecher.

In ihrer angespannten Situation fühlen sich die Tafeln von Politikern im Stich gelassen. Auf Kritik der Bundeskanzlerin an der Essener Tafel reagierte der Bundesvorsitzende Jochen Brühl mit Unverständnis.

Im bayerischen Zwiesel kann man die Kritik aus Berlin ebenfalls nicht nachvollziehen. "Wir laden die Politiker, die Begrenzungen für Flüchtlinge in Essen und anderswo kritisieren, gerne ein, sich einmal eine Woche bei uns hinter den Ladentresen zu stellen", sagt Zellner. "Sie können dann sehen, wie groß die Armut mitten im reichen Deutschland ist und was die Ehrenamtlichen leisten."

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